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Weiter Schreiben Mondial - Briefe > Bilqis Soleimani & Omar Al-Jaffal > Beschenke mich mit einer Erzählung über Dich – Brief 1

Beschenke mich mit einer Erzählung über Dich – Brief 1

Bilqis Soleimani an Omar Al-Jaffal, 07. August 2022

Übersetzung: Sarah Rauchfuß Aus dem Persischen

Der Bruder der Autorin vor einem Panzer © Privat
Der Bruder von Bilqis während des erste Golfkrieges © Privat

 

Lieber Omar,

Sie sind der sechste Iraker, mit dem ich im Laufe meines Lebens in Kontakt komme, und der erste, dem ich von mir und den Erfahrungen, die mein Leben geprägt haben, schreibe. 1985 bin ich mit einer Gruppe Studentinnen in die Kriegsgebiete im Südwesten Irans gereist. Es waren Kunststudentinnen der Universität Teheran, die für ihre künstlerischen und propagandistischen Arbeiten dorthin geschickt wurden. Du warst der hiesigen Welt noch verborgen, als mein und Dein Land in einen langen und verheerenden Krieg verwickelt waren.

Ich war keine Kunststudentin, damals nicht einmal Künstlerin. Ich wollte bloß den Krieg aus nächster Nähe sehen. Den Krieg wollte ich sehen und die Mörder des Jungen, in den ich so verliebt gewesen war. Der Bursche hatte nicht gewusst, dass ich ihn liebte, niemand hatte davon gewusst. Und wenn ich ehrlich bin, war er ja auch nichts Besonderes, dieser Junge. Er war einer aus der Masse an Dorfjungen, die meine Klassenkameraden auf dem Gymnasium gewesen waren, und die wir, strotzend vor Hoffnung, in den Krieg geschickt hatten, um dann auf sie zu warten, während wir die Haare zählten, die eines nach dem anderen grau wurden. Aus jener Masse an Jungen, die in den Krieg zogen, mit begierigen Blicken und agilen Körpern, und von denen nur wenige von der Front zurückkehrten, während ein jeder von ihnen dort etwas verloren hatte: ein Bein der eine, einen Arm oder ein Auge ein anderer, wieder ein anderer seine Seele.

In einem Gedicht unseres großen Dichters Ahmad Schamlou heißt es: „Oh Gott, oh Gott, Mädchen sollten nicht schweigen | wo junge Männer | gebrochen und müde | sich dem Alter zuneigen.“ Und jetzt wurden unsere Männer um ihre Jugend oder unter die Erde gebracht, sind unvollständig oder verschollen. Manche wurden zu Namen auf Marmorsteinen oder zu einem Foto neben einer erloschenen Laterne und einem Strauß Plastikblumen. Blicke aus Aluminiumrahmen, die uns niemals loslassen werden.

Lieber Omar, ich bin also 1985 ins Kriegsgebiet gefahren, um den Mörder des Jungen, in den ich verliebt war, aus nächster Nähe zu sehen und ihm Sand in die Augen zu streuen, denn in meiner Vorstellung musste er ein Monster sein, ohne einen Hauch von Menschlichkeit.

Ach Omar, hätte ich in jenem Jahr doch nur ein Monster von einem Menschen gesehen! Aber der Krieg hatte ja nicht einmal eine menschliche Gestalt: Was ich sah, war gewaltiges Kriegsgerät, ein Arsenal an Kugeln, Granaten und Raketen, die, wenn sie explodierten, einem die Haare zu Berge stehen ließen. Eine Kriegsmaschine, die auf beiden Seiten unablässig arbeitete, und so sehr ich auch versuchte, inmitten des glühenden Metalls das Gesicht eines Menschen zu erspähen, es gelang mir nicht. An einem Tag in der „Kriegszentrale“ der Verwaltung von Chorramschahr ­– unter diesem unendlichen Platzregen an Geschossen und Granaten – brauchten alle jungen Frauen plötzlich eine Damenbinde. Da haben wir mit einem Mal verstanden – habe ich mit einem Mal verstanden – was Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch meinte mit den Worten „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“. Während der ganzen Zeit, die unsere Gruppe in dem Gebiet war, eine ungewöhnlich lange Menstruation über, haben wir den Männern unsere Weiblichkeit vorgeführt. Männer, für die Kriegsorte zuvor reine Männerorte gewesen waren. Dies war einer der wenigen Fälle, in denen wir jungen rebellischen Frauen, angesichts dessen, dass man uns diese Orte verwehrte, recht froh und zufrieden waren. Der Krieg hat allemal kein weibliches Gesicht! Aber ein beträchtlicher Anteil dessen, was man „Kriegsliteratur“ nennt, wird von Frauen verfasst. Von mir gibt es eine Sammlung kleiner Geschichten, die den Titel „Der Junge, der mich liebte“ trägt. Mehrere Geschichten aus dieser Sammlung sind aus der Sicht eines jungen Mädchens geschrieben – sie beschreiben entweder ihre Beziehung zu dem Jungen, den sie liebte, oder sie erzählen von ihrer Lebensgeschichte und ihren Gefühlen in Bezug auf die Lebensumstände des Jungen. Erlauben Sie mir, Sie mit einer dieser Geschichten bekannt zu machen. Sie trägt den Titel „Braut“ und der Herausgeber der Sammlung hat nach eigenen Angaben erst einmal eine Zigarette rauchen müssen, als er sie las. Ich hoffe doch, dass Sie ebenfalls eine Zigarette brauchen, wenn Sie das lesen. Also: Ein Junge flitzte einmal auf seinem Fahrrad an einem Schulmädchen vorbei und fragte sie: „Willst du die Schwiegertochter meiner Mutter sein?“ Das Mädchen hat die Frage nie beantwortet, aber Schweigen war ein Zeichen der Zustimmung und das wussten sie beide. Mit siebzehn wird der Junge dann an die Front geschickt und kehrt zurück, als das Mädchen zweiundvierzig ist, um auf dem Friedhof der Kleinstadt zur Ruhe zu kommen. Hier beerdigt man seine lang verschollenen Gebeine und als die Frau tags drauf das Grab des Jungen besucht, da lächelt ihr der lustige und lebendige Siebzehnjährige von damals aus einem gerahmten Foto entgegen. Ein Mädchen um die sechs hält ihr eine Schachtel Datteln hin. „Ihr Sohn ist aber hübsch gewesen“, sagt die Kleine.

Du siehst, lieber Omar, aus dieser Wunde tropft immer noch Blut. Von ihren Fotos lächeln diese jungen Männer uns Alternden zu. Fürwahr, die Kriegsgefallenen werden niemals alt, aber wir, trotz Sonne und Wasser, wir welken mit jedem Tag. Diese Wunde und diese Kluft wird erst der Tod schließen können. Gleichwohl werden auch die nächste Generation und die Generationen danach ihren Anteil an den Splittern dieses Krieges abbekommen.

Fahren wir fort! Ich habe damals, wie gesagt, keinen Iraker aus der Nähe gesehen, nicht einmal mit einem Fernglas gelang es mir, jemanden zu erkennen. Aber ich war weiterhin begierig, zumindest einen zu treffen, ihm direkt in die Augen zu sehen und ihn zu fragen: Warum, warum, warum? Warum hast du den Jungen getötet, den ich liebte? Diese Frage würden wohl alle untröstlichen Hinterbliebenen stellen. Leider habe ich erst sehr spät verstanden, dass man diese Frage jenen stellen muss, die diese Kriege veranlassen und aus unseren Kindern Brennholz machen, mit dem sie ihre Kriegshölle anheizen. Jene, die einander in gewisser Weise kennen, aber nicht töten. Während unsere jungen Männer, bevor sie sich gegenseitig zerfleischen, doch gar nichts miteinander zu schaffen hatten.

Ja, mein lieber Omar, als ich damals, 1985, mit dem iranischen Kriegsgerät und einigen Kriegstrophäen aus dem Irak konfrontiert war, da musste ich unweigerlich an das Monster aus „Frankenstein“ denken, dieses zusammengeflickte und vernarbte, blutrünstige und mitleidlose Ungetüm aus Mary Shelleys literarischem Meisterwerk. Diese Kriegsmaschine, die wie aus dem Nichts um sich schießt und auch den Jungen, den ich liebte, durch einen kleinen Granatsplitter getötet hat, sie hatte für mich etwas von der Machart eines metallenen Monsters ­­– eines Monsters, das sich vom Blut junger Menschen nährt.

Später, als der Waffenstillstand beschlossen, die Spuren der Verwüstung aber noch nicht beseitigt waren, bin ich noch einmal zu den Schlachtfeldern am iranisch-irakischen Grenzverlauf bei Schalamtscheh gefahren, dieses Mal mit einer Gruppe von Schriftstellern. Als ich den ersten irakischen Grenzsoldaten sah, schritt ich energisch auf ihn zu. Dennoch achtete ich darauf, keinen Fuß auf die andere Seite der Grenze zu setzen, die zum Irak gehörte. Diesen Moment hatte ich mir so oft ausgemalt. Jahrelang hatte ich in der Erwartung gelebt, ich würde einst durch einen einzigen Blick Antworten auf all meine Warums bekommen. Während ich dem jungen Iraker eine Schachtel mit Süßigkeiten entgegenstreckte, fing ich seinen Blick ein. Irrtum, hundertfacher Irrtum – denn in seinem strahlenden Blick verschwanden meine Fragen plötzlich. Er war nicht der richtige Adressat. Er würde mir keine Antworten geben können. Was ich in dem Antlitz dieses jungen Grenzsoldaten sah, war ein leidenschaftlicher Blick, der seine Energie und Kraft nur aus der Liebe ziehen konnte. Einer Liebe, die, obgleich kilometerweit von ihm entfernt, doch existierte und dem jungen Mann Halt gab. Als unsere Blicke sich miteinander verbanden, da dachte ich einen Moment lang, dass dieser Blick jenem jungen Mann hätte gehören können, den ich geliebt hatte und den ich wieder lieben könnte, und dass ich meinerseits das Mädchen hätte sein können, dessen Existenz dem jungen Grenzsoldaten Liebe und Hoffnung schenkte – vielleicht.

Lieber Omar,

dies war der erste Iraker, den ich aus der Nähe gesehen habe. Ich glaube kaum, dass diese Grenzlinie, die zwischen uns beiden verlief und die in Wahrheit doch nichts als eine Klausel in einem Vertrag war, unseren Blick aufeinander, unser Gefühl füreinander trüben konnte. Aber ach! Wenn es drauf ankommt, sind es solche Verträge, die zählen, und sobald ein Wahnsinniger, wie Ihr Diktator einer gewesen ist, diese übertritt, müssen junge Menschen mit ihrem Leben für seinen Wahnsinn bezahlen. Innerhalb der persischen Kultur ist der Jugendmord die Urszene der größten literarischen Tragödien. Sicher hast Du schon einmal von dem persischen Nationalepos gehört, dem großen literarischen Werk von Firdausi, dem Schahnameh. In diesem gewaltigen Text ist das Motiv des Jugendmords so bedeutsam, dass man meinen könnte, der Widerstreit zwischen Vätern und Söhnen sei die Achse, um die sich die ganze Welt dreht. Unter den Geschichten des Schahnameh ist die traurigste wohl Rostam und Sohrabs Schlacht, in der Rostam, ein berühmter persischer Held, unabsichtlich und nichtwissend seinen eigenen Sohn tötet. Eine weitere bekannte Sage ist die von der Trauer um Siyawasch. Darin wird ein junger Held durch eine Intrige seiner Stiefmutter und einiger Höflinge seines Vaters auf das Schlachtfeld geschickt. Und in der Sage Der Kampf von Rostam und Esfandiyar stirbt der junge Esfandiyar aufgrund einer List seines Vaters Goschtasp letztlich durch die Hand des nun schon alternden Helden Rostam.

Sicher hast Du auch schon bemerkt, dass viele der Kriegstreiber und Diktatoren in unserer Region sich für die Väter ihrer Nationen halten. Geistige Väter, die beschlossen haben, die eigenen Kinder zu opfern, in Kriegen, zu denen es noch im besten Falle durch diplomatische Missverständnisse zwischen politischen Parteien oder durch Unüberlegtheit gekommen ist.

Fahren wir fort! Später lernte ich auf der Zugfahrt von Teheran nach Maschhad eine irakische Familie kennen. Sie hatten sehr unter dem Krieg zwischen unseren Ländern gelitten und einige der Ihren darin verloren. Wir sprachen mit Händen und Füßen und wenigen Brocken Arabisch und Persisch über den Krieg, tauschten uns über das gefräßige Monster aus, das unsere Liebsten verschlungen und für immer eine Leerstelle hinterlassen hatte, die nichts je wieder würde füllen können. – Ob dieser Briefwechsel vermag, etwas Balsam auf unsere eiternden Wunden zu streichen und diese Leere ein kleines bisschen zu füllen?

Lieber Omar, lass mich Dir an dieser Stelle ein Geheimnis erzählen. Denn weißt Du, Dich in ein Geheimnis einzuweihen, das bedeutet, Dich zu einem der Meinen zu machen: Ich habe Flugangst, eine regelrechte Phobie vor dem Fliegen. Deswegen bereise ich alle Orte im Iran entweder mit dem Zug oder mit dem Bus. Manchmal saß ich mit fremden Menschen bis an die zwanzig Stunden in einem Abteil. Und von ihnen habe ich gelernt. Ich habe mir ihre Lebensgeschichten angehört und meine literarischen Motive dort erbeutet. Vertrau mir und setze das Reisen mit dem Zug auf Deine Tagesordnung. Man schaut und horcht der Gesellschaft dort unter die Haut und erfährt Dinge, die nicht zu sehen und nicht zu hören ein deutlicher Verlust für jede Schriftstellerin und jeden Dichter ist. In jenem Abteil, das mich und die irakische Familie zu Reisegefährten gemacht hatte, saß zum Beispiel noch eine weitere Frau, die während der gesamten Dauer des Gesprächs, das ich und die irakische Frau in dieser gebrochenen Sprache führten, mit einer Strickarbeit zugange war. Kannst Du glauben, dass sie die ganze Zugfahrt über gestrickt hat, ohne einen einzigen Ton von sich zu geben? Schnell und präzise und mit flinken Fingern. Ganz so, als hätten in diesem Land nicht acht Jahre lang die Sirenen geheult, die der Frühwarnsysteme und die jener Krankenwagen, die die Verwundeten auf die Krankenhäuser aufteilten. Als sei sie nicht hundert Mal gestorben und wieder auferstanden bei dem Gedanken, dass dieser eine Junge, den sie liebte, in einem dieser Wagen sein könnte. Die Frau – ich fühlte mich an Penelope, die Gemahlin des Odysseus erinnert – strickte und trennte dann die Maschen immer wieder auf. Als sei das Stricken und Auftrennen eine Anspielung auf irgendetwas, auf irgendeinen Vorgang. Starr wie ein Stein war sie. Sie sagte nichts, beteiligte sich nicht an den Gesprächen und nahm auch nichts von den kleinen Speisen, die wir ihr höflich anboten. Sie strickte bloß und trennte kurz darauf die Maschen wieder auf. Sie war die ganze Nacht über wach, strickte und trennte auf. Im Morgengrauen am Bahnhof von Maschhad verlor ich sie aus den Augen und in all diesen Jahren habe ich sie in den Abteilen sämtlicher Züge gesucht, in die ich gestiegen bin.

Ist diese Frau wirklich in unserem Abteil gewesen oder habe ich mir das bloß erdacht und ersponnen? Jetzt, wo ich diese Geschichte für Dich aufschreibe, bin ich mir nicht sicher. Ja, denn wieso sollte auch eine Frau von vor Hunderten von Jahren plötzlich in einem, sagen wir, Zug Nummer 196 nach Maschhad, Wagen 3, Abteil 5, sitzen und an einem langen Schal stricken, den sie immer wieder auftrennt? Und warum muss ich Dich überhaupt mit dem Gleichnis, das diese Geschichte darstellt, verwirren? Ich bitte Dich, wenn Du auf meinen Brief antwortest, dann schreib mir doch, was Du über dieses Gleichnis denkst.

Die Mutter der irakischen Familie und ich teilten unterwegs Snacks und kleine Happen der Zuneigung miteinander. Die kleinen Kinder der Familie, die nicht viel über diesen langen, verheerenden Krieg wissen konnten, lauschten schweigend und sichtlich verängstigt dem gebrochenen Gespräch, das ich mit ihren Eltern führte. Auch zu jener Zeit gab es im Irak weder Sicherheit noch Frieden. Aber damals befand sich das Land wenigstens nicht mehr im Krieg mit seinen Nachbarn, die doch Teil desselben Kultur- und Zivilisationsraums sind. Aber was war das bloß gewesen, das den Diktator so sehr an der Eroberung anderer Länder gereizt hatte? Ich meine die Besetzung Kuwaits, den nächsten Feldzug, der prompt folgte, als der Krieg mit dem Iran ein Ende gefunden hatte.

Heute finde ich es erstaunlich, Omar, aber der erste von mir veröffentlichte Text handelte von diesem Krieg. Ein Gedicht war es, im Stil der Sepid-Gedichte, das, wenn ich mich nicht irre, den Titel „Weihnachten in Bagdad“ trug. Den Anstoß dazu gab einer der amerikanischen Piloten, die Bagdad nachts bombardiert hatten und der die brennende Stadt hinterher in den Nachrichten mit einem von Kerzen erleuchteten Weihnachtsbaum verglich. Das schöne Bagdad aus Tausendundeiner Nacht! Während er es von oben betrachtete, starben unter ihm auf der Erde die Menschen durch seinen Knopfdruck. Dieser Widerspruch hat mein junges Ich wütend gemacht und diese Wut veranlasste mich, einen kurzen Überblick über die Ereignisse in der Region in poetischer Sprache zu verfassen. Sollte ich das Gedicht eines Tages wiederfinden, schicke ich es Dir.

Ja, mein lieber Omar, Sie sind erst der sechste Iraker, mit dem ich spreche. Omar, warum hat sich in unseren nahöstlichen Ländern die Kultur des Dialogs in der Tat nicht beheimatet? Warum haben wir uns an die langen Monologe der Diktatoren gewöhnt, die uns für eine Herde halten und sich selbst für die Hirten? – Hirten, die uns die Peitsche über den Widerrist ziehen und die wir dafür lobpreisen durch unser Schweigen.

Der Dialog ist das Gegengift der Diktatur und das Gegengift dieses äußerst unheilvollen Hirte-Herde-Paradigmas[1]. Heute ist Macht ein Ergebnis von Handel und des Prinzips der gegenseitigen Abhängigkeit aller Beteiligten voneinander. Der Mensch ist dort mächtig, wo Menschen ihre Erfahrungen miteinander geteilt und aus den Fehlern der anderen gelernt haben. Heute bezieht die Menschheit ihre Kraft aus dem Wunsch nach Fortschritt und danach, den anderen besser kennenzulernen.

Unsere Vorfahren haben voneinander gelernt, wir sollten ebenfalls voneinander lernen. Hier, das heißt, im miserablen Nahen Osten, sind Dialog und kultureller Austausch die fehlenden Bindeglieder für unsere Modernisierungsprozesse. Natürlich hat jedes Gespräch seine Vorbedingungen und Regeln. Aber während wir uns in diesem Prozess befinden, können wir voneinander und aus unseren Irrtümern lernen, so wie andere Nationen es getan haben.

Lieber Omar,

bei unserem Austausch handelt es sich nicht nur um ein Gespräch zwischen einer Iranerin und einem Iraker. Es ist auch ein Austausch zwischen einer Frau und einem Mann oder zwischen einer Mutter und ihrem Kind, und solche Unterschiede sind in diesem Teil der Welt noch sehr bedeutsam. Ich bin überzeugt, dass unser Austausch das Potenzial hat, ein Segen zu sein, für mich und für Dich, die wir unterschiedlichen Geschlechts sind und unterschiedlichen Generationen angehören. Wir können im Herzen der kollektiven Geschichte des Nahen Ostens unsere individuellen Geschichten verorten und Erkenntnisse erster Hand voneinander gewinnen, indem wir uns diese besonderen Geschichten erzählen. Der Mensch ist das einzige Wesen, das eine Geschichte hat. Andere Lebewesen mögen wohl eine Vergangenheit haben, einzig der Mensch jedoch hat eine Geschichte und Literatur. Individuen und Nationen bleiben lebendig, solange man sich ihre Geschichte erzählt und ihre Erzählungen weitergibt. Beschenke mich mit einer Erzählung über Dich, über Deine Gesellschaft und Dein Land, Omar, so wie ich Dir Erzählungen über meine Erfahrungen und meine Gesellschaft schenken werde. Ich bin mir sicher, nach diesen Erzählungen werden Verstehen und Verständnis uns viel leichter fallen – und das Verzeihen natürlich. Wir werden einander verzeihen, denn einander zu verstehen und füreinander Verständnis zu haben – im Sinne einer Annahme jenes „Anderen“, mit all seinen Unterschieden – ist die Voraussetzung für das Verzeihen.

 

Deiner Antwort sehe ich gespannt entgegen.

In Zuneigung

Bilqis

 

[1]Anmerkung der Übersetzerin:  Eine Anspielung auf einen Text des iranischen Intellektuellen Mohammad Mokhtari, der mit dem Paradigma von Hirt-Herde autoritäre Gesellschaften beschrieb und die politischen Zustände im Iran kritisierte. Er wurde 1998, aller Wahrscheinlichkeit nach im Auftrag der iranischen Regierung, ermordet.

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Beschenke mich mit einer Erzählung über Dich – Brief 1

Bilqis Soleimani an Omar Al-Jaffal: Sie sind der sechste Iraker, mit dem ich im Laufe meines Lebens in Kontakt komme, und der erste, dem ich von mir und den Erfahrungen, die mein Leben geprägt haben, schreibe. 1985 bin ich mit einer Gruppe Studentinnen in die Kriegsgebiete im Südwesten Irans gereist. LesenText im Original

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