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(W)Ortwechseln > Pegah Ahmadi & Monika Rinck > Jedes Gedicht, das jemand übersetzt, wird zum Vogel – Brief 5

Jedes Gedicht, das jemand übersetzt, wird zum Vogel – Brief 5

Pegah Ahmadi an Monika Rinck, 25. November 2019

Werbung für einen iranischen Cartoon.

Liebe Monika,

Deine schöne Postkarte ist angekommen. Der weiße Pelikan, „seine Knochen mit Luft gefüllt“, schriebst Du. Ja, er jagt. Dieses Wort: jagen. Ein Wort voller Gewalt und Opfer: Vögel, Fische, Menschen. Manchmal werden Menschen nur als Opfer akzeptiert. Das ist schmerzhaft. Pelikane erinnern mich immer noch an die Zeichentrickfilme meiner Kindertage. Die Pelikane in diesen Filmen waren grausam, brutal, Jäger. Die Fische rutschten auf ihrer Flucht aus, bis sie sich an einem sicheren Ort wähnten, doch gefunden wurden sie immer.

In meiner Kindheit war die linke Partei noch aktiv. Sie produzierte einige dieser Cartoons, in denen der Pelikan ein Symbol für Imperialismus war. Ah, alte Erinnerungen … . Heute denke ich, dass Kinder vor allem frei sein sollten und ihre Kindheit genießen. Alles andere kommt früh genug.

Während ich Dir schreibe, denke ich an die Sätze von Maurice Blanchot, einem meiner Lieblingsschriftsteller und -denker, aus Das Todesurteil: „Ich erinnere mich, dass sie mir ihre Hand zeigte und sagte: ‚Schauen Sie, die Narbe.‘“ Vielleicht ist das Schreiben immer noch eines der Wunder, die die gemeinsame Wunde heilen, die Menschen, Nationen, Kulturen miteinander versöhnen und die Wände und Grenzen aufheben können, vor allem die unsichtbaren. Oder erscheint Dir das zu idealistisch? Wir lernen uns in Schriften kennen und nehmen uns auf diese Weise an die Hände, und das bedeutet doch, dass wir die Mauer besiegt haben. Jedes Gedicht, das jemand übersetzt, wird zum Vogel. Und welcher Vogel kennt Grenzen? Er fliegt und erobert den Himmel. Ich liebe diesen Himmel, den Himmel der Sprache. Die Sprache an sich ist Freiheit, wenn sie sagt, was sie sagen kann.

Ich freue mich sehr auf Deine Antwort!

Herzliche Grüße

Pegah

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