Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
Logo Weiter Schreiben
Menu

Den Ängsten entkommen – Brief 4

Raha Mozaffari (Pseudonym) an Elke Schmitter, Maschhad, Iran, 12. Dezember 2022

Übersetzung: Sarah Rauchfuß aus dem afghanischen Persisch

Bild einer Tasse Tee in einer Küche © Raha Mozaffari
„Ich verbringe mehr Zeit mit häuslichen Tätigkeiten und unterstütze meine Mutter…. Während ich die Pistazien aufknacke, denke ich über die Charaktere meiner Geschichten nach.“ © Raha Mozaffari

 

Hallo liebe Elke,

es hat mich sehr glücklich gemacht, Deinen zweiten Brief zu lesen. Die Medien geben nur Statistiken wieder, aber von dem Schmerz hinter diesen Statistiken erzählen sie nichts. Wenn ein Familienmitglied auf grausame Weise getötet wird, ist die ganze Familie davon betroffen. Die Trauer über diesen Verlust begleitet die Angehörigen bis an das Ende ihres Lebens und die Leere, die das geliebte Kind hinterlassen hat, fühlen sie jeden Tag.

Unter den Opfern des Anschlags auf das Bildungszentrum Kadsch war niemand, den ich kannte, und trotzdem musste ich an dem Tag weinen. Ich habe an die Träume eines jeden dieser Menschen gedacht, die in der Kürze eines Wimpernschlags ausgelöscht wurden.

Zwei Wochen nach diesem Selbstmordattentat wurden die Hochschulzulassungsprüfungen abgehalten und die Schüler*innen, die den Anschlag überlebt hatten, nahmen ebenfalls daran teil. Eine von ihnen war Fatema, deren eines Auge bei dem Anschlag verletzt wurde. Ich weiß nicht, ob Du etwas über Fatema gehört oder gesehen hast. Fatema hat trotz ihrer Verletzung, trotz des Schmerzes und des durch den Anschlag erlittenen Traumas an der Prüfung teilgenommen und in ihrem Lieblingsfach, Informatik, mit einer hervorragenden Note bestanden.

Vielleicht wird es Fatema möglich sein, die Träume der Opfer in das Kleid der Wirklichkeit schlüpfen zu lassen. Sie ist für mich ein herausragendes Beispiel für Courage und Standhaftigkeit. Ich weiß nicht, ob dies der letzte Anschlag dieser Art gewesen sein wird oder noch weitere folgen, das Einzige, was ich sicher weiß, ist, dass wieder eine Marziya geboren werden und das Gute eines Tages den Sieg davontragen wird.

Was Du von Deinen Erfahrungen in Paris erzählst, hat mich an die harten Zeiten erinnert, die hinter mir liegen, Zeiten, in denen ich einen langen Weg zu Fuß zur Schule gehen musste, da diese in einem anderen Dorf lag. Es war ein Weg von etwa einer Stunde, der ohne Eile innerhalb von zehn Minuten mit dem Auto zurückzulegen gewesen wäre, aber meine Familie konnte sich das Fahrtgeld nicht leisten. So habe ich mich jeden Morgen um halb sechs zusammen mit meinen Freundinnen auf den Weg gemacht, um rechtzeitig in der Schule anzukommen. So hart diese Tage auch waren, ich bin damals voller Hoffnung gewesen, denn die fleißigen und entschlossenen Mädchen an unserer Schule schafften es an die Universität und machten dort ihren Abschluss. Gegenwärtig setzen einige von ihnen ihr Studium in Ländern wie Frankreich, den USA oder Deutschland fort.

Du hast mich nach Paris gefragt – ich weiß nicht viel über diese Stadt, bloß, dass ihr Wahrzeichen der Eiffelturm ist. Ich habe auch viel über ihre Schönheit und ihre Cafés gehört. Ich denke mir, dass das schöne Paris eine der Städte gewesen sein könnte, die auch Marziya, die ein Opfer des Anschlags wurde, gerne bereist hätte. Ich liebe es, zu reisen, und bin schon zwei Mal nach Bamiyan gereist. Bamiyan ist die Stadt, in der meine Eltern geboren sind. Ich kann aus voller Überzeugung sagen, dass es sich um eine der sehenswertesten Städte der Welt handelt. Die Menschen in Bamiyan gelten als überaus gastfreundlich und liebenswert und die Stadt liegt inmitten einer eindrucksvollen Natur. Besonders berühmt sind die atemberaubend schönen Seen des Band-e Amir.[1] Aber diese Reiseerfahrungen reichen mir nicht. Ich wünsche mir, noch viele Reisen machen zu können, und nach dem, was Du mir von Paris erzählt hast, kann ich es kaum erwarten, die Stadt einmal zu besuchen.

Das Leben der Frauen in meinem Land unterscheidet sich sehr stark von dem Leben der Frauen im Westen. Dinge, die für Euch zum Alltag gehören, sind für die Mädchen in meinem Land Wunschträume. Zum Beispiel Fahrrad- und Motorradfahren oder auch nur in einem Klassenzimmer zu sitzen. Mit der neuen Regierung sind die Träume der Mädchen meines Landes in noch weitere Ferne gerückt, während gleichzeitig die Einschränkungen für sie zugenommen haben. Ein junges Mädchen, das auf der Straße Fahrrad fährt, mag in Deinem Land etwas ganz Gewöhnliches sein, hier ist es massiver Tabubruch. Ich selbst habe das Fahrradfahren noch nicht gelernt – Fahrrad zu fahren, ohne dabei Angst haben zu müssen, von Männern verspottet oder tyrannisiert zu werden, das stelle ich mir als etwas ganz Außergewöhnliches vor. Ich denke, dass es unter den Frauen aller Länder sowohl Ängste gibt, die alle miteinander teilen, als auch solche, die nur einen Teil von ihnen betreffen. Das Fahrradfahren ist für Frauen im Westen nichts, wovor man Angst haben muss, während es für die Mädchen und Frauen in Afghanistan Anlass zu den größten Ängsten gibt und eine Frau dafür bestraft werden kann.

Aus dem Patriarchat gibt es auf der ganzen Welt kein Entkommen und das Einzige, was wir angesichts dessen ausrichten können, ist, unsere Ängste zu bezwingen.

Du hast mich nach Annie Ernaux gefragt. Leider kenne ich diese Schriftstellerin nicht, aber ich kann es kaum erwarten, mehr über sie zu erfahren.

Seit ich mit meiner Familie in den Iran gegangen bin, ist schon einige Zeit verstrichen, aber ich weiß immer noch nicht, ob wir dauerhaft hierbleiben werden oder doch wieder nach Afghanistan zurückkehren. Es ist das erste Mal, dass ich so weit von dem Ort entfernt bin, an dem ich geboren wurde, und ich vermisse die unbefestigten Straßen unseres Dorfes und die frohen Tage, die ich trotz aller Schwierigkeiten in meinem Land verlebt habe.

Bisher habe ich nicht gewusst, was das bedeutet: das Land zu lieben, aus dem man kommt. Bis ich die Erfahrung gemacht habe, fern von diesem Land zu sein.

Einige meiner Freundinnen haben vor wenigen Tagen ihr Studium abgeschlossen. Wenn ich an sie denke, beneide ich sie um ihren Mut. Sie sind wie Pflanzen, die inmitten einer Wüste gewachsen sind und sich den schlechten Umständen niemals gebeugt haben. Die düsteren Tage, die über mein Land gekommen sind, werden vorüberziehen und ich hoffe, dass sich unsere Träume eines Tages vielleicht doch noch realisieren lassen.

Liebe Elke, ich habe einige der Geschichten, die ich vor einem Jahr geschrieben habe, noch einmal gelesen und plane nun, sie zu überarbeiten. Deine Anmerkungen zu meiner Schreibtätigkeit sind wirklich großartig. Jetzt, wo ich in einem anderen Land bin und mich einigermaßen sicher fühle, will ich schreiben, um der Verzweiflung und Niedergeschlagenheit zu entkommen, die die bitteren Erfahrungen mit sich gebracht haben. Und dem Heimweh. Ich denke, alle diese Texte – jede Geschichte, die eine Frau über sich veröffentlicht – dokumentieren das Leben von Frauen, die täglich mit unterschiedlichsten Ängsten konfrontiert sind und dennoch standhaft bleiben.

Liebe Elke, lass mich Dir etwas von meinem Tagesablauf erzählen: Da ich hier in Maschhad keine Freundinnen habe, verlasse ich das Haus seltener. Ich verbringe mehr Zeit mit häuslichen Tätigkeiten und unterstütze meine Mutter. Sie hat zur Beschäftigung und um etwas Geld zu verdienen, Pistazien aus einem Laden mitgebracht. Ich helfe meiner Mutter jeden Tag eine Stunde lang dabei, sie zu schälen. Während ich die Pistazien aufknacke, denke ich über die Charaktere meiner Geschichten nach. Dann lese ich eine Stunde. Seit Kurzem lese ich Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway. Solche Beschäftigungen haben mir zu einem gewissen Grad geholfen, mich meiner Ängste zu entledigen und meine schriftstellerische Zukunft wieder hoffnungsvoller anzugehen.

Zwischen dem letzten Brief, den ich Dir geschrieben habe, und diesem liegen viele Veränderungen: die Erfahrung der Auswanderung, die Überwindung meiner Ängste und das Wiedererstarken meiner Hoffnung, neue literarische Werke schaffen zu können. Ich weiß nicht, was die Zukunft für mich bereithält. Alles, was ich weiß, ist, dass ich als junge afghanische Frau nicht verzweifeln darf und dass ich weiterschreiben muss – und wenn nur eine einzige Person meine Texte liest. Ich hoffe, dass eines Tages ein Buch aus ihnen werden wird und Du es lesen kannst.

Dein Freundin Raha

 

 

[1] Band-e Amir (dt. Stausee des Emirs) ist eine Seenkette in der Provinz Bamiyan. Aufgrund des hohen Mineralvorkommens im Boden sind die sechs Seen von besonders intensiver blauer Farbe. 2009 wurde der Band-e-Amir-Nationalpark als erster offizieller Nationalpark Afghanistans eröffnet. [A. d. Ü.]

Nächster Brief:

Den Ängsten entkommen - Brief 4

Raha Mozaffari an Elke Schmitter: Es hat mich sehr glücklich gemacht, Deinen zweiten Brief zu lesen. Die Medien geben nur Statistiken wieder, aber von dem Schmerz hinter diesen Statistiken erzählen sie nichts. LesenText im Original

Autor*innen

Datenschutzerklärung