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(W)Ortwechseln > Pegah Ahmadi & Monika Rinck > Seither wusste ich, dass die Poesie, diese permanente Feier der Verwirrung, mit dem Starren beginnt – Brief 8

Seither wusste ich, dass die Poesie, diese permanente Feier der Verwirrung, mit dem Starren beginnt – Brief 8

Pegah Ahmadi an Monika Rinck, 01. Dezember 2019

„Dieser einzigartige Flügel, der das Territorium der Dunkelheit wie eine flammende Flagge durchbricht.“ Bild (Mitte unten): Ingar Krauss, Mäusebussard (2013). Foto: Almut Elhardt

Liebe Monika,

vielen Dank für Deinen schönen handgeschriebenen Brief und die Postkarten. Handschrift, etwas Vergessenes, etwas Magisches, voller Geheimnisse. Berühren von etwas, das ein anderer zuvor berührt hat: Diese Worte. Dann lese ich sie. Ich lese Dich. Das Lesen berührt die Seele des Schreibens in ihrer ursprünglichen Form. Und Du schreibst mit Bleistift. Ich habe immer Angst, dass das, was ich mit Bleistift schreibe, gelöscht werden könnte. Unsterblichkeitsgläubige, die ich nicht bin.

Das Gedicht von Friederike Mayröcker berührt mich sehr, insbesondere eine Strophe erinnerte mich an eine Strophe von Ahmad Schamlu, vielleicht der bekannteste zeitgenössische iranische Dichter, der vor etwa zwanzig Jahren gestorben ist.

Friederike Mayröcker

Aus „Winter-Nachtigall“

( ..“eine Winter-Nachtigall in deinem Herzen ..“
      „eine Rose in meiner Hand ..“
        „in Stern in deiner Brust ..“
            „ein Kind an meinen Augen ..“
                  “was schön ist ..“)

 

Ahmad Schamlu

Aus „Ich habe den Tod in einem Lied verwandelt“

Lotusblume und Regen waren in dir,
Dolch und Schrei in mir
Fontäne und Traum in dir
Teich und Schwärze in mir.

Vielleicht gehören beide Dichter in eine Welt, in der die romantische Bedeutung von „ich“ und „du“ noch bedeutungsvoller war. Oder sogar jenseits davon, worauf Gadamer hingewiesen hat:

„Wer bin ich und wer bist du? Das ist eine Frage, auf die das Gedicht seine eigene Antwort dadurch gibt, daß es die Frage offen hält.“

Nun schaue ich mir eine Deiner Postkarten an: der einzelne vertikale Flügel eines Vogels. Dieser einzigartige Flügel, der das Territorium der Dunkelheit wie eine flammende Flagge durchbricht. Eine heroische Todesanzeige.

Es klebt die verschiedenen Fragmente in meinem Kopf aneinander. Etwas, über das ich nicht schreiben kann ohne Zittern. Die Namen, die nicht mehr lebendig sind. Was ist Identität, weit weg von all den historischen und denkwürdigen Elementen, die sie geformt haben?

Aber lass uns diese Frage hinter uns lassen und die andere Szene betreten. Ich starre auf diesen blendenden Blick des Mädchens, den Du auf die schönste Weise beschrieben hast, wie ein Gespenst meines alten Gedichts, das jetzt visualisiert worden ist. Dieser Blick auf das Vakuum, der unbeantwortet geblieben ist. Wir starren auf diesen richtungslosen Blick und können kaum erkennen, welche von uns die andere spiegelt. Einer dieser ersten unschuldigen Momente der Konfrontation mit Deinem nackten „Ich“, als es von den ersten Berührungen der Leere, der ersten Berührung des Desasters, gezittert hat. Dieses alte Gedicht wurde in so einem Moment geschrieben. Seither wusste ich, dass die Poesie, diese permanente Feier der Verwirrung, mit dem Starren beginnt.

Ich freue mich sehr auf Deinen nächsten eindrucksvollen Brief!

Herzliche Grüße

Pegah

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