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D wie Donna – Brief 1

Dilek Güngör an Maliha Naji (Pseudonym), England, 14. Juni 2022

Übersetzung: Ibrahim Hotak Ins Paschtu

© Dilek Güngör

Liebe Maliha,

dies ist mein erster Brief an Dich, überhaupt ist das ein erster Brief seit langer Zeit. Früher schrieb ich jede Woche einen Brief, Seite um Seite, meine Handschrift wurde zunehmend schlampiger und um das zu kaschieren, verzierte ich die weißen Ränder mit Buntstiften, malte Blumen und Ranken und Schmetterlinge, ich trennte Modefotos aus Zeitschriften und faltete Umschläge daraus. Heute schreibe ich keine Briefe mehr und bekomme auch keine. Schickt Dir jemand Briefe, Maliha?

„Schreib doch mal deiner Großmutter“, sagte meine Mutter, „oder deiner Tante. Deine Cousinen wollen sicher wissen, wie es dir geht.“ Die Briefe an die Familie waren immer die, die mir am schwersten fielen. Was sollte ich meinen Cousinen in der Türkei erzählen, was meiner Großmutter? Sie lebten weit, weit weg, in einem anderen Land, in einer anderen Sprache, ich will nicht schreiben, sie lebten in einer anderen Welt, aber so fühlte es sich an. Alles dort war anders als zu Hause, als in meinem Leben, selbst die Sterne am Nachthimmel waren dort größer. Die Cousinen würden nicht verstehen, was ich ihnen erzählte. Wie denn auch, ich sah nur, was bei ihnen anders war, was uns trennte, und nicht, was uns verband. Wir waren eine Familie, das zumindest verband uns, aber wenn ich an sie dachte, rührte sich nichts in meinem Inneren. „Schreib, dass du sie vermisst“, sagte meine Mutter, mein Vater sagte nichts, er schrieb selten Briefe und auch das Sprechen hat ihm noch nie Freude bereitet. Also schrieb ich, dass ich sie vermisste und mich darauf freute, sie in den Sommerferien wiederzusehen. Das schrieb ich und es störte mich, dass es nicht stimmte.

Mit dreizehn oder vierzehn oder fünfzehn hatte ich eine Brieffreundin, die ich über eine Annonce in einer Zeitschrift kennengelernt hatte. Vermutlich waren wir gleich alt oder hatten ähnliche Hobbys, ich weiß nicht mehr, wie wir zueinanderfanden. Auch was wir einander schrieben, habe ich vergessen. Ich erinnere mich aber an das schöne Papier, das sie benutzte, stets passte der Umschlag zum Briefblatt, sie besaß Unmengen dieser Briefsets: Papier mit Herzen, mit Pferden, Wolken, Regenbögen, mit Schwänen. Sie schrieb mit roter Tinte und manchmal in Türkis. Sie schrieb mit Glitzerstiften, die nach Erdbeeren rochen, und klebte kleine Sticker auf die Umschläge. Ich hatte einen Bleistift, der nach Apfel roch, wenn man ihn anspitzte, aber die Schrift war ohne Duft. Mein bemaltes Papier kam mir kindisch vor und ich besorgte mir ein Briefpapierset. Beige mit üppigen Rosen.

Niemand sucht mehr Brieffreunde in der Zeitung. Ich weiß das, weil ich gerne Annoncen lese. Heiratsannoncen, aber auch Anzeigen, über die Menschen gebrauchte Möbel verkaufen wollen, Autos oder Hundewelpen. Dort suchen Menschen jemanden zum Schachspielen oder zum Wandern. Brieffreunde sucht niemand. Was ist aus all dem schönen Papier in den Läden geworden? Wer kauft es? In einer der Schubladen müsste noch welches sein, ich habe das Rosenpapier sparsam verwendet. Für jeden Brief nahm ich nur einen Bogen aus dem Set, die übrigen Seiten riss ich aus meinem karierten Schulblock.

Und solltest Du Dich fragen, Maliha, ja, ich kenne ein Paar, das sich über eine Heiratsannonce kennengelernt hat. Ich war überrascht, als ich es erfuhr. „Wirklich?“, rief ich. „Schht“, machte die Freundin sofort. Wir waren auf einem Geburtstag einer gemeinsamen Freundin. Sie spricht nicht gern darüber. Vielleicht hätte sie ihren Mann lieber bei der Arbeit kennengelernt. Oder beim Gemüsekaufen, bei einem Autounfall, bei dem aber nichts Schlimmes passiert, sondern nur der Blinker zersplittert war. Wie im Film, so wünscht man sich das, aber jetzt bin ich vom Briefeschreiben abgekommen.

Den Namen meiner Brieffreundin mit der türkisfarbenen Tinte habe ich vergessen. Das mag daran liegen, dass wir uns für unsere Korrespondenz andere Vornamen aussuchten. In einem ihrer ersten Briefe schlug sie mir verschiedene Namen vor. Die für mich begannen alle mit „D“ wie Dilek und Donna gefiel mir am besten. Nannte sie sich Suzan? Hätte ich Donna geheißen, hätte mich nie jemand für einen Jungen und später für einen Mann gehalten. Ich bekomme heute noch Post, mit „Sehr geehrter Herr Güngör“. Du siehst, Post bekomme ich schon, vom Amt, von der Versicherung, von der Bank. Aber eben keine handgeschriebenen Briefe.

Die schönsten Briefe schrieb meine große Cousine, die nicht meine wirkliche Cousine ist. Unsere Väter kamen vor über fünfzig Jahren aus demselben türkischen Dorf in dieselbe kleine Stadt in Deutschland. So wurde ihr Vater zu meinem Onkel und sie zu meiner Cousine. Sie ist vier Jahre älter als ich und damals wünschte ich mir, sie wäre meine Schwester. Sie studierte später Jura, sie war die Allererste aus unserer Familie, die an die Universität ging. Sie schrieb mir von der großen Stadt, in der sie lebte, vom Wohnheim, von heimlichen Verehrern. Ich bewunderte ihr Leben, ich malte ihr Bilder und schickte ihr getrocknete Blumen, die auf dem Weg zu ihr im Umschlag zerbröselten. Wer von uns beiden mit dem Schreiben aufgehört hat, kann ich Dir nicht sagen. Manchmal geht etwas zu Ende und du merkst erst hinterher, dass es vorbei ist. Heute lebt meine große Cousine in der Schweiz, vor zehn Jahren haben wir uns das letzte Mal gesehen. Ich könnte ihr schreiben, so wie ich Dir jetzt schreibe. Papier wäre sogar noch da.

Maliha, Du und ich, wir haben einander noch nie gesehen, aber ich habe Deine Stimme gehört und versucht, das eine oder andere Wort Paschtu zu verstehen, denn das Türkische ist voller persischer und arabischer Worte. So wenig weiß ich über Deine Sprache. Vielleicht finden wir ein paar Worte, die wir gemeinsam verstehen, bis dahin stelle ich Dir ein paar Fragen. Ich meine, so hat damals auch meine Brieffreundschaft mit dem Mädchen begonnen, das mich Donna nannte.

Was isst Du gerne?

Wo lebst Du und wer lebt mit Dir an diesem Ort?

Wie sieht die Straße aus, in der Du wohnst?

Was liebst Du an der Schule, was am Unterrichten? Was nicht?

Was tust Du, wenn Du nach Hause kommst? Worauf freust Du Dich?

Wem schreibst Du und schreibst Du Dir manchmal selbst?

„Botschaften an mich selbst“, so heißt ein Buch, das ich kürzlich gelesen habe. Der Titel gefällt mir sehr. Schreibst Du Botschaften an Dich selbst? Ich habe Berge von Notizen, die krakele ich auf ein Stück Papier in meiner Handtasche, auf die Rückseite eines Kassenzettels, in eines der Hefte, die neben meinem Bett liegen, an den Rand der Tageszeitung. Und lese diese Botschaften nie wieder.

Maliha, vielleicht war die Lust am Briefeschreiben der Anfang meines Schreibens. Weißt Du, ich hatte nie vor, Schriftstellerin zu werden. Malerin wollte ich sein, dann Dolmetscherin – und auch das bin ich nicht geworden. Meine Mutter sagt, als Kind hätte ich Putzfrau werden wollen. Das stimmt, ich liebte das heiße Seifenwasser im Spülbecken und scheuerte so gerne das Waschbecken im Bad. Ich wischte gerne Staub und putzte auch die Fenster. Das Schöne am Putzen ist die Eindeutigkeit. Du wäschst das Geschirr, trocknest Schüsseln ab und Besteck, reibst das Spülbecken trocken, und dann ist die Küche: sauber. Das Schreiben dagegen hat keinen Anfang und kein Ende. Selbst wenn ein Text zu Ende ist, könnte ich ihn wieder und wieder umschreiben. Wie auch diesen Brief.

Ich schicke ihn Dir jetzt einfach.

Dilek

 

Untold – Weiter Schreiben Afghanistan, ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit „Untold – Write Afghanistan“ und Weiter Schreiben.

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