Schreibend versuchen wir, Spuren für jene zu hinterlassen, die nach uns kommen und wissen sollen, dass es uns gegeben hat | Brief 4
Svitlana Oslavska an Zein Khuzam,
Übersetzung: Claudia Dathe aus dem Ukrainischen

Hallo, liebe Zein!
Dein Brief hat viele Assoziationen und Erinnerungen in mir hervorgerufen. Das Thema „Stimme“ hat mich am meisten berührt. Deswegen möchte ich dieses Mal darüber schreiben und auch das einlösen, was ich dir im letzten Brief versprochen hatte. Zuerst aber zu deinen Erinnerungen.
Du hast mir erzählt, wie du als kleines Mädchen eine Bildergeschichte von einem Jungen namens Samer und von Ampeln geschrieben hast. Ich muss lächeln, denn ich fühle mich an mich selbst in diesem Alter erinnert. Ich ging noch nicht in die Schule oder war vielleicht gerade in der ersten Klasse, aber schon zu dem Zeitpunkt mochte ich Bücher und konnte in Druckbuchstaben schreiben. Und eines Tages – vielleicht hat es da gerade geregnet, ich konnte nicht zum Spielen nach draußen gehen und musste mir eine Beschäftigung drinnen suchen – habe ich mein erstes Buch gemacht. Ich habe aus einem Malblock kleine leere Seiten ausgeschnitten und zusammengeklebt, so dass ein kleines Büchlein, vielleicht A7, entstanden ist. Dann habe ich etwas gemalt, ich glaube, es ging um einen Vogel, und mit schwarzem Filzstift einen Text geschrieben. Den schwarzen Filzstift habe ich, glaube ich, genommen, damit der Text in meinem selbstgemachten Buch wie gedruckt aussieht. Vielleicht konnte ich auch einfach noch nicht mit Füller schreiben. Das Interessante daran ist jedenfalls Folgendes: Ich habe mir den Text für mein erstes Buch nicht etwa ausgedacht. Ich habe ihn aus einem vorhandenen Kinderbuch abgeschrieben – es war eins von diesen dünnen illustrierten Heftchen, die aufgestapelt im Regal lagen, und damit ich mir eins zum Lesen nehmen konnte, musste ich sie alle herunterholen. Auch die Bilder habe ich aus dem Buch abgemalt. Das war mein erstes eigenes Buch und zugleich eine verkleinerte Kopie des Originals.
Dieses auf den ersten Blick sinnlose Nachmachen eines Buches erinnert mich an eine Erzählung von Jorge Luis Borges. Darin geht es um einen fiktiven Autor namens Pierre Menard. Er schrieb mehrere Kapitel in Cervantes’ Roman „Don Quijote“. Das war seine Tätigkeit. Aber was bedeutet es, mehrere Kapitel eines Werkes zu „schreiben“, das bereits geschrieben ist? Wenn ich Borges richtig verstanden habe (was man bei diesem Autor nie genau weiß), geht es ihm darum, dass ein und derselbe Text zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich gelesen wird. Der „Don Quijote“ des fiktiven Pierre Menard mag identisch sein mit dem, was Cervantes geschrieben hat. Es gibt allerdings einen Unterschied: Der spanische Autor hat seinen Roman zu Beginn des 17. Jahrhunderts verfasst, Menard tat das dreihundert Jahre später. „Das ist doch absurd!“, möchte man darauf antworten und laut loslachen. Vielleicht war es das, was Borges im Sinn hatte: uns zu belustigen. Ich finde das auch deshalb lustig, weil ich als Kind eben auch so ein Menard war, der beschlossen hatte, wortwörtlich das zu schreiben, was dreihundert Jahre zuvor schon einmal geschrieben worden war. Und es eben doch selbst zu schreiben.
Diese Episode bringt mich ernsthaft zum Nachdenken darüber, ob das von mir abgeschriebene Buch nicht vielleicht schon ein Hinweis darauf war, dass aus mir niemals eine Romanautorin werden würde. Dass ich keine fantastischen Welten erschaffen, sondern darüber schreiben würde, was wirklich passiert ist, und zwar so, wie die Leute es mir erzählt haben. Dass ich in erster Linie zuhören und anderen eine Stimme geben würde.
Ich kann, glaube ich, ziemlich genau sagen, wann ich die Kraft der realen Erzählungen gespürt habe. Das war während der Proteste der Jahre 2013/14 in der Ukraine. Sie sind als Revolution der Würde in die Geschichte eingegangen, aber während sie im Gange waren, hießen sie einfach Maidan. Im Ukrainischen wird das Wort maidan synonym zu ploschtscha (Platz) verwendet, das gibt es, glaube ich, auch im Arabischen. Als die Protestaktionen beendet waren, beschloss ein Kyjiwer Verlag, die Berichte von Augenzeugen zusammenzutragen und sie als Buch herauszugeben. Ich habe einen Teil der Interviews transkribiert. Es war unheimlich interessant zu verfolgen, wie sich eine persönliche Geschichte vor dem Hintergrund der allgemeinen Ereignisse entwickelt, wie sie jemand erzählt, wie diese Person über das Geschehen reflektiert. Etwa zu der Zeit habe ich mich dem Genre der Reportage zugewandt und angefangen, dokumentarische Texte zu schreiben.
Der Ausgangspunkt meiner Arbeit war immer das Hören einer Geschichte. Und lange Zeit war das ausreichend. Bis ich mich irgendwann gefragt habe, wo denn meine Stimme ist und wie sie klingt. Und ob ich sie überhaupt höre. Nachdem mein drittes Buch erschienen war, wurde diese Frage für mich immer drängender.
Aber alles der Reihe nach. Oder nein – umgekehrt. Wir müssen uns jetzt mal elf, zwölf Jahre in die Zukunft versetzen.
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In meinem ersten Brief an dich habe ich als Aufenthaltsort Malmö angegeben. Das ist eine Stadt in Südschweden. In diesem Brief habe ich erwähnt, dass ich nicht mehr über mich sagen kann, als dass ich während des Krieges die Ukraine nicht verlassen habe. Ich habe dir versprochen, darüber zu schreiben, und ich muss Wort halten. Aber auf das Thema „Stimme“ komme ich noch einmal zurück.
Jetzt haben wir also Mai 2026 und ich lebe schon seit einem halben Jahr in Schweden. Ich studiere an der hiesigen Universität im Master Critical Humanities. Das bedeutet, dass wir Texte verschiedener Autor*innen lesen, die die Welt reflektiert haben und reflektieren, und auch wir üben uns bis zu einem gewissen Maß darin.
Es wäre logisch zu fragen, warum ich überhaupt an der Uni bin. Ich werde bald 38 und ich habe bereits ein Studium absolviert. Wie du habe ich meinen Abschluss 2013 gemacht. Die Rückkehr in die akademische Welt erkläre ich mir mit meiner Krise. Sie hat sich dergestalt geäußert, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt andere nicht mehr zu ihren Erlebnissen befragen konnte. Ich brauchte eine Pause, um meine Stimme unter all den anderen Stimmen, die ich als Journalistin, als Dokumentarin von Kriegsverbrechen und als Autorin von Sachbüchern gehört hatte, herauszuhören.
Seit 2022 arbeitete ich in einem internationalen Journalistenteam, das Kriegsverbrechen der russländischen Armee in der Ukraine dokumentiert, und hielt Augenzeugenberichte, auch für meine anderen Projekte, von Opfern des russischen Angriffs fest. Diese Arbeit erschien mir zum damaligen Zeitpunkt als das Sinnvollste, was ich machen konnte. Nachdem der großangelegte Angriffskrieg begonnen hatte und ich irgendwann merkte, dass mein Planungshorizont nicht mehr nur einige wenige Stunden, sondern mehrere Wochen umfasste, war das Folgende, was mich interessierte, die neue Wirklichkeit festzuhalten. Die neue abnormale Wirklichkeit.
Unter abnormalen Bedingungen erscheint dies nicht nur wichtig, sondern unabdingbar: Wenn du kannst, dann halte das fest, was mit dir oder anderen passiert, wenn sie so etwas Abnormales wie einen Raketenangriff auf ihr Haus erleben oder etwas so Abnormales wie Folter mit Stromschlägen oder etwas so Abnormales wie den Umstand, dass Soldaten aus dem Nachbarland auf Panzern in die Straße einrollen und deinen Nachbarn erschießen …
Diese Liste der abnormalen Ereignisse ließe sich beliebig fortsetzen. Ich möchte mich hier nicht weiter ausbreiten, denn du könntest die Liste sicher mit Beispielen aus Syrien fortschreiben. Stattdessen möchte ich Folgendes sagen: In einem bestimmten Moment habe ich innegehalten und begriffen, dass ich nicht mehr in der Lage bin, die Augenzeugenberichte weiter aufzuzeichnen. Nicht, dass sie mich zu sehr belastet hätten. Es war auch nicht so, dass ich es nicht mehr ertragen hätte, sie anzuhören. Ich habe nicht zu weinen angefangen, während ich zuhörte, und ich habe auch keine Albträume bekommen von detaillierten Schilderungen der Folter, auch sah ich nicht etwa die Bilder der Erschossenen vor mir, sobald ich die Augen schloss (na ja, manchmal vielleicht). Es geschah etwas anderes, Überraschendes: Auf einmal fühlte ich mich nicht mehr legitimiert für diese Arbeit. Immer öfter fragte ich mich: Welches Recht habe ich, auf diese oder jene Person zuzugehen und sie zu ihren Erfahrungen zu befragen? Und ich fand keine Antwort. Ich war mir nicht mehr sicher, dass ich die Regel, dem anderen nicht zu nahe zu treten, einhalten konnte.
Zum Teil verstehe ich, wie es dazu kommen konnte. In den ersten ein, zwei, drei Jahren nach dem Beginn der Großinvasion Russlands erklärten wir, die Journalist*innen und Dokumentar*innen der Kriegsverbrechen, den Betroffenen und Augenzeugen, dass wir die Interviews aufzeichnen, damit die Schuldigen bestraft werden. Aber mit der Zeit haben diese Worte ihre Strahlkraft verloren. Ja, es haben Prozesse gegen russische Kriegsverbrecher in Abwesenheit stattgefunden, und die Bemühungen um die Errichtung eines Kriegsverbrechertribunals kommen langsam voran. Und doch ist klar, dass die reale Verurteilung der Schuldigen in weiter Ferne liegt. Die internationalen Entwicklungen zeigen, dass es nicht zu einer allgemeinen und eindeutigen Schuldzuweisung und Verurteilung kommen wird.
Das ist eine schmerzhafte Einsicht, aber sie ist nicht der einzige Grund für meine Krise. Sie ist nur ein Puzzleteil. Da ist noch etwas, und ich versuche schon lange herauszufinden, was es eigentlich ist. Ein weiteres Puzzleteil könnte sich hinter dem Wort „Stimme“ verbergen.
Als ich die Geschichten der Augenzeugen erzählte, habe ich immer versucht, ihre individuellen Stimmen beizubehalten. In meinen Veröffentlichungen haben die Menschen in ihrer eigenen Sprache gesprochen: in ihren lokalen Dialekten, mit ihren individuellen sprachlichen Besonderheiten. Aber wie habe ich gesprochen? Wie ich bereits am Beginn des Briefes erwähnte, ist mir nach der Veröffentlichung meines dritten Buches, eben dessen, in dem die Stimmen und Geschichten der vom russischen Großangriff und von der Besatzung Betroffenen zentral sind, bewusst geworden, dass ich diese Frage nicht beantworten kann.
Also habe ich aufgehört zu sprechen, aufgehört, Fragen zu stellen, um endlich meine eigene Stimme zu hören. Ich habe mich entschlossen, meine Zeit meiner Bildung zu widmen, um … Um was? Um eine Antwort auf meine Krise zu finden? Ich denke, einfach, um sie in dieser Form zu überwinden.
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Borges beendet seine Erzählung „Pierre Menard, Autor des Quijote“ mit Worten, die uns zum Nachdenken darüber anregen, wie ein und derselbe Text zu verschiedenen Zeiten auf verschiedene Weise gelesen werden kann. Ich frage mich, wie die Geschichten, die wir während des Krieges geschrieben haben, im Weiteren gelesen werden. Werden sie anderen morgen, in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren noch etwas sagen? Wird sich mitteilen, worum es in den Texten geht? Ich glaube, wie die Liebe ist der Krieg ein Thema, über das zu allen Zeiten viel geschrieben wird. Doch während wir über die Liebe eher fantasieren und Romane verfassen, bringen der Krieg und die damit einhergehende abnormale Wirklichkeit die Notwendigkeit hervor, Geschehnisse aufzuzeichnen und dokumentarische Prosa zu verfassen. Aus meiner Lektüreerfahrung zu Kriegen in der Vergangenheit ist mir klargeworden, dass es die Stimme des Einzelnen ist, die in Erinnerung bleibt. Eine individuelle Stimme, die das Gesamtbild nicht kennt, die keine abstrakten Schlussfolgerungen zieht, sondern davon zeugt, dass es diese Person gegeben hat, dass sie etwas Bestimmtes erfahren hat, dass sie gelebt hat.
Damit hast du deinen vorherigen Brief beendet: dass wir schreiben, um zu beweisen, dass es uns zu dieser Zeit und an diesem Ort gegeben hat. Ich habe diesen Gedanken in den Worten von Menschen vernommen, die im Gefängnis waren und nicht wussten, ob sie jemals freikommen. Eine Frau hat mit Kohle einen Kalender an die Tür des Raums gezeichnet, in dem sie festgehalten wurde. Der Raum befand sich im Keller und in diesem Keller waren zusammen mit ihr noch mehr als dreihundert Personen eingepfercht. Zehn sind gestorben und die Frau listete neben ihrem Kalender die Namen der Umgekommenen auf. Später hat sie im Interview erklärt warum: Sie hat es gemacht, damit – für den Fall, dass nicht alle Inhaftierten überleben und niemand ihre Geschichte erzählen kann – zumindest diese Aufzeichnungen wie ein Stück Glut vom Feuer davon zeugen, dass diese unschuldigen Menschen in dem Keller festgehalten wurden und was sie ertragen mussten.
Früher oder später werden wir alle nicht mehr sein. Deswegen wollen wir unbedingt eine Spur hinterlassen. Das ist uns insbesondere dann ein Bedürfnis, wenn wir denken, dass es unsere letzten Tage sind, unsere letzte Zuflucht ist. Doch wenn wir nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, dann sind alle Tage unseres Lebens auf der Erde unsere letzten Tage. Und zugleich die ersten. Es sind unsere einzigen Tage. Dieser Ort und diese Zeit sind unsere letzte Zuflucht und deshalb schreiben wir – wir versuchen fieberhaft, Spuren für jene zu hinterlassen, die nach uns kommen und sehen sollen, dass es uns gegeben hat.
Noch immer möchte ich wahre Geschichten erzählen. Aber vielleicht möchte ich jetzt die Geschichte der Person erzählen, die ich am besten kenne und deren Erfahrungen ich am besten verstehe.
Ich freue mich schon auf deine Antwort!
Nur das Beste,
Svitlana


