Weiter Schreiben -
Der Newsletter

So vielstimmig ist die Gegenwartsliteratur.
Abonnieren Sie unseren Weiter Schreiben-Newsletter, und wir schicken Ihnen
die neuesten Texte unserer Autor*innen.

Newsletter abonnieren
Nein danke
Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
Logo Weiter Schreiben
Menu
(W)Ortwechseln > Pegah Ahmadi & Monika Rinck > Das Verhältnis von Unvorstellbarkeit und Unwahrscheinlichkeit - Brief 11

Das Verhältnis von Unvorstellbarkeit und Unwahrscheinlichkeit – Brief 11

Monika Rinck an Pegah Ahmadi, 11. März 2020

Bild einer Baumskulptur, Art Museum, St. Louis. Foto: Monika Rinck
Baumskulptur vor dem Kunst Museum in St. Louis, USA. © Monika Rinck

Liebe Pegah,

ja, das war eine kleine Pause, die sich dann auch auf meiner Seite ausgedehnt hat. Ich freue mich sehr, dass wir uns weiterschreiben können. Seit elf Tagen bin ich nun in St. Louis, Missouri. Bei meiner Einreise, über Toronto, wurde ich nach dem Zweck meines Aufenthalts gefragt: Teaching German Contemporary Poetry – daraufhin meinte der Beamte, ich solle doch mal ein Gedicht aufsagen, yes, say one. Was fiel mir als Erstes ein: Die erste Elegie von Rilke, oder besser gesagt: eine Variation davon. Das Gedicht ist natürlich recht lange, also machte ich auf halber Strecke halt. What is it about? Äh, well, it’s about, äh Angles and it says that animals know more about humans than humans know about themselves. Interesting – – – Yes it is. – Those students will surely have some fun with you … Dann wollte er wissen, ob ich seit Anfang des Jahres in China gewesen sei – nein, und ob ich jemals eine Reise in den Iran gemacht hätte. Nein, sagte ich. Beides nicht. Daraufhin durfte ich einreisen.

Ich habe vor ein paar Wochen begonnen, ein Buch von Charlotte Wiedemann zu lesen, es heißt: Der neue Iran. Es ist 2017 erstmals erschienen und kam im letzten Jahr in einer aktualisierten Fassung heraus. Wie kompliziert diese Gesellschaft doch ist! Von dieser enormen Komplexität haben die wenigsten Leute in Deutschland die geringste Vorstellung. Und auch von der Vielfalt schreibt sie, von den verschiedenen Gruppen und von all den unterschiedlichen Interpretationen, die die Tatsachen weiter vermehren. Von der Heterogenität – dabei bin ich erst auf Seite 45 angekommen und will nun aber nicht die aufgeregte Anfängerin sein, die Dir etwas über ein Land erzählt, das sie – im Gegensatz zu Dir – gar nicht kennt.

Zweimal hat mein Seminar bereits stattgefunden, doch seit heute sind alle Seminare wegen Corona in das Internet verlegt. Am nächsten Montag werden sich die  Dozentinnen und Dozenten aber dennoch einmal persönlich treffen, um zu beraten, wie das überhaupt funktionieren kann. Wie man unterrichten kann: in einem Chatprogramm, oder als Videokonferenz. Wie man über Gedichte sprechen kann, wenn man sich nicht im gleichen Raum befindet.

Sich der Realität gemäß verhalten. Die Realität benennen. Das Thema, an dem ich hier arbeite, wenn ich nicht unterrichte, lautet: „Vorhersagen. Poesie und Prognose.“ Ich schreibe an den Frankfurter Poetikvorlesungen, die ich im Juni halten soll, wenn bis dahin die Universitäten wieder geöffnet sind, hoffentlich. Ich bekomme gerade also sehr viel Material für mein Thema, Prognose zwischen Kontrolle, Kontrollverlust und Panik. Oder: die reine Gleichgültigkeit. Ein Phänomen verschwinden zu lassen, indem man es ignoriert. Realitätsverlust. So wie, wenn ich das überhaupt einschätzen kann, im Iran zunächst mit dem Virus umgegangen worden ist. Lösen durch leugnen. Ein ähnliches Muster wie bei dem entsetzlichen Flugzeugabsturz. „Ein Fehler.“ Jetzt noch ein Fehler. „Nein, dieser Schnee hört nicht auf.“ Es ist wirklich sehr, sehr traurig zu lesen, was Hamed Esmaeilion schreibt. Und dass es eben ein systemischer Fehler ist, kein menschliches Versagen.

Ich würde jetzt gerne in die Bibliothek gehen, um mir ein Buch mit Gedichten von Schamlu auszuleihen, um weiterzulesen. Es gibt einen Band mit Liebesgedichten, englisch und deutsch, aus dem Jahr 2005, übersetzt von Firoozeh Papan-Matin, sehe ich gerade im Online-Katalog. Ich wurde per Mail informiert, dass ich den Campus nur bei notwendigen Recherchen betreten soll. Ich finde im Katalog auch ein Buch von Marie Huber: Memories of an Impossible Future: Mehdi Akhavan Sales and the Poetics of Time. Erinnerungen an eine unmögliche Zukunft. Ja, so vermehren sich die Zeiten, die Erinnerung verändert die Zukunft, die Vorhersagen speisen sich aus den Erinnerungen.

Ich habe in diesen Tagen viel nachgedacht über das Verhältnis von Unvorstellbarkeit und Unwahrscheinlichkeit. Es ist nun leider nicht so, dass ein Ereignis umso unwahrscheinlicher ist, je unvorstellbarer es ist. Wahrscheinlich haben diese beiden Dinge (sind es denn Dinge? Es sind doch eher Annahmen oder Deutungen der Realität, insofern als sie mich betrifft) – gar nichts miteinander zu tun. Sie kommen nur dann in mir zusammen, wenn ich sie gedanklich zusammenbringe. Die privilegierten Menschen können sich ihre Unvorstellbarkeiten bewahren. Ich werde Dir schreiben, von den Erinnerungen an eine unmögliche Zukunft, sobald ich ein wenig in dem Buch gelesen habe. Die Rolle der Zeit – der grammatischen Zeit, aber auch die Verbindung zur Gegenwart im Gedicht – interessieren mich sehr.

Dass die Sprache einen Raum erschaffen kann, in dem sich Formulierungen, Bilder finden lassen, ein Raum, der auch in mir den Raum vergrößert, den ich benötige, um zu verstehen, was andere erfahren, was auf der Welt passiert. Und ich lese sehr gerne und mit großem Vergnügen Deine Erinnerungen an das verschneite Teheran, Deine Erinnerungen an das Skifahren, das war mir wirklich neu. Ich stelle mir die Farben der Skianzüge vor, vor dem weißen Hintergrund, lautes Lachen, schnelle Abfahrten, Herumtollen im Schnee.

Wenn ich wieder zurück bin in Berlin, schicke ich Dir ein Buch von Farhad Showghi, ich habe es doppelt, er schreibt selbst sehr gute Gedichte. Danke für den Link, ich hörte gerne zu.

Hier im Park gibt es Vögel, die wie verdoppelte bis verdreifachte Rotkehlchen aussehen. Es sind wahrscheinlich ganz andere Vögel. Ich hörte einmal einem Ornithologen zu, der erklärte, dass in der englischen Sprache ganz unterschiedliche Vogelarten den gleichen Namen tragen und es nicht ganz einfach sei, herauszufinden, wie diese Vogelart nun wirklich heißt, denn, so sagte er: Die ersten Siedler aus Europa, die in die sogenannte Neue Welt kamen, waren nicht immer Ornithologen. Sie sahen einen Vogel, der aussah wie ein Rotkehlchen, und nannten ihn: Rotkehlchen. Aber die Ähnlichkeit hat sie getäuscht.

Ich werde nun ein bisschen spazieren gehen, es ist plötzlich ganz frühlingshaft geworden, und schicke Dir diese Post und freue mich, von Dir zu lesen.

Mit herzlichen Grüßen
Monika

Voriger Brief:

Der erste Schneetag - Brief 10

endlich schreibe ich Dir wieder. Es tut mir leid für diese lange Pause. Ich bin froh, dass ich Dir wieder schreiben kann. In Deinem letzten Brief hast Du mich nach der Situation im Iran gefragt. Nun, der Iran hat in den letzten drei Monaten sehr traurige Tage und Nächte erlebt. Lesen

Autor*innen

Datenschutzerklärung