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(W)Ortwechseln > Pegah Ahmadi & Monika Rinck > Jetzt starren wir uns an: Wir und das Virus. - Brief 12

Jetzt starren wir uns an: Wir und das Virus. – Brief 12

Pegah Ahmadi an Monika Rinck, 18. März 2020

Bild mit Büchern, Computer und Blick aus dem Fenster. © Pegah Ahmadi
„Jetzt schaue ich mich plötzlich im Spiegel vor dem Tisch an, der auch das Bild der Bäume hinter mir widerspiegelt…“ © Pegah Ahmadi

Liebe Monika,

ich habe Deinen Brief gelesen, und das war eines der wenigen Dinge, die mich unter diesen unbeschreiblichen Bedingungen glücklich machen. Es tut mir leid, dass Deine Unterrichtsstunden online stattfinden werden, aber ich bin sicher, dass Liebhaber der Poesie Deinen Unterricht trotzdem mit Interesse verfolgen werden.

Und doch liegt diese beängstigende Realität vor uns. Wir sind darauf gestoßen. Jetzt starren wir uns an: Wir und das Virus. Wir setzen alle unsere Anstrengungen gegeneinander ein. Mit erschreckenden Vorstellungen denken wir auf unseren vereinzelten Inseln an andere Inseln; an Menschen; zerstreute Planeten.

Ja! „Es ist nun leider nicht so, dass ein Ereignis umso unwahrscheinlicher ist, je unvorstellbarer es ist“ – wie genau Du es beschrieben hast! Und jetzt muss gesagt werden: Lieber Herr Blanchot, außer der Zukunft ist nichts mehr „unmöglich“.

Als ob Epidemie bedeutet, dass es keinen privaten Körper mehr gibt. Ich frage mich, ob die individuelle Gesundheit auch dem alten Muster der Moral angehört? Was ist die Definition von dieser grenzenlosen Invasion, die sich uns so schrecklich öffnet? Ist es mein Verstand, der alles in Verbindung setzt, oder ist alles von absoluter Offenheit gefesselt? Werden unsere Quarantänen und Verstecke uns retten? Wenn die Vorstellung von jedem Tod unsere Lungen mit Hunderten von Löwenzähnen füllt. Ich erinnere mich jetzt an jene Filme, in denen die ganze Welt zerstört wurde und nur wenige in einem Boot auf dem Meer schwebten. Vielleicht ist es besser, von dieser wackeligen Atmosphäre zur Poesie, zu den Worten zurückkehren.

Ich bin so froh, dass Du mehr von Schamlus Gedichten liest. Ich hoffe, das Buch über den Iran gefällt Dir. Ich kenne leider Charlotte Wiedemann, die Autorin, nicht.

Also, heute habe ich eine Karikatur gesehen, in der einer der mythischen Götter mit einem verängstigten Gesicht aus den Wolken heraus einem Menschen ein Desinfektionsgel gegeben hat. Vielleicht ist Humor das, was wir jetzt dringend brauchen, besonders heutzutage. Im Iran tanzen Ärzte und Krankenschwestern, trotz Sanktionen, Mangel an medizinischer Ausrüstung und täglichen Toden, um die Stimmung der Patienten zu heben. Viele von ihnen haben ihre Lieben seit Wochen nicht mehr gesehen. Es ist schmerzhaft, Bilder von Menschen zu sehen, die auf Stühlen, dicht beieinander, mit Kleidung, Mundschutz und Handschuhen schlafen. Oder ihre weinenden, frustrierten Videos anzuschauen, in denen sie die Leute bitten, zu Hause zu bleiben.

Trotzdem habe ich gestern aufgehört, die Nachrichten aus dem Iran, Deutschland und der Welt zu verfolgen. Es ist für mich momentan nicht zu ertragen. Oder vielleicht bin ich nicht stark genug, um die Nachrichten zu verfolgen, wenn alles brutaler und seltsamer wird in der Welt, deren Antwort auf das zitternde menschliche Boot Kugeln sind. Die Welt, die allmählich dem unkontrollierbaren Zoo von wütenden Affen und aggressiven Tieren ähnelt. (Vielleicht hast Du die Videos gesehen.)

Lass uns bitte dieses Thema verlassen!

Mir gefällt das Thema „Vorhersagen. Poesie und Prognose“ sehr, mit dem Du momentan beschäftigt bist. Diese Magie der Prophezeiung existiert in dem Gedicht und in dem Schreiben selbst. Es gibt Gedichte, die die Zukunft im Voraus aufrufen.

Bijan Elahi – einer meiner Lieblingsdichter unter den toten zeitgenössischen Autoren Irans –, der nur wenige Leser hat, schreibt in einem seiner Gedichte:

Am großen Tag

Ich werde deine Schulter anfassen

du wirst zurückblicken

und wirst sehen

dass ich nicht mehr lache.

Auf jeden Fall hoffe ich, dass ich eines Tages Deine Vorlesungen über „Vorhersagen. Poesie und Prognose“ lesen kann.

Jetzt schaue ich mich plötzlich im Spiegel vor dem Tisch an, der auch das Bild der Bäume hinter mir widerspiegelt, und ich sehe meine Angst. Eine Art von Angst, die selbst das Geräusch von Vögeln nicht beenden kann. Angst wurde zur Stille dieses Raumes und zur Einsamkeit hinzugefügt. Dann ist es wieder was Neues.

Bitte pass gut auf Dich auf!

Uns bleibt nichts, als auf die schönen sonnigen Tage zu warten, sie werden wiederkommen!

Herzliche Grüße

Pegah

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