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(W)Ortwechseln > Pegah Ahmadi & Monika Rinck > Das Mädchen ähnelt dem Spiegel nicht – Brief 3

Das Mädchen ähnelt dem Spiegel nicht – Brief 3

Pegah Ahmadi an Monika Rinck, 10. November 2019

„Mit Ringeltauben sehe ich mich lieber nicht konfrontiert. Arme Vögel.“ (Pegah Ahmadi). Foto: Monika Rinck

Liebe Monika,

die Vögel Deines Hauses flogen mit Deinem Brief zu mir. Was könnte schöner sein? Ich liebe Sperlinge und Meisen, Blaumeisen liebe ich auch. Sie sind so schnell, dass ich ihnen nicht mit den Augen folgen kann. Wie ein kleines Flüstern in der Luft. Mit Ringeltauben sehe ich mich lieber nicht konfrontiert. Arme Vögel.

Ich habe mir den Flughafen genauso vorgestellt, wie Du ihn beschrieben hast. Ohne Vögel. „Seltsam, dass der Luftverkehr eine Gefahr für die Vögel darstellt?“, schriebst Du, und ich glaube, dieses Beispiel zeigt, warum unsere Welt zu der geworden ist, die sie heute ist. Eine Welt an der Schwelle der Zerstörung. Eine Welt, die gegen die Natur, die Vögel und die Tiere immer brutaler wird. Dass sich in derselben Welt Dichterinnen immer noch über Vögel und Poesie schreiben, ist schön. Gerade höre ich die Vögel trillern. Sonst nichts als Stille. Aber: „Je stiller es ist, desto mehr kannst du hören.“

Danke, dass Du das Gedicht von Silvana Franzetti mit mir geteilt hast. Es gefällt mir, und ich will Dir gerne mit berühmten persischen Vogel-Versen antworten. Die Konferenz der Vögel von Fariduddin Attar ist ein mystisches Gedicht aus dem 12. Jahrhundert. Als eine fabelhafte, allegorische Darstellung des Sufismus beschreibt es die Zusammenkunft und Wallfahrt von Tausenden von Vögeln aus aller Welt, die auf der Suche nach einem idealen König sind. Die schwierige und abenteuerreiche Reise überleben nur dreißig verschiedene Vögel. Am Ziel angekommen erkennen sie, dass sie selbst der gesuchte König sind: Der persische Name des Königs, Simurgh, bedeutet „dreißig Vögel“. Weil ich natürlich nicht in der Lage bin, Dir die Schönheit dieses Gedichts in ein paar Sätzen zu vermitteln, schicke ich Dir stattdessen ein altes Gedicht von mir, das ich geschrieben habe, als ich noch sehr jung war. Es ist in meinem Gedichtband Mir war nicht kalt erschienen, Jutta Himmelreich hat es übersetzt.

Lächeln
Das Mädchen beantwortet mein Lächeln nicht.
Und die Tauben, die den Spiegel füllen,
Verfolgen mich nicht.
Ich lächle.
Das Mädchen ähnelt dem Spiegel nicht.
Ich entferne mich.
Das Mädchen ähnelt den Tauben nicht.
Ich weine.
Das Mädchen zerfließt in meinem Schatten.
Ich kehre zurück.
Mit dem Lächeln, das ohne Antwort geblieben ist.

Ich freue mich sehr auf Deine Antwort.

Herzliche Grüße

Pegah

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