Seit elf Jahren auf der Reise, auf der Suche | Brief 3
Zein Khuzam an Svitlana Oslavska, Damaskus, 01. März 2026
Übersetzung: Larissa Bender aus dem Arabischen

Liebe Svitlana,
sei gegrüßt!
Ich habe sehnsüchtig auf deinen Brief gewartet und ihn gleich nach seinem Eintreffen gelesen. Doch bevor ich dir nun antwortete, las ich ihn sogar noch zweimal. Es war eine große Freude für mich, dass du mir deine Geschichte erzählt und mich über die Zeiten und Orte hinweg mitgenommen hast. Dieser Lesegenuss hat zeitweilig auch den Schmerz gestillt, der die Frage nach dem Sinn des Schreibens begleitet. Eine schwierige und beißende Frage, die mich nicht verlässt.
Ich habe in dem Augenblick zu schreiben begonnen, als ich das „Schreiben“ im technischen Sinn des Wortes lernte. Meine erste Geschichte trug den Titel „Samer und das Überqueren der Straße“. Ich erinnere mich, dass es eine Bildergeschichte war, die ich selbst gemalt und geschrieben hatte und die von einem Jungen namens Samer handelte – benannt nach meinem hübschen kleinen Onkel, dem Lieblingsbruder meiner Mutter – und davon, wie wichtig es ist, an einer Kreuzung die Ampeln zu beachten.
Heute frage ich mich: Habe ich womöglich geschrieben, damit meine Mutter mich mehr liebte?
In jenen Tagen verfasste ich mit einer krakeligen Schrift auch ein Tagebuch, dessen Einträge ich jeweils unterschrieb und datierte. Ein Tagebuch, das vor Leben pulsierte, voller Details über die Schule, das Zuhause, die Familie, die Feste und die Besuche der Großeltern.
Ich weiß nicht mehr, an wen ich mich beim Schreiben wendete, aber ich erinnere mich an eine sehr weit zurückliegende Szene:
Bei meinem Großvater mütterlicherseits gab es nach hinten hinaus einen kleinen Garten, den man durch die Fenster der Wohnung sehen konnte. Darin wuchsen Obstbäume und Blattgemüse, und es stand eine Holzschaukel darin, die mein Großvater für mich gebaut hatte.
Ich kann den Duft dieses Augenblicks jetzt riechen: Ich bin neun Jahre alt und sitze auf der roten Erde unter dem großen Granatapfelbaum, in der Hand ein Blatt Papier, auf das ich meinen vollständigen, aus drei Teilen bestehenden Namen und das Datum jenes Tages geschrieben hatte. Und einen Satz, an den ich mich nicht mehr erinnern kann, aber er war an die Menschen in der Zukunft gerichtet. Mit einem Feuerzeug, das ich aus der Küche stibitzt hatte, kokelte ich das Blatt Papier seitlich an, bis es braun wurde, und löschte es dann wieder, so dass das Papier aussah, als wäre es sehr alt. Danach grub ich eine kleine Grube, legte das Blatt Papier hinein, schüttete alles wieder zu und dachte darüber nach, wer das Blatt wohl in hundert oder zweihundert Jahren finden würde. Der Geruch des angekokelten Papiers hängt mir noch immer in der Nase.
Ich habe damals einen Brief an die Zukunft geschrieben. An den Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern, aber höchstwahrscheinlich sprach darin eine Stimme, die ein kleines Mädchen durch die Zeit schickte, zum Beweis dafür, dass es einmal hier gewesen ist.
Im Sommer 2013 hatte ich gerade meinen Abschluss in Pharmazie an der Universität von Aleppo gemacht, der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin und die in der Nähe jener Grenze liegt, an der dich die Message auf deinem Mobiltelefon erreicht hat. Zwischen den Stadtvierteln von West- und Ost-Aleppo tobte ein grausamer Krieg und unser Viertel wurde von bewaffneten Gruppierungen belagert, die in Opposition zum Assad-Regime standen. Als die Kämpfe in der Nähe unserer Wohnung heftiger wurden, beschlossen wir eines Tages, „Fluchttaschen“ zu packen, kleine Rucksäcke, die leichte, aber wertvolle Dinge enthielten.
In meine Fluchttasche packte ich ein Heft mit meinen Erinnerungen und mein Tagebuch, von dem ich dir erzählt habe, dazu einige Fotos sowie Gedichte, Geschichten und Gedanken, die ich verfasst hatte, zusätzlich zu Souvenirs und Briefen meiner Freunde. Ein paar Tage später verließen wir die Wohnung und nahmen unsere Fluchttaschen mit.
Seit jener Zeit empfinde ich alles, was sich nicht in der Fluchttasche befindet, als überflüssig. Mein Abstand zu den Dingen und mein Gefühl ihnen gegenüber haben sich verändert. In dem Augenblick, in dem ich das Haus verließ, stand ich vor der Möglichkeit, alles zu verlieren, und damit habe ich mich abgefunden.
Als wir aus unserer Wohnung flohen, gingen wir zum Haus meines Großvaters, das auf die Ghab-Ebene in Syrien blickt. Es war dieses Haus, in dessen Garten ich den Brief an die Zukunft vergraben hatte. Eine Zukunft, die, wie sich später herausstellen sollte, ein bisschen trostloser war, als es das kleine Mädchen erwartet hatte. Denn aus dem Haus ihres Großvaters würde ein paar Jahre später wegen des Krieges und der kollektiven Emigration seiner Bewohner auf die andere Seite des Planeten jede Form von Leben verschwinden, inklusive des großen Granatapfelbaums.
Ungefähr neun Monate lebten wir im Haus meines Großvaters. Es war wie der tiefe Atemzug eines Menschen, der sich zwischen zwei Welten bewegt, zwischen Tod und Leben. Oder zwischen Leben und Tod.
In jenen Tagen zerstörte der Krieg die Welt, wie ich sie gekannt hatte, und baute als Ersatz eine neue auf, eine provisorische und zerbrechliche Welt, von der man nicht sicher weiß, ob sie real ist oder nicht.
Auf die Frage in deinem Brief, wie ich mich verändert habe, antworte ich: Der Krieg hat meine Stimme erstickt, so dass ich nicht mehr wusste, wie ich meine Geschichte erzählen sollte und warum.
Nach den neun Monaten kehrten wir in unser Haus zurück, das zufällig von der allgemeinen Zerstörung verschont geblieben war. Aber ich konnte es nicht mehr ertragen, dort zu sein. Alles um mich herum hatte seine Bedeutung verloren, und meine Stimme war in meiner Brust versunken. Vielleicht fiel es mir schwer, meine Stimme davor zu schützen, von diesem tiefen Atemzug verschluckt zu werden.
Ich schnappte mir meine Fluchttasche und ging auf Reisen, um meine Stimme zurückzubekommen oder eine neue zu finden. Um ein neues Heim für mich zu erfinden.
Am 5. Januar bin ich seit genau elf Jahren auf dieser Reise der Suche. In diesen Jahren war das Schreiben Schwerstarbeit (und ist es immer noch), die jedes Mal eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Schreibens von mir verlangt. Eine Antwort, die ich in einer Gegenwart, die auf Trümmern aufgebaut ist, nicht immer finden kann.
Ich lebte an mehreren Orten in Syrien, arbeitete in mehreren Jobs, wohnte in mehreren Häusern, habe Film und Fotografie studiert, habe im Journalismus gearbeitet, habe hunderte Menschen kennengelernt und aufmerksam ihren Geschichten zugehört. Schmerzhafte Geschichten waren es zumeist und so viele, dass ich nur schwer meine eigene von den anderen Stimmen unterscheiden oder meine eigene Geschichte zwischen all den blutigen, schrecklichen Geschichten spüren konnte. Ich habe mittlerweile Schwierigkeiten damit, meine Trauer von der Trauer der Menschen um mich herum zu trennen. Als wäre diese Trauer so gewaltig, dass sie uns alle zusammen verschluckt wie eine Flut. Immer wenn ich überlege, wie ich da herauskommen könnte, bekomme ich Angst. Ich habe Angst, dass die Geschichten kein Ohr finden, das ihnen zuhört. Genauso habe ich auch Angst um meine eigene Geschichte.
Vielleicht habe ich Syrien aus diesem Grund nicht verlassen. Und ja, ich habe das aus freiem Willen getan. Ich wollte bleiben, um Zeugin der Geschichten zu sein und um meine Stimme zurückzubekommen, damit ich diese Geschichten erzählen kann.
Nachdem ich deinen letzten Brief fertiggelesen hatte, erfüllte mich ein unbändiger Drang zu schreiben, ich verspürte eine seltene Ruhe, wie man sie empfindet, wenn man endlich die Antwort auf eine zermürbende Frage erhält:
Vielleicht schreiben wir, um zu beweisen, dass wir Zeugen waren – dass wir da sind und leben. Ein Beweis, den wir durch Zeit oder Raum schicken, oder durch beides.
Ich warte gespannt auf deinen nächsten Brief.
In Liebe und Wertschätzung
Zein


