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Briefwechsel Syrien & Ukraine > Baara Altrn & Oksana Stomina > Ich wünschte, ich könnte die Farbe Gelb sein | Brief 1

Ich wünschte, ich könnte die Farbe Gelb sein | Brief 1

Baraa Altrn an Oksana Stomina, Hama, 10. Juni 2025

Übersetzung: Barbara Winckler aus dem Arabischen

Analoge Farbfotografie eines etwa 3–4 Jahre alten Mädchens in einem roten Mantel, aufgenommen in den verwinkelten Gassen einer arabischen Stadt.Analog color photograph of a roughly 3–4-year-old girl in a red coat, taken in the narrow alleys of an Arab city.
© Privatarchiv Baraa Altrn

Aus dem Arabischen von Barbara Winckler

Liebe Oksana,

ich möchte dir zuallererst über etwas schreiben, das meine Gedanken beherrscht, etwas, woran ich unablässig denken muss und das ich mir so sehr wünsche: Eines Tages, so wünsche ich mir – vielleicht in einer Woche, vielleicht in dreißig Jahren, wann auch immer – werden die Leute – vor allem der Mann, den ich liebe – sagen, wenn mein Name in einem flüchtigen Gespräch genannt wird: Sie war eine fröhliche Frau, voller Aktivität und Vitalität, eine Frau, deren Lächeln nie verschwand, eine schöne Frau, strahlend wie die Sonne, mit einem sanftmütigen Gesicht und mandelförmigen Augen, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, eine liebevolle Frau, sanft wie Salbe auf einer Brandwunde, und ich weiß, dass dieser Wunsch quasi unmöglich geworden ist, unvereinbar damit, wie ich jetzt bin, doch ist nicht das, wonach einen Menschen verlangt und was er erhofft, der eigentliche Sinn des Wunsches?

Ich wünschte, ich könnte die Farbe Gelb sein, oder geblümte Kleider mit Spitzenärmeln, oder vielleicht die Pflanzenkübel auf dem Balkon meiner Mutter, ich wünschte, ich wäre eine wilde Blume oder eine Gardenie, eine Hauskatze oder eine Quelle, eine mittelgroße Kaffeebohne oder ein leichtes Abendessen, ein auf den Berg hin geöffnetes Fenster oder ein verpacktes Geschenk, eine alte Uhr oder der Ring einer Großmutter, ein Musikstück oder ein Klavier im Haus einer reichen Frau, ich wünschte, ich wäre irgendetwas, alles, nichts. Hauptsache, ich wäre nicht ich, eine Frau mit gewöhnlichen Gesichtszügen, von durchschnittlicher Größe, durchschnittlichem Gewicht und durchschnittlicher Schönheit, aus einem fernen Land, das alle hassen und das sie endgültig getötet sehen wollen, vielleicht kennst du den Namen meines Landes nur aus den Nachrichten, aus den Berichten der Vereinten Nationen und den Resolutionen des Sicherheitsrats, und vielleicht weißt du nur, dass es zu einer Bürde geworden ist, zu einer schweren Last auf den Schultern dieser Welt!

Vergiss mein Land jetzt einmal, und lass mich von mir erzählen: In einem Monat werde ich dreißig, und bis jetzt weiß ich nicht, was einmal aus mir werden soll, oder wie ich mich definieren kann, vor allem weil ich gegen meinen Willen Jura studiert habe, in Syrien kann man sich das Fach, das man studieren will, nicht aussuchen, ohne dass sich die Regierung einmischt, die den Notendurchschnitt für jeden einzelnen Fachbereich festlegt, ich träumte davon, Journalistin zu werden, das war der einzige konstante Traum meines Lebens, aber ein fehlender Notenpunkt von 220 hinderte mich daran, Journalismus zu studieren, und lenkte meinen Berufsweg in eine andere Richtung, ich habe versucht, als Anwältin zu arbeiten, aber ich war nicht geeignet für diese komplizierten Verfahren, das damalige repressive Regime mit seiner Brutalität und Korruption verdiente eine Anwältin, die weniger an die Menschenrechte glaubt als ich – dieser Satz ist übrigens ein Klischee, das die erhabenen Herren, üblicherweise, zu Frauen sagen, wenn sie sich ohne große Verluste von ihnen trennen wollen, und ich habe es so oft gehört, dass es zu meinem Lieblingsspruch geworden ist. Vor etwa anderthalb Jahren wurde ich arbeitslos, und ich wünschte, ich würde es bis auf Weiteres bleiben. Ich verbringe den ganzen Tag damit, Arbeit zu suchen, und wenn ich die Hoffnung verliere, verbringe ich die Zeit im Suq, ich kaufe europäische Secondhandkleidung, meist schwarze oder beige Hosen, weite einfarbige Hemden und abgetragene Turnschuhe, ich trage einen schweren Rucksack mit mir herum, der mir andauernde Schmerzen bereitet, mit Laptop, Ladegeräten, Powerbank und vielen Medikamenten gegen Depressionen, Entzündungen, Sorge und Kopfschmerzen, ich setze mich allein in ein Café – dasselbe Café seit zehn Jahren –, weil ich Angst habe vor neuen Orten, vor Fremden und vor der Einsamkeit, in dem Café habe ich studiert, meinen Abschluss gemacht, gearbeitet und mit einer Tasse Kaffee den Jahren der Erniedrigung, der Unterdrückung und des Todes widerstanden, als ich das Café kennengelernt habe, war ich Studentin im ersten Studienjahr an der Uni, und wir waren eine Gruppe von neun Personen, dann reduzierte sich unsere Zahl nach und nach, bis ich allein dort saß, ohne Freunde, alle sind ausgewandert, und noch keiner ist zurückgekommen. Manche von ihnen waren dazu gezwungen, hatten keine andere Wahl, ein Leben voller Gefahren, die Freiheit bedroht durch Verhaftung, die Häuser demoliert und bombardiert, die Würde verletzt und ausgelöscht, entweder überleben oder untergehen. Andere hatten ein paar Möglichkeiten, wenige zwar, aber sie existierten, letztlich waren sie alle mutiger als ich, sie waren in der Lage, alles hinter sich zu lassen und für eine bessere Zukunft ins Ungewisse aufzubrechen, und ich beneide sie wirklich sehr, die, die gegangen sind und sich eine neue Chance, ein neues Leben geschenkt haben.

Es gibt nur wenige literarische Zitate, die ich auswendig kann, doch da ist eine Passage von Amin Maalouf in seinem Roman Die Verunsicherten, die lautet: „Wenn keiner von uns gestorben wäre, wenn keiner von uns verraten hätte, wenn keiner von uns in die Fremde gegangen wäre, wenn wir nicht zum Gespött der Welt geworden wären, zu ihrer Obsession, ihrer Vogelscheuche, ihrem Sündenbock“, ich kenne sie auswendig und denke darüber nach, wenn all das nicht geschehen wäre, wie würde mein Leben aussehen? Wenn ich mehr Glück gehabt hätte, wenn mein Land mehr Glück gehabt hätte, wenn ich nicht den Preis der Revolution, die Bedeutung des Todes, den Geschmack des Blutes kennengelernt hätte, wenn das Leben einfacher wäre, als es nun ist, wenn Freiheit ein gewöhnliches Wort wäre, für das niemand getötet wird, und ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die so denkt, vielleicht denkst auch du darüber nach, wie dein Leben aussehen würde, wenn nicht der Krieg in deinem Land ausgebrochen wäre, und ich würde dich gerne danach fragen, nach der Wunde Heimat, dem Verlust von Lebenszeit und den Details deines täglichen Lebens, womit du jetzt den Tag verbringst? Was beherrscht deine Gedanken? Bist du geworden, was du dir wünschst? Bist du eine glückliche Frau? Was ist die schwere Last, die du trägst? Sag mir, wer träumst du zu sein, wenn dein Name genannt wird?

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