Die Kinder werden schnell erwachsen, zu schnell | Brief 6
Oksana Stomina an Baraa Altrn, Kyjiw, 20. Februar 2026
Übersetzung: Claudia Dathe aus dem Ukrainischen

Liebe Baraa!
Ich bin dir dankbar, dass du deine schmerzhaften Erinnerungen, belastenden Gedanken, deine frohen, wenn auch durchaus ungewissen Hoffnungen und sehr persönlichen Gefühle mit mir teilst. Ich bin auch dankbar, dass ich all das mit dir teilen kann. Briefe an eine entfernte, fast fremde Person ähneln Vogelkindern, die du in den Himmel schickst. Du weißt nicht, welches Schicksal sie erwartet, ob sie ihren Bestimmungsort heil und unbeschadet von der Entfernung, der Sprachbarriere, den unterschiedlichen alltäglichen und traumatischen Erfahrungen, der Erziehung und der Weltwahrnehmung erreichen, du weißt nicht, ob sie vom Adressaten wohlwollend und verständnisvoll aufgenommen werden, und trotzdem fällt es dir nicht schwer, sie loszulassen, denn du entlässt sie ja in die Freiheit. Gedanken sollen frei sein wie Vögel.
Leider ist das in unserer Welt nicht immer der Fall. Ich weiß noch, wie das früher zu Sowjetzeiten war, als die Wahrheit nicht von der „Linie der Partei- und Staatsführung“ abweichen durfte, und wenn sie doch abwich, blieb sie auf Küchen und den engen Kreis von Vertrauenswürdigen begrenzt. Noch in meiner Kindheit, die in die Zeit der Stagnation unter Breschnew fiel, begannen die Leute zu flüstern, wenn sie über den Krieg in Afghanistan sprachen oder einen politischen Witz erzählten. Ein Bekannter von mir musste auf einer Universitätsversammlung Reue zeigen wegen eines harmlosen kleinen Aufnähers mit der britischen Flagge auf seinem Rucksack, und zwei meiner Klassenkameradinnen wurden auf einer Pionierversammlung streng gerügt und bekamen später einen Tadel, nur weil sie mit ihren Familien Ostern gefeiert hatten. In den 1980ern musste man Reue zeigen und sich vor dem Kollektiv entschuldigen, in den 1960ern, den Fünfzigern und Dreißigern konnte das sogar die Freiheit und das Leben kosten.
Ich hatte Glück. Meine Großmutter erzählte mir – leise und unter vier Augen – die tragischen Geschichten unserer Familie: von der sogenannten Entkulakisierung, als Menschen aufgrund ihrer Klasse, ihrer sozialen Zugehörigkeit oder ihrer Besitzverhältnisse repressiert wurden oder – einfacher gesagt – die Bauern in den 1930er Jahren um ihren Besitz gebracht wurden, legitimiert durch die Sowjetmacht. Sie erzählte vom Holodomor, als die Menschen in den Jahren 1932/33 und 1946/47 durch künstlich erzeugten Hunger vernichtet wurden, sie erzählte von politischen Repressionen, Lagern, Deportationen und massenhaften Zwangsumsiedlungen, die meine Vorfahren betrafen oder besser gesagt wie eine schwere Walze über sie hinwegrollten.
Die Geschichten meiner Großmutter, die ich beim Himbeerenpflücken oder Teigtaschenformen von ihr hörte, beeindruckten mich viel mehr als Märchen oder auch Abenteuerromane, denn diese Inhalte waren nicht erfunden, sondern von realen Menschen unter vielen Entbehrungen durchlebt. Wahrscheinlich stehen seitdem Sachbücher auf meinen persönlichen Bestsellerlisten immer ganz oben, weil sie nicht durch einen schrillen und fulminanten Plot auffallen, sondern durch ihre gnadenlose und radikale Wahrheit beeindrucken, die sie bewahren, den Nachkommen nahebringen, die sie respektiert und genutzt sehen wollen.
Sich für die Wahrheit einzusetzen, das ist auch dein Ansinnen, liebe Baraa. Seinerzeit fehlten dir 220 Punkte, um zum Journalistikstudium zugelassen zu werden. Aber es fehlte dir nicht an Mut und Entschlossenheit, um Journalistin zu werden. Dein Herz und deine Hand werden geführt von einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, vom leidenschaftlichen Wunsch, diese Welt besser zu machen, von der Notwendigkeit, die eigene Erfahrung zu bewahren und sie an andere weiterzugeben. Die seltsamen Menschen, die das tun, hoffen, dass es hilft, Kriege und Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den gesunden Menschenverstand künftig zu verhindern. Aber hilft es wirklich?
Auch unserer Generation wurden wichtige Botschaften übermittelt. Dichter, Schriftsteller, Historiker und Philosophen der Vergangenheit beklagten die Schrecken der Kriege, unsere Großeltern haben uns gewarnt. Die Wahrheit ist: Den Krieg bloß abzulehnen, reicht nicht aus, man muss ihn real einkalkulieren. Die Wahrheit ist, dass in jeder Generation auch Menschen geboren werden, denen Töten und Quälen Vergnügen bereitet und Geld einbringt. Die Wahrheit ist, dass der Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit nie endet.
Ich weiß noch, wie ich im März 2022 in Mariupol im Keller eines einfachen fünfstöckigen Hauses, der jede Minute unter den Einschlägen russischer Raketen erbebte, darüber nachdachte. Der achtjährige Denis, der neben mir saß, erzählte mir, wie er unter Beschuss seinen Freund, einen Plüschteddy, gerettet und ihm dann auf dem ganzen langen Weg von seinem Haus zu unserem Luftschutzkeller die Augen zugehalten hatte, damit er sich nicht fürchtet. Ich habe Denis aufmerksam zugehört und versucht, mir den Schmerz zu verbeißen und die Wut zu unterdrücken, und ich war stolz, denn der erwachsene, reiche und mächtige Präsident des Nachbarlandes, der gekommen war, um dieses Kind zu töten, war fehlgegangen. Im Zweikampf zwischen dem gierigen Schlund und dem empfindsamen Herzen hatte das Herz gewonnen.
Und genau das beobachte ich seit Kriegsbeginn. Die große Liebe und die unbeschreibliche Kraft des Geistes erheben sich, sammeln sich und beschützen das Ihre als Antwort auf die abgründige Aggression. Männer und Frauen mit zivilen Berufen greifen zur Waffe und beziehen Stellung an der Kontaktlinie zwischen Gut und Böse. Die Zivilisten im Hinterland haben sich in Freiwillige mit Zauberkräften verwandelt. In den besetzten Gebieten leisten die Ukrainer den Eindringlingen Widerstand. Die Mütter und Ehefrauen der gefallenen Helden ergreifen deren Banner und tragen sie stolz weiter. Die Kinder werden schnell erwachsen, zu schnell …
„Lasst uns zusammen ein Kinderlied singen“, fordert ein befreundeter Dichter Drittklässler bei einer Schullesung auf.
„Lieber was Patriotisches“, antworten ihm die Kinder.
Sie alle haben schon sehr viel durchgemacht. Unsere Kinder können am Geräusch eine feindliche Drohne von einem ukrainischen Flugabwehrsystem unterscheiden, wissen, wie man sich bei einem Angriff verhält, und können Erste Hilfe leisten. Seit nunmehr vier Jahren bekommen sie Unterricht in Luftschutzkellern und schlafen in U-Bahn-Schächten. Ihre Eltern können sie größtenteils nur mit Worten umarmen, weil sie an der Front sind und nur anrufen können. Manche Kinder werden ihre Väter nie sehen, weil sie geboren wurden, nachdem sie gefallen sind, andere gehen jede Woche auf Kundgebungen, weil sie nahe Angehörige haben, die in Gefangenschaft geraten oder nebulös „verschollen“ sind. Die Mädchen schneiden sich ihre Zöpfe ab und die Jungen verkaufen ihr Spielzeug, um den Verteidigern Geld für die elektronische Kampfführung zu schicken.
„Wenn ich groß bin, werde ich Soldat“, sagt David.
„Hast du denn keine Angst?“, frage ich.
„Nein“, antwortet der Junge selbstbewusst und fängt an zu weinen.
Er weint kurz und lautlos, anders als ein Kind. Das sind die erwachsenen Tränen eines ganz jungen, dreizehnjährigen, aber doch Mannes, der nicht wegen eines zerschrammten Knies weint, nicht wegen eines kaputten Fahrrads, nicht wegen eines TikTok-Verbots, sondern wegen seines geschundenen Vaterlandes, seines Volkes, das unter einem entfesselten Feind leidet. Diese Tränen sind ein Treueschwur auf die Ukraine.
Wir haben uns im Juni dieses Jahres an einem neunstöckigen Hochhaus kennengelernt, der vom Einschlag einer ballistischen russischen Rakete zerstört wurde, in einem Schlafbezirk von Kyjiw. David und ein paar andere Kinder hatten sich dort eingefunden, um den Erwachsenen bei der Beseitigung der Trümmer zu helfen, anstatt Verstecken oder Hasche zu spielen oder angeln zu gehen. Seitdem schickt mir mein neuer Freund, der dreizehnjährige David, bei jedem Angriff eine Ermutigungs-Sms, um zu kontrollieren, ob ich den Luftalarm gehört habe und in den Luftschutzkeller gehe. Solange die Russen Jagd auf uns machen, unternimmt dieser Junge alles, um wenigstens irgendwen zu retten. Er unternimmt alles, um die Welt zu retten. Aber unternimmt die Welt alles, um David zu retten?
Was meinst du, Baraa?


