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Ich beneide die Störche – Brief 4

Abdalrahman Alqalaq an Rasha Alqasim, Rabat, 01. November 2022

Übersetzung: Günther Orth aus dem Arabischen

ein Bild von mir am Strand von Rabat, und obendrauf eine Illusion von Melehi.© Abdulrahman Alqalq auf der Basis einer Illusion von Melehi

Liebe Rasha,

ein ganzer Monat ist vergangen, seit ich Dir zum ersten Mal geschrieben habe, und so viel ist seither passiert!

Mein erster Brief war vielleicht nur Ausdruck dessen, wie ich die Dinge gerne hätte. Ich hatte alles ausgespart, was neu um mich herum war und was ich nicht verstand. Heute begreife ich den Unterschied zwischen dem, was ich als Wunsch äußere, und dem, was mein Körper tatsächlich tut, weil er es, ganz ohne Theorie und Nachdenken, so will. Es war wohl etwas radikal von mir, zu sagen, dass ich jede Zugehörigkeit abstreifen möchte. Stattdessen führt mein Körper seit meinem ersten Semester hier in Marokko einen Kampf gegen mich, den ich nicht nachvollziehen kann. Während eine deutsche Kollegin hier Entdeckungsreisen unternimmt, sitze ich zu Hause und erhole mich von einer Krankheit nach der anderen. Eine unerklärliche Erschöpfung nimmt mir alle Energie, mein Körper sendet mir Signale, die ich ignoriere, er will mir Erholungspausen abtrotzen, was ich ebenfalls übergehe, und schon streckt mich eine weitere Krankheit nieder.

Letzten Sommer war ich mit einer Gruppe von Freundinnen und Freunden an einem Fluss, als eine von ihnen mich fragte, woher ich diese große Narbe auf meiner linken Schulter habe. Ich machte einen Witz darüber und wechselte schnell das Thema, um mich nicht an das Gesicht des Soldaten erinnern zu müssen, der mich vor Jahren in Damaskus mit seinem Gewehrkolben geschlagen hatte. Alle sichtbaren Spuren an meinem Körper – wie die Wunde an meiner Schulter oder das Asthma, das mich in verschmutzten Städten überkommt – verbinde ich mit Erinnerungen; Erfahrungen, die keine Narben hinterlassen haben, blende ich aus.

Meine anfängliche Überzeugung, ich müsse nur wieder in ein südliches Land gehen, um mich endlich wieder dauerhaft stärken zu können, hat mich meine tieferen körperlichen Erfahrungen vergessen lassen. Unser Körper spürt alles, was um ihn herum passiert, und speichert es dort ab, wo der Verstand keinen Zugriff hat. Vielleicht glaubt mein Körper, dass ich es jetzt, nach den Jahren des Wartens auf das Ankommen im „sicheren Deutschland“, wieder hervorhole. Vielleicht vermutet er auch, dass das, was jetzt passiert, eine neue Migration darstellt, und will sagen: „Schluss jetzt, das genügt! Noch einmal mache ich das nicht mit!“

Laut Wikipedia hat Gilbert Baker 1978 in San Francisco die Regenbogenfahne entworfen. Aber immer, wenn ich in Marokko in ein Museum gehe und Bilder von Mohamed Melehi sehe, die er zwischen 1975 und 1976 gemalt hat, denke ich, dass das Regenbogensymbol hier entstanden sein muss, in einem Land, in dem die Menschen aus dem Schatten treten, wenn sie sprechen, weil sie ihre Gefühle mit Farben ausdrücken statt mit Worten.

Auch das marokkanische Theater spricht in Farben und bedient sich dabei des Französischen, des Arabischen und der marokkanischen Umgangssprache. Eine solche Theatersprache kann, so glaube ich, das Theater aus einer Haltung befreien, in der es sich vermittels einer Monokultursprache der Welt enthebt. Ein solches Theater bringt mühelos viele Welten auf die Bühne.

Marokkaner interessieren sich nicht besonders für die post- und antikolonialen Theorien, die mir meine deutschen Professorinnen und Professoren beigebracht haben. Ich vermute, dass man sich in Marokko mit Farben, nicht mit Worten vom Kolonialismus befreit. Nichts ist so schnell wie Farben, nichts so langsam wie Worte!

Im marokkanischen Kénitra leben sehr nette Menschen voller Liebe, Bescheidenheit und Toleranz. Sie pflegen die Storchennester auf den Dächern ihrer Häuser, als wären es Minarette oder Türme, durch die sie mit dem Himmel in Verbindung stehen und über die die Störche ihnen Kunde von fernen Städten bringen.

Ich beobachte die Störche und beneide sie darum, verfolgen zu können, wie die Kluft immer größer wird zwischen der Welt, wie die Menschen sie sich wünschen, und dem, was sie ihr antun. Indem sie Worte, Fabrikschlote, Pipelines und Bomben auf Häuser richten, richten sie sich gegen die Welt selbst. Liegt in diesem meinem Blick etwas Poetisches, weil ich aus ebenjenen fernen Städten komme, oder ist der Storch wirklich der klügste Migrant dieser Welt? Er hat schon früh gespürt, dass das Klima aus dem Takt geraten ist und er weniger von einem Kontinent zum nächsten ziehen muss. So baut er seine riesigen Nester über Jahre an der Mündung des Sebou bei Rabat.

Ich beneide die Störche. Sie ziehen umher und nisten hier und da, sie lassen sich nieder, wo sie möchten und finden, was sie brauchen. Das Migrieren ist für sie etwas Natürliches, wofür sie keine Anhörungen und Befragungen über sich ergehen lassen müssen. Migration ist für die Lebewesen auf der Erde etwas Normales. Der Klimawandel wird die Menschen möglicherweise in den kommenden Jahren dazu zwingen, dies immer wieder zu sagen. Die Grenzschützer dieser Welt aber werden es nicht glauben.

Auf einem langen Abschnitt auf beiden Seiten der Bahnstrecke zwischen Rabat und Kénitra erstrecken sich Wasserkanäle, die Avocadoplantagen erblühen lassen, während das Land ringsherum wüst fällt. Alles hier schrumpft und leidet, außer die Avocadobäume, die einem ausländischen Konzern gehören, dem der Wassermangel dieser Region gleich ist. Ich weiß nicht, ob Störche hier in hundert Jahren noch werden leben können.

Anmerkungen in der Mitte (sieben Sätze aus einer Welt)

  1. Der Taxifahrer, der mich vom Flughafen in die Stadt brachte, ließ eine Berbermusik im Auto laufen, die mich verzauberte, und hieß mich die ganze Fahrt über willkommen.
  2. Am nächsten Morgen hörte ich die Nachrichtensprecherin aus einem Radio, das ein Fischverkäufer auf seinen Handwagen gelegt hatte. Sie berichtete von Leichen, die in ihrem Blut lagen und über die Sicherheitskräfte trampelten, während sie auf weitere Migranten einschlugen, die sich am Trennzaun der Enklave Melilla festhielten.
  3. An meinem ersten Tag an der Universität hier sagte ich zu einem marokkanischen Studenten, dass ich mein Studium in Deutschland begonnen habe und immer vorhatte, es entweder in Marokko oder in Palästina fortzusetzen. Er erwiderte, auch er suche seit Beginn seines Studiums nach einer Möglichkeit, es anderswo fortzusetzen – in Paris.
  4. Was ist leichter? Avocado aus sterbenden Böden zu gewinnen oder Flüchtende in totes Land zurückzubringen?
  5. Was verbindet die Regierungen der Welt mehr? Avocado oder Flüchtlingsabkommen?
  6. Zweimal fühlte ich mich dieses Jahr verlegen: Als ich zum ersten Mal in meinem Leben die Außengrenzen Europas mit einem Reisepass überquerte und als ich eine geschnittene Avocado mit Messer und Gabel aß.
  7. In einem Film (ich habe den Titel vergessen) sagt Nicole Kidman: „Menschliche Gerechtigkeit kommt nur in Romanen und Filmen vor.“

 

Wenn die Marokkaner mich in meinem gemischten Dialekt sprechen hören, fragen sie mich als Erstes: „Woher kommst du?“ Die Antwort ist lang: Ich bin Teil eines Studierendenkontingents eines europäischen Landes, dessen Staatsangehörigkeit ich erhalten habe, nachdem ich vor sieben Jahren aus Syrien dorthin geflüchtet bin. Ich komme aus einer palästinensischen Familie, die in Damaskus in einem Flüchtlingscamp gelebt hat.

Mein Exil hat sich stärker erweitert, als ich gedacht hätte. Aber allgemein gefragt: Wie soll meine Generation heute noch zu einer Welt gehören, die unaufhörlich zusammenbricht? Wie sollen wir von unserem Verständnis von Frieden sprechen, während Kriege geführt werden, „um Frieden zu stiften“? Wie sollen wir ein Zuhause oder eine Heimat definieren, während Millionen von Menschen zur Migration gezwungen sind, auf der Flucht vor Diktaturen und einer sich beschleunigenden Klimakatastrophe, die das Verhältnis der Menschheit zueinander und zur Welt auf den Kopf stellt?

Ich habe viele Fragen und viele Ängste. Und viele grundlose Wünsche – zum Beispiel bin ich immer versessen auf unerreichbare Dinge. Jetzt gerade wäre ich gerne in meinem kleinen Zimmer im kalten Hildesheim. Das überrascht mich nicht, mein Körper ist eben eifersüchtig auf die Störche! Peinlich ist mir nur, dass ich weiß, was dann passieren wird: In Hildesheim werde ich wieder nach Süden flüchten wollen!

Aber in welchen Süden? Ist der Süden ein Land, oder ist das, was wir, wenn wir im Norden sind, als Süden bezeichnen, die Gassen um unsere ehemaligen Häuser herum, die wir auf Google Maps ansehen? Auf Längen- und Breitengraden leben wir Gefühle aus, wir verfolgen unseren Weg nach Hause auf einem Bildschirm, auf dem die Welt in unseren Händen zu einer blauen, marmornen Kugel schrumpft. Wir folgen den Koordinaten, zuweilen landen wir in Sackgassen, und nachts schalten wir unser Handy unter der Decke an, um einen Weg zu suchen, der hinter der Mauer auf uns wartet. Vielleicht ist es ein Versuch, die Algorithmen von Google Maps zu ergründen, als seien sie eine sufische Distanz, mit der wir uns ein Gefühl für einen Ort leihen, der an unserem gegenwärtigen Ort keine Zeit hat.

Ich habe viele Fragen. Ich habe viele Ängste und grundlose Wünsche. Zum Beispiel, dass ich mir morgens die Bettdecke vom Gesicht ziehe und mich in einer Welt ohne Fragen wiederfinde, auf der Flucht vor Antworten.

In der Häuser nicht auf der Flucht vor Kriegen gebaut werden.

In der eine Ankunft keine Flucht vor dem Exil ist.

In der man nicht Zufriedenheit findet, indem man vor seinen Wünschen flieht.

Abdulrahman

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