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Brief aus Prag

Mahtab Yaghma
Gemälde eines dämmrigen Innenraums mit olivbraunen Wänden. Ein schräger Lichtkeil fällt hell auf die Wand. Links lehnt ein Bild an der Wand: Zwei nackte Figuren stehen mit dem Rücken zum Betrachter vor einem dunklen Wald. Daneben stehen zwei Leinwände mit der Rückseite nach vorn. Rechts liegt ein Pappkarton auf einem Bücherstapel, vorn links steht ein offener Umzugskarton, am rechten Rand liegt eine Papierrolle. Der Boden ist schwarz-weiß gekachelt.
© Ramin Parvin, Last days, Acryl auf Leinwand (2025)

An einem Dienstag gegen fünf Uhr morgens traf ich Bohumil Hrabal, den berühmten tschechischen Schriftsteller, im Wirtshaus Zum goldenen Tiger. In bitterem Schweigen tranken wir einige randvolle Krüge Bier mit herbem Geschmack und einer leichten Karamellnote. Im Gewimmel seiner großen runden Augen reckten und streckten sich alle Prager Katzen und miauten.

Im fahlen Morgenlicht eilten wir die kopfsteingepflasterte Straße hinunter. In der Nähe des Karlsplatzes verlor ich ihn in der Menge aus den Augen. Ohne dass wir jemals die schmale Treppe zu seinem Versteck hinabgestiegen wären, um inmitten von herumliegendem Altpapier und dem leisen Fiepen der Mäuse miteinander zu schlafen, ohne uns geküsst zu haben, ja, ohne dass ich ihn jemals bei seinem Vornamen genannt hätte.

Am 21. August um sieben Uhr morgens wurde ich unfreiwillig in einen Karneval aus Blut und Wut hineingezogen, der sich durch die Straßen Prags in Richtung Moldau bewegte. Auf dem Weg umringten mich einige sowjetische Soldaten und einer von ihnen küsste mich so gierig auf die Lippen, dass mein Mund nach Blut und Likör schmeckte.

Ich stecke meine Hände in den offenen Ausschnitt meines Regenmantels, um die ungesunde Blässe meiner Brust zu verdecken, und überquere die Karlsbrücke. In der frischen Morgenbrise des 28. September 2022 erreiche ich das Café Savoy und bestelle, umringt von weißen Schwänen, die sich in der kalten Moldau paaren, Würstchen und Kaffee.

Die alles zusammenziehende Bitterkeit von Likör und Bier haftet noch immer an meiner Zunge, als ich deine Nachricht sehe. Du schreibst, dass du meine warmen Küsse in der Dezemberkälte vermisst. In dem Moment, wenn wir mit der Straßenbahn nach Hause fahren und unser knarrendes Bett in einer „allzu lauten Einsamkeit“ auf uns wartet. Über uns mag sich Kafkas „Verwandlung“ im „Prozess“ vollziehen, zu unseren Füßen mögen Jesus und Laotse Karten spielen … während wir unsere Köpfe in Kunderas Schoß legen und uns bei dem „Buch der lächerlichen Liebe“ vor Lachen schütteln … bis sich das Feuer der Liebe in uns ausbreitet und unsere Münder in ausgedörrtes Holz verwandelt.

Ich habe keine Zweifel daran, dass du im Dezember in meine Arme zurückkehren wirst. Gemeinsam werden wir uns einen Weg durch die aufgebrachte Menschenmenge am Karlsplatz bahnen, ohne dass ich dich verliere. Zwei Schwäne auf der Moldau werden ganz in ihren Gesang und in ihr Balzen versunken sein … wir werden in der Nähe des Tanzenden Hauses spazieren, begleitet von den Klängen eines Klavierstücks, das der tschechische Komponist Bedřich Smetana im Alter von sechs Jahren komponierte. Wir werden all den blauäugigen alten Männern Eis und ein Lächeln anbieten und inmitten des Gesangs der Lerchen am Faden des Prager Frühlings unsere Liebe laut und offen leben.

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