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(W)Ortwechseln > Mariam Al-Attar & Sabine Scholl > Wir leben in einem seltenen Moment der Geschichte - Brief 04

Wir leben in einem seltenen Moment der Geschichte – Brief 04

Mariam Al-Attar an Sabine Scholl, 21. Juni 2020

Übersetzung: Suleman Taufiq

W(O)rtwechseln, Mariam Al-Attar, Sabine Scholl,
© Nour Alden

Liebe Sabine,

ich habe mich gefreut, Deinen Brief zu erhalten, Dein Bild mit dem schönen Lächeln hinter dem Plastikvisier. Ein Lächeln strich dabei über mein Gesicht.

Ich glaube, wir leben in einem seltenen und unglücklichen Moment der Geschichte. Doch vielleicht gibt die Herrschaft des Virus über die Menschheit uns auch einen Anlass, das Leben wieder zu schätzen oder es aus der Alltagsroutine zurückzugewinnen. Den Tag wieder mit Mut zu beginnen, dem Unbekannten zu begegnen, etwas Nichtbesonderes zu tun. So wird das Blumengießen oder das Kochen zu unserem größten täglichen Erfolgserlebnis.

Das häufige Händewaschen und die ständige Desinfektion lassen uns nochmal spüren, dass wir auf die Sicherheit unseres eigenen Lebens und desjenigen unserer Mitmenschen achten müssen. Allein zu Hause zu bleiben ist auch eine Herausforderung: Die Anwesenheit anderer beruhigt uns, schreibst Du in Deinem Brief. Der libanesische Lyriker Bassam Hadjar drückte es so aus: „Du existierst, wenn der Liebende dich sieht.“ Wir warten darauf, den anderen zu sehen, um unser Spiegelbild in ihm zu erkennen.

Ich mag die Einsamkeit, aber oft habe ich Angst vor ihr, besonders, wenn ich krank bin. Angst ist ein Trieb, der uns beherrscht, und ein Grund dafür mag sein, dass andere über uns herrschen. Auch dass Deine Freundinnen ihr grau gewordenes Haar färben, kommt vielleicht von der Angst, alt zu werden und nicht mehr mit dem Leben zufrieden zu sein.

Angst ist ein Wahn, der uns bedroht. Aber letzten Endes begegnen wir allem, vor dem wir uns fürchten, auch dem Tod. Es gibt Menschen, die sogar das Schicksal nach dem Tod fürchten. Was denkst Du? Siehst Du die Angst als Freund oder als ewigen Feind?

Ich habe dir schon von meiner Übersetzungstätigkeit aus dem Persischen und Afghanischen (Paschtu) erzählt. So versuche ich, die Angst von der Einsamkeit abzuschütteln: indem ich meine Gedanken mit den Gedanken anderer verbinde, um ihren Geist zu berühren. Durch Lesen kommunizieren wir miteinander und lauschen uns selbst.

Ich habe zwei Bücher aus der zeitgenössischen persischen und afghanischen Literatur übersetzt, die Teil einer Reihe von Werken junger Dichter*innen sind. Das erste Buch erschien 2016 und enthält Texte von siebenunddreißig Autor*innen. Das zweite Buch, das demnächst herauskommen wird, versammelt Texte von vierunddreißig Dichter*innen. Die Gedichte vermitteln mir ein klares Bild des erstaunlichen Lebens dieser Lyriker*innen und ihrer Welten, ihrer Interessen, Sorgen und Freuden. Ihre poetischen Bilder führen die Tragödie des Krieges, der Konfessionen und der fanatischen Konflikte vor Augen. Ich pflege die Freundschaften mit ihnen, auch um für sie ein Bindeglied zur arabischen Leserschaft zu sein.

Mit dem Erscheinen des ersten Bandes stellte ich fest, dass das Veröffentlichen von Büchern ein schwieriger Prozess ist, der nicht nur Übersetzung und Druck umfasst. Und ich entdeckte, dass die meisten jungen Leute lesen, weil sie zu schreiben versuchen, nicht aus bloßer Leselust. Vielleicht sind sie ungeduldig und hören nicht gerne zu. Sie haben das Bedürfnis, sich selbst auf irgendeine Weise auszudrücken. Diskussionen mit ihnen werden zu einem Mittel, Energie zu entladen. Ich stelle es mir wie Theater ohne Publikum vor: Jeder spielt seine Rolle auf der Bühne, aber niemand hört zu!

Hast Du das früher auch so erlebt? Siehst Du darin ein Problem? Wie kann man das lösen?

Im Übrigen möchte ich Dir erzählen, dass ich in achtzig Tagen sechsunddreißig Romane und Gedichtbände gelesen habe. Ich habe drei Manuskripte an Verlage geschickt und warte auf Antwort, in der Hoffnung, dass sie bald gedruckt werden. Es handelt sich um die Übersetzung einer Anthologie moderner afghanischer Lyrik, um eine Gedichtsammlung des iranischen Lyrikers Hossein Panahi und um meinen eigenen, dritten Gedichtband mit dem Titel „Sie aßen die Granatäpfel ihrer Schultern“. Vier Jahre lang habe ich an diesen Büchern gearbeitet. Außerdem warte ich auf die Antwort eines Verlags bezüglich des kurzen Romans „Wieder einmal die Stadt, die ich liebe“, den ich aus dem Persischen übersetzt habe. Ihn habe ich übersetzt, weil ich Geschichten mag, die sich mit Identität und Heimatliebe beschäftigen.

Das ist alles, was ich Dir heute erzählen wollte. Ich hoffe, dass Du mir auch über Deine Arbeit schreibst. Welche Bücher liest du?

Abschließend widme ich die folgenden Zeilen den Patient*innen in den Krankenhäusern und wünsche ihnen baldige Genesung:

„Manchmal liebe ich dich so sehr, wenn vor mir die Krankenhausbetten hin und her geschoben werden, belegt und leer, leer und belegt.
Und ich liebe dich voller Angst, wenn die Sirene des Krankenwagens heult, als wäre sie das letzte Klageweib.
Und ich liebe dich ungeduldig, wenn ich mir immerfort die Warteschlangen ansehe.
Ich liebe dich in dem Moment, da einer von ihnen ausgelöscht wird, wenn die Nachricht von seiner Abreise den Hals seiner Lieben zuschnürt.
Die Nachricht bricht sie und bricht mich, daran erkenne ich den Wert des Lebens.“

Bleib gesund und in Sicherheit.

Mariam

Autor*innen

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