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(W)Ortwechseln > Pegah Ahmadi & Monika Rinck > Der erste Schneetag - Brief 10

Der erste Schneetag – Brief 10

Pegah Ahmadi an Monika Rinck, 12. Januar 2020

Blick auf den Fernsehturm in Teheran. Foto: Pegah Ahmadi
Blick auf den Fernsehturm in Teheran © Pegah Ahmadi

Liebe Monika,

endlich schreibe ich Dir wieder. Es tut mir leid für diese lange Pause. Ich bin froh, dass ich Dir wieder schreiben kann.

In Deinem letzten Brief hast Du mich nach der Situation im Iran gefragt. Nun, der Iran hat in den letzten drei Monaten sehr traurige Tage und Nächte erlebt. Einige Jugendliche und junge Studenten wurden bei den Demonstrationen getötet. Dann gab es einen Flugzeugabsturz, eine tragische Katastrophe. In dem Flugzeug waren die meisten Passagiere noch sehr jung und gut ausgebildet. Sie waren nur in ihre Heimat zurückgekehrt, um ihre Familien zu besuchen oder eine Trauungszeremonie abzuhalten. Danach wollten sie nach Kanada zurück. Fetzen ihrer Hochzeitsfotos sind in den Trümmern des Flugzeugs gefunden worden. Ihre Freunde haben für sie auf den fremdesten Pflastern der Welt Kerzen angezündet. Und die Regierung, die ihr eigenes Flugzeug mit einer Rakete abgeschossen hat, nannte es einfach einen Fehler. Die Menschen gingen noch wütender auf die Straße als zuvor. Mit Geschrei, mit Kerzen, mit Blumen und mit Schimpfworten. Besonders die Studierenden der Universitäten waren einzigartig. Doch schon nach ein paar Tagen des Widerstands verstummte wieder alles und wurde unterdrückt. Ahmad Schamlu, über den wir einander geschrieben haben, hat dazu eine Zeile: „Nein, dieser Schnee hört nicht auf.“

Und jetzt schreibt der iranische Schriftsteller und Zahnarzt Hamed Esmaeilion, der seine Frau, eine Zahnärztin, und seine neunjährige Tochter durch den Flugzeugabsturz verloren hat, auf ihrer Facebook-Seite: „Dies ist ein ewiger Winter. Es ist Februar und es schneit. Es ist Mitternacht und es schneit. Auf Deine schönen Händen, auf Deine geschlossenen Augen. Es schneit. Auf die kleinen Puppen in Deinen Bibliotheksbüchern. Es schneit. Auf den Spiegel, in dem Du jeden Tag Deine Haare gesehen hast. Auf die rote Geranie, die trocken wird. Ich sehe es durch das Fenster und möchte, dass es für immer schneie.“

Ich lese jeden Tag Schriften von Hamed Esmaeilion. Manchmal schreibt er mehrmals am Tag. Ich weiß, dass dies der einzige Weg ist  zu verhindern, dass er wahnsinnig wird.

In der zeitgenössischen persischen Poesie war Schnee immer das Symbol für Traurigkeit, Misserfolg und Despotismus. In diesem Zusammenhang kann ich Dich auf einen Teil des Gedichts „Winter“ von Mehdi Achawan Sales, einem anderen bekannten toten iranischen Dichter, verweisen:

They won’t greet you back.

The weather is dismal, the doors are closed,

The heads thrust in collars, the hands hidden.

The breath is a cloud, the hearts are heavy,

The trees crystalline skeletons,

The earth is dead-hearted, the sky’s vault low,

The moon and sun are hazy,

It’s winter.

(In einer Übersetzung von Mohammad Rajabpur)

Ich sollte hinzufügen, dass auch dieses Gedicht ein symbolisches Gedicht ist und die Gewaltherrschaft während des Regimes von Reza Pahlavi  als Schah im Iran beschreibt.

Im Gegensatz zu diesen negativen Assoziationen mit Schnee habe ich das verschneite Teheran immer geliebt, seit ich bis zu meinen Knien im Schnee steckte. Als Kind war das Aufwachen an dem Tag, an dem es das erste Mal im Jahr geschneit hat, immer einzigartig, der erste Schneetag! Manchmal wurden die Schulen deswegen geschlossen. Dieser Tag war unser endloser Tag des Glücks. Dann mit zwölf Jahren habe ich angefangen, Ski zu fahren. Das Skigebiet in der Nähe von Teheran war im Allgemeinen eine andere Welt. Voller fröhlicher bunter Menschen. Als ob sich in diesem Gebiet keine Revolution ereignet hätte. Welche Erinnerungen! Und jetzt fällt dieser Schnee auf Schriften von Hamed. Und auch anderer Schnee, der auf das Glück oder die Traurigkeit der Menschen gefallen ist. Ich wurde mehrmals in Deutschland gefragt „Gibt es Schnee im Iran?“ Manchmal war ihr Bild vom Iran eine Wüste. Diese Menschen tragen auch keine Schuld. Es ist die Schuld der Medien. Der Iran ist extrem schön, nur wird diese Schönheit in den Medien oder sogar in den Filmen weniger gezeigt.

Der Iran ist übrigens nicht integriert. Es gibt verschiedene Gebiete, Kulturen, Überzeugungen, soziale Schichten und Leben im Iran. Verschiedene Personengruppen reagieren auf jedes gesellschaftliche Ereignis unterschiedlich oder sind neutral. Aber wir können sagen, dass die Mehrheit der iranischen Demonstranten studentische Aktivisten, einige Intellektuelle, Feministinnen und Arbeiteraktivisten sind.

In Deinem Brief hast Du mir die deutsche Übersetzung eines der schönsten Gedichte von Schmalu angeseilt – und ich denke immer noch an jenen Raben. Danke auch, dass Du mich über die Übersetzung von Farhad Showghi informiert hast. Leider habe ich noch nie von ihm gehört.

Ich dachte, es wäre schön, wenn Du das Gedicht auch mit Schamlus Stimme auf Persisch hören könntest. Also, hier ist der Link:

https://www.youtube.com/watch?v=mNRnCVLERdU

Liebe Monika, es gibt noch viele Themen, über die ich Dir gerne schreiben möchte. Aber dann wird der Brief zu lang sein.

Jetzt ist das Wetter dunkel geworden und die Vögel singen draußen, unendlich …

Ich freue mich sehr über Deinen neuen Brief!
Herzliche Grüße

Pegah

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