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(W)Ortwechseln > Mariam Al-Attar & Sabine Scholl > Ich öffne das Fenster, um den Duft des Brotes aus dem Hinterhof unserer Nachbarn zu schnuppern - Brief 8

Ich öffne das Fenster, um den Duft des Brotes aus dem Hinterhof unserer Nachbarn zu schnuppern – Brief 8

Mariam Al-Attar an Sabine Scholl, 20. Dezember 2020

Übersetzung: Suleman Taufiq

WOrtwechsel, B08 Mariam AlAttar an Sabine Scholl
© Mohmad Rheef

Guten Morgen, liebe Sabine,

es ist sieben Uhr morgens, ich schreibe Dir einen letzten Brief im Rahmen von (W)Ortwechseln. In meinen Gedanken vermischen sich die Zeiten, zu denen ich Dir die Briefe schrieb. Jetzt bin ich voller Bilder und Erinnerungen an Ereignisse, die blitzschnell vergangen sind. Obwohl ich die Zeit in diesem Jahr zwischen Quarantäne und sozialer Distanz verbrachte, verging sie zügig, und die Tage blieben als Bilder im Kopf. Wenn wir nur alles am Ende beginnen könnten, genauso wie Du es mir von der Autorin schriebst, die ihre Geschichte rückwärts erzählt hat. Die Geschichte beginnt am Ende des Geschehens und endet in der Gegenwart.

Das entspricht den tatsächlichen Ereignissen dieses seltsamen Jahres. Es gibt Ereignisse, wo die Worte am Ende beginnen müssten, damit sie uns glaubhaft erschienen. Und es gibt langsam verlaufende Ereignisse, die wir geschickt durchqueren müssen, so wie mit den Bewegungen eines Walzers. Was die Angst vor einem Sturz oder vor Schwindel angeht, müssen wir ihr auf Augenhöhe begegnen, indem wir die Ereignisse um uns herum nicht beachten und so die Sorgen loswerden. Bis wir uns schließlich in des Jahres schönstem Tanz zur Feier des Lebens drehen können.

In Maisan ist es ein wenig kalt. Die Stadt, die Straßen, Brücken und Gassen verbergen sich in den frühen Morgenstunden im Nebel. Ich öffne das Fenster, um die frische Morgenluft einzuatmen und den Duft des Brotes aus dem Hinterhof unserer Nachbarn zu schnuppern. Trotz der Vielfalt der Brotsorten auf dem Markt backen die meisten Menschen hier ihr Brot lieber zu Hause.

Die Hausfrau knetet den Teig im Morgengrauen, und wenn er aufgeht, läuft sie damit zu meiner Nachbarin in den Hinterhof, wo ein Lehmbackofen, genannt Tanour, steht.

Sie nimmt ein kleines Stück Teig und formt es zu einer Kugel. Auf einem Kissen, das mit einem dünnen und sauberen Stoff bedeckt ist, walzt sie den Teig mit den Händen aus. Dann wird der geformte Teig an die Innenwand des Ofens geklebt. So entsteht ein rundes dünnes Brot. Sein Duft dringt in die Nachbarhäuser.

Das Brot ist sehr schmackhaft, und wo es im Haus kleine Kinder gibt, backen die Frauen kleine Brote von der Größe einer Hand. Im Volksmund nennt man sie Hanane. Man kann den Teig mit Hackfleisch und Gemüse belegen, um es so den Gästen servieren. Dünnes Fladenbrot mit gegrilltem Karpfen ist eine besondere Delikatesse unserer Stadt. In Al-Ahwar, dem Marschland nicht weit von hier, erreicht diese bräunlich-goldene Sorte Karpfen eine Länge von sechsundfünfzig Zentimetern und ein Gewicht von vier Kilo.

Normalerweise servieren wir diese Speise den Gästen mit selbst eingelegten sauren Gurken. Man isst diese Spezialität am Mittwoch, dem Fischtag. Die Menschen hier glauben, dass dies Reichtum bringt. Nach dem Fisch werden Datteln verzehrt. Der Irak ist berühmt für seine Fülle an Palmen und Datteln. Daraus machen wir zahlreiche verschiedene Süßigkeiten. Der Duft der Anissamen in unserem berühmten Keks Kleicha hängt eng mit dem Abend vor dem Eid-Fest, dem Fest des Fastenbrechens, zusammen.

Ich glaube, die Speisen verschiedener Länder verbinden die Menschen miteinander, und so lernen sie sich kennen. Die Mahlzeiten im Irak werden täglich und routinemäßig von Frauen zubereitet. Wenn ich in meiner Stadt am Busbahnhof vorbeiging, roch es in den frühen Morgenstunden nach Reisbrot mit gerösteten Eiern. Es wird dort von einer Bäuerin für die Reisenden gebacken.

Der Duft des unreifen Traubensaftes erinnert mich an die Frauen im Iran. Dort pressen sie die Trauben, füllen den Saft in Glasflaschen und stellen sie monatelang auf die Fensterbretter in die Sonne, um den Geschmack zu intensivieren. Dieser Saft wird in Speisen oder Salaten verwendet.

Zu Beginn des Frühlings wächst in den Bergen der wilde Rhabarber. Als Kinder haben wir ihn ausgegraben, dann geschält und frisch gegessen. Er hat einen säuerlichen und köstlichen Geschmack. Besonders in der Stadt Nischapur wird er als frischer Saft mit Zucker getrunken.

Wenn ich Dich doch nur zu all diesen Orten mitnehmen und wir alles aus nächster Nähe probieren könnten! Aber jetzt kann ich Dich nur auf eine Rundreise zwischen den Wörtern begleiten, in der Hoffnung, Dich etwas von der Anstrengung des Schreibens zu entlasten.

Bleib gesund, Madame, und vergiss nicht, auf Dich aufzupassen, denn die Menschen um Dich herum sind durch Dich so stark!

Immer liebevoll

Mariam

 

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