Weiter Schreiben -
Der Newsletter

So vielstimmig ist die Gegenwartsliteratur.
Abonnieren Sie unseren Weiter Schreiben-Newsletter, und wir schicken Ihnen
die neuesten Texte unserer Autor*innen.

Newsletter abonnieren
Nein danke
Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
Logo Weiter Schreiben
Menu
(W)Ortwechseln > Mariam Al-Attar & Sabine Scholl > Die Einsamkeit ist die Freundin der Schreibenden - Brief 05

Die Einsamkeit ist die Freundin der Schreibenden – Brief 05

Sabine Scholl an Mariam Al-Attar, 03. September 2020

© Privat

Liebe Mariam,

Du scheinst in Büchern zu wohnen! Wie könntest Du es sonst schaffen, sechsunddreißig Romane und Gedichtbände in achtzig Tagen zu lesen, eine Reise um die Welt von Deinem Zimmer aus zu unternehmen!

Ich mag die Titel der Bücher, die Du erwähnst. Der Deines Gedichtbands, „Sie aßen die Granatäpfel ihrer Schultern“, verbindet kompliziert aufgebaute Früchte mit komplexen Körperteilen. „Wieder einmal die Stadt, die ich liebe“ klingt verlockend. Sofort will ich mehr über die Liebe und die Stadt erfahren. Ich habe übrigens zwei Bücher über zwei Städte geschrieben, die mich beeindruckten: Lissabon und New York. Nach meinem Studium habe ich in Portugal an einer Universität unterrichtet und mich zugleich in die Geschichte und Kultur dieses Landes hineinbegeben. Es war mein erstes Ausland. Das erste Mal habe ich dort erfahren, was es bedeutet, eine Fremde zu sein, ziemlich weit entfernt von dem, was einmal vertraut und selbstverständlich war. Mir kam es wie eine zweite Kindheit vor, man tappt herum, macht ständig was falsch, versteht vieles nicht, muss neue Verhaltensweisen finden, ein anderes Zeitgefühl erlernen und so weiter.

Nach New York gezogen bin ich später zusammen mit meinem Mann, meiner kleinen Tochter und meinem Sohn, der noch ein Baby war. Es ist eine schwierige Stadt, hektisch, laut, stinkend, eng, überteuert, aber auch voller spannender Menschen und Begegnungen. Anfangs war ich überfordert, habe keinen Ort zum Schreiben und Nachdenken gefunden. Dann entdeckte ich eine verborgene Bibliothek, wo ich vormittags arbeiten konnte. Aber schließlich war das doppelte und dreifache Leben als Mutter, Autorin und Lehrende in Berlin, wohin wir als nächstes zogen, einfacher.

Als ich Literarisches Schreiben unterrichtete, habe ich dieselbe Erfahrung gemacht, die Du in Deinem letzten Brief beschreibst: dass viele junge Schreibende vor allem lesen, weil sie selbst schreiben wollen, und weniger aus Leselust. Sie wollen rasch herausfinden, wie sie am besten vorgehen sollen, oder wollen sich an Büchern orientieren, von denen sie wissen, dass sie erfolgreich waren. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass diese Generation ihre Informationen anders sammeln kann. Ich bin in einer entlegenen Gegend aufgewachsen, meine Leselust machte mich zur Außenseiterin oder vielleicht war es sogar umgekehrt, dass ich, weil ich Außenseiterin war, mich den Figuren, denen ich in Büchern begegnete, nahe fühlte. Mein Lesen hatte so auch eine soziale Funktion. Ich habe mich mit den Worten und Gedanken, die ich darin fand, ausgetauscht. Bücher waren meine Nahrung: Meine Mutter hat sie mir immer wieder weggenommen, weil sie meinte, dass ich „Bücher fresse“.

Als ich zu veröffentlichen begann, schickte ich meine Manuskripte an verschiedene Verlage – auch das macht man heutzutage kaum mehr – und bekam Antwort von einem bekannten Verleger, der mir mitteilte, dass immer mehr Menschen lieber schreiben als lesen, was für ihn als Verleger natürlich ein Problem darstellte. Diese Tendenz hat sich sicherlich verstärkt.

Du schreibst außerdem über die Angst vor der Einsamkeit. Zu Anfang meines Entschlusses, Schriftstellerin zu werden, zweifelte ich genauso, ob ich diesen Zustand ertragen könnte. Heute meine ich, dass ich die notwendige Einsamkeit damals nicht richtig verstanden habe. Denn eigentlich bildet sie die Voraussetzung, um schreiben zu können, sich abzusetzen von der Welt des Alltags. Und es ist gar nicht so einfach, sich in den Zustand intensiver Konzentration zu versetzen, in dem die Schreibende fiktionale Welten und Figuren aufbaut. Doch es stimmt, man muss aushalten können sich für längere Zeit nur in diesen erfundenen Welten zu bewegen. Wie, das muss jeder für sich selbst entdecken. Ich bevorzuge die Schreibklausur, in der ich in relativ kurzer Zeit ziemlich viel schaffen kann. Eine befreundete Kollegin erträgt das Alleinsein nicht und begibt sich an belebte Orte, um dann mit ihrem Laptop in andere Dimensionen zu tauchen, während rund um sie Menschen Kaffee trinken und sich unterhalten. Um auf Deine Frage zu antworten, würde ich sagen, dass die Einsamkeit die Freundin der Schreibenden ist. Die Angst ist vielleicht eine Art Membran, welche vor dem Eingang zum Schreiben liegt, ein Hindernis, das es jedes Mal von Neuem zu durchstoßen gilt. Das Schwierige daran sind ohnehin meist die Übergänge von einem Zustand zum anderen.

Andererseits bin ich sicherlich privilegiert, weil ich in einem Land wohne, wo ich schreiben darf, was ich will, wo meine Worte keine unmittelbare Bedrohung meiner Existenz darstellen. Das ist für viele Autorinnen in politisch heiklen Ländern nicht möglich, und in diesem Fall ist die Angst ein wichtiger Indikator, sich vorzusehen und zu schützen.

Gerade trottet ein großer schwarzer Hund in meine Richtung und lässt sich seufzend neben meinem Stuhl nieder. Er vermisst seine Herrin, die verreist ist, und ich bin kein guter Ersatz. Ich kann nur anwesend sein. Deshalb folgt er all meinen Schritten durchs Haus. Er versteht nicht, warum ich nur herumsitze und tippe, während seine Herrin ihn mit in den Garten nahm, mit ihm sprach, ihn pflegte, in den Wald führte, ihm eine Gefährtin war. Er ist wirklich einsam. Ich bin es nicht, weil und solange ich schreibe.

Ich hoffe, liebe Mariam, Du bist weiterhin so produktiv, und ich wünsche Dir ganz viel Glück für die Veröffentlichung Deines Gedichtbands. Und freue mich, bald wieder von Dir zu lesen!

Sabine

Autor*innen

Datenschutzerklärung