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(W)Ortwechseln > Lina Atfah & Nino Haratischwili > Auch das Schriftstellerhaus blieb nicht verschont – Brief 4

Auch das Schriftstellerhaus blieb nicht verschont – Brief 4

Nino Haratischwili an Lina Atfah, 18. März 2019

Übersetzung: Osman Yousufi

…“Zu bunt, zu schrill, zu laut, zu chaotisch waren jene Straßen.“ Bild: Julia B. Nowikowa

Von: Nino Haratischwili
Betreff: Aw: Guten Abend liebe Nino
Datum: 18. März 2019 um 20:30:08 MEZ

An: lina atfah

Liebe Lina,

danke für deine bitter-süß-traurig-schaurigen Gedanken und Erinnerungen … Wie geht es der Familie deiner Cousine? Wie leben sie jetzt? Es erscheint mir so absurd, diese Fotos, dich, deine Geschichte und das Wort IS in einem Satz zusammenzubringen. Mein Gehirn weigert sich, die damit verbundenen Bilder in Einklang mit dir zu bringen, mit deinem Lachen und deiner Heiterkeit. Aber ich weiß, dass es wahr ist. Und ich weiß, wie heiter und lebenshungrig man wird, sobald das Leben zu einem blanken Überlebenskampf verkommt.

Friedhöfe sind ein Thema für sich, ich würde gern einmal ausführlicher darüber schreiben, und vielleicht setzen wir die Gedanken zu diesen schaurig-friedlichen Orten irgendwann wieder fort. Aber heute will ich noch bei den „Häusern“ bleiben, die in meinem Kopf stets auch eine „Ruine“ in sich tragen, sogar die neu erbauten. Vielleicht, weil ich zu viele Häuser zu Ruinen verfallen sah, vielleicht weil das der natürliche Gang der Zeit ist. Es ist nicht einmal ein besonders trauriger Gedanke, sondern eine ganz banale Gegebenheit, wenn man so will …

Meine Eltern lebten in einem Mehrfamilienhaus. Ich bin in eine anonyme Betonwelt hineingeboren worden. Unser Haus galt als schön und modern und doch mochte ich es dort nie. Aber meine Mutter hatte eine sehr enge Bindung zu ihrer Mutter und ihrer Schwester und nutzte jede Gelegenheit, um nach Sololaki zu fahren. Das ist bis heute einer der schönsten und ältesten Stadtteile von Tbilissi. Er erstreckt sich über mehrere Hügel und die wunderbar verschnörkelten Häuser mitsamt den bunten Holzbalkonen sind zwischen den kopfsteingepflasterten Hügeln versteckt wie kleine bunte Pilze im Wald.

Sogar in der Sowjet-Ära wirkte Sololaki wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Als wäre es aus einer fernen Welt gerissen worden. Es passte nicht in die graue, gleichmachende Tristesse, die der Staat für erstrebenswert hielt. Zu bunt, zu schrill, zu laut, zu chaotisch waren jene Straßen. Heute noch herrscht in den halb verfallenen Höfen mehr Leben als in ganz Hamburg. Manchmal ist es dort auch zu hektisch und zu laut, außerdem gibt es kaum Privatsphäre, denn die Höfe sind von Duchgangsbalkonen bzw. Gängen umzingelt (diese Bauform wird in Österreich Pawlatsche genannt). Im Garten flattert die Wäsche, irgendeine ewig neugierige Nachbarin steht am Fenster und beäugt alles, rauchend und Kaffeesatz lesend, Kinder spielen, ein Autofreak wäscht ausgiebig sein Gefährt, während schäumende Seifenlaugen über den ganzen Hof fließt.

Früher war Sololaki ein Nobelviertel, erbaut auf den Wasserquellen, derentwegen – so will es die Legende – die Stadt überhaupt erst gegründet wurde. In der kurzen Zeit der Unabhängigkeit vor der Sowjetisierung des Landes, die 1921 begann, lebten dort die vornehmsten Bürger der Stadt und leisteten sich ihre klassizistischen Villen mitsamt überwucherten Gärten. Aus diesen Gärten wurden später die sogenannten Tbilisser Höfe, die von den Bolschewiken in „Italienische Höfe“ umbenannt wurden. Da wegen Wohnungsknappheit in diesen Quartieren (der georgischen Variante der „Kommunalkas“) viele Menschen dicht beieinander hausten und sich das Leben immer mehr nach draußen verlagerte, ging es in den Höfen ganz schön laut zu. Und weil zu jener Zeit die italienischen neorealistischen Filme populär wurden, dachte man bei Lärm sofort an Italien – so wurden aus den Tbilisser Höfen die Italienischen Höfe.

Eines der schönsten Gebäude in dieser Gegend ist das Haus des Cognacfabrikanten und Mäzens David Sarajischwili, der die Villa seiner geliebten Frau zum fünfundzwanzigsten Hochzeitstag schenkte. Sie wurde 1905 von dem deutschen Architekten Carl Zaar erbaut, der geschickt europäische und georgische Elemente miteinander verband. Die Fliesen für die Terrasse wurden eigens bei Villeroy & Boch bestellt.

Das Haus war schon immer ein beliebter Treffpunkt für Künstler, Gelehrte und Adlige. Da Sarajischwili keine eigenen Kinder hatte, vermachte er es der Stadt, mit dem Wunsch, dass es ein künstlerischer Ort bleiben sollte. 1921 eröffnete dort das sogenannte „Schriftstellerhaus“. Um in der sowjetischen Diktatur publiziert zu werden, musste man staatskonform sein und das hieß auch: Mitglied jenes Verbandes.

Ende der 30er Jahre erreichten die Stalinistischen Säuberungen in Georgien ihren Höhepunkt. Vor allem Künstler und Intellektuelle traf es mit einer unvorstellbaren Härte. Tausende von ihnen wurden nachts von den NKWD-Mitarbeitern abgeholt und deportiert oder verschwanden spurlos. Auch das „Schriftstellerhaus“ blieb nicht verschont. Einer der Künstler, der georgische Dichter Paolo Iaschwili, kam seiner Verhaftung zuvor: nach einer Sitzung des Schriftstellerverbandes erschoss er sich am 22. Juli 1937 direkt im großen Saal.

Heute ist das Schriftstellerhaus restauriert und gehört zu den schönsten Gebäuden in der ganzen Stadt. Es ist ein Ort, der mich an viele wunderbare Autoren denken lässt, die einst dort waren und denen so brutal alles genommen wurde, ein Ort, der mich demütig macht und mich daran erinnert, dass die Geschichte sich immer wieder im Kreis dreht …

Ich freue mich auf deinen nächsten Brief.

Deine Nino

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