Ich glaube daran, dass die Unglücksjahre aufhören werden, aber was ist mit den Narben, die bleiben? – Brief 4
Zaheda an Judith Hermann, 05. Januar 2026
Übersetzung: Bianca Gackstatter

Meine Liebe,
heute ist Schab-e Cheleh[1] und gemäß dem tausend Jahre alten Brauch unserer Vorfahren sitzen wir um den Korsi[2], ziehen die Decke hoch bis zu unseren Schultern und saugen die Wärme bis ins Mark unserer Knochen auf. Wir trinken Tee und schlagen das Orakel des Hafiz auf, knabbern Sonnenblumenkerne und erzählen Geschichten. Wir lösen gemeinsam Granatäpfelkerne aus und weben Erinnerungen. Alle sind wir zusammengekommen. Es gibt Äpfel, Granatäpfel, Poesie und Geschichten. Jemand schlägt die Daira[3]. Jemand anderes singt, fröhlich und herzergreifend:
„Zum Viertel der Steinmetze …
zwei flatternde, wehende Haarsträhnen …
du hast mich ganz verwirrt.“
Die Jüngeren klatschen im Takt. Die Kinder tanzen und der Fernseher läuft. BBC Persian zeigt eine Nahaufnahme des Blumenmarktes von Herat. Die Cheleh-Dekorationen erstrahlen in Rot und Grün in den Schaufenstern der Läden. Die Menschen bleiben stehen, um sie zu betrachten. Die Händler und Ladenbesitzer haben sich betrübt und niedergeschlagen in einer Ecke versammelt. Ihre Augen sind auf einen Mann mit dickem Bauch gerichtet, der die Treppe herunterkommt. Er verschließt die Gittertüren des Blumenmarktes, verriegelt das Tor mit einem großen Schloss und versieht es mit Wachs und Siegel. Ich wende mich vom Fernseher ab. Der Duft von Kichiri[4] mit Gusht-e Land[5] durchzieht das Haus. Das gerahmte Bild einer Wassermelone wandert durch die verschiedenen Hände. Doch als es bei mir ankommt, fällt der Strom aus. Das Haus ist erfüllt von Stille und Dunkelheit. Meine Mutter räuchert Schwefel, Kerzen werden angezündet. Die Kinder kriechen unter den Korsi, die Ohren auf die Tante gerichtet. Die Tante erzählt von früher. Von Cheleh-Nächten, als hinter der Türe menschenhoch der Schnee fiel. Inmitten der Dunkelheit und der Stille während des Stromausfalls nehme ich mein Handy. Als ich es einschalte, fällt mein Blick auf deinen Brief. Ich lese ihn wieder und wieder und wünsche mir plötzlich, du wärst hier, mir gegenüber am Korsi. In dieser längsten Nacht des Jahres. Ich sehe dich hinter dem Dampf einer Teeschale eine Geschichte vorlesen. Vielleicht eine von dir … oder von einem Traum, den du hattest. Den, in dem du mich mit Schilfrohr und Tintenfass gesehen hast. Aber du bist nicht da! Und ich sehne mich nach einer Cheleh-Nacht in deiner Anwesenheit, mit ein wenig Poesie, ein paar Geschichten. Und nach einem Erinnerungsmoment, der ganz langsam in meinem Körper zum Leben erwacht und in meiner Seele ein Zuhause findet. Oder nach einer Feier wie den Cheleh-Zusammenkünften des Herater Literaturvereins in nicht allzu ferner Vergangenheit. Wann war eigentlich die letzte Literaturveranstaltung, die ich besucht habe? Letztes Jahr? Vorletztes Jahr?

Die letzte war, glaube ich, eine Gedenkveranstaltung für einen verstorbenen Schriftsteller. Die Handvoll Literat*innen, die noch in der Stadt waren, sind alle gekommen. Männer, deren Gesichter hinter langen, dichten Bärten verschwanden. Frauen, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Aber alle freuten sich, einander wiederzusehen, sich kurz zu begrüßen, über das Aufblitzen eines vertrauten Blicks, sich aus der Ferne zuzunicken. Die Männer saßen in der vorderen Reihe, die Frauen dahinter. Noch bevor die Versammlung begonnen hatte, ging ein Raunen durch die Gesellschaft. Wir hörten, dass der Leiter des Informations- und Kulturministeriums gekommen war. Ihm zu Ehren erhoben sich alle. Ein Mann mit langem Bart und schwarzem Turban, umgeben von bewaffneten Leibwächtern. Als er eintrat, fiel ein Vorhang zwischen die Anwesenden. Die Reihen der Männer und der Frauen wurden voneinander getrennt. Die Versammlung teilte sich in zwei Hälften. Die Frauen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite. Die Frauen hörten nur die Stimmen und sahen nur die Schatten, die sich hinter dem Vorhang bewegten.
Judith! Du bist nicht hier in dieser Cheleh-Nacht. Aber dein Brief ist es. Aus dem Herzen jenes kalten Landes ist er bis ins fiebernde und kranke Herat gekommen, um zu fragen, wie lange man unterwegs sein müsse, um zu mir zu gelangen. Du Liebe! Hier wählen die Briefe selbst ihre Zeit. Vor vielen Jahren blieben die Briefe aus Herat noch monatelang unterwegs, um ihren Weg zu finden. Deine Frage versetzte mich zurück in jene Jahre, ins Exil, in den Iran, nach Kaschan, zu dem Tag, an dem ein Brief aus Herat eintraf und den Duft der von Bäumen und Gärten gesäumten Gassen Herats mit sich brachte. Den Duft von Weinreben und aufgesprungenen Granatäpfeln. Bevor meine Mutter den Briefumschlag öffnete, hielt sie ihn sich vor die Augen, als wollte sie durch das Papier nach Herat gelangen.
Das Klimpern der Schellen um die Daira erregt meine Aufmerksamkeit. Jemand schlägt sie im Takt. Meine Mutter sagt: „Leise, nicht dass der Klang bis auf die Straße dringt und sie mal wieder vor unserer Tür stehen.“ Die Tante sagt: „Lass sie doch fröhlich sein. Gott weiß, wie die Cheleh-Nächte nach diesem Treffen und dieser Fröhlichkeit …“ und schluckt den restlichen Satz runter. Ich gehe ins Zimmer und lese noch mal, dass du geschrieben hast, dass alle Worte meines Briefes in deinem Zimmer zum Leben erwacht sind und dein stilles leeres Zimmer mit Klängen und Bildern gefüllt haben. Du hattest von jenen Riesen und Panzern erzählt, die durch das Schreiben klein und unbedeutend geworden sind. Du Liebe! Ich glaube an die Macht der Worte. Daran, dass sie die Welt zerschlagen, verändern und neu erschaffen können. Ach, könnte man das doch auch jenseits der Worte mit diesen Riesen tun! Dann, wenn Frauen ohne Burka und Gesichtsschleier keinen Zugang zu medizinischen Einrichtungen haben. Dann, wenn die Sprechzeiten in staatlichen Behörden in gerade und ungerade Einheiten aufgeteilt sind und die ungeraden den Frauen zugewiesen werden. Dann, wenn an Zimmertüren steht: „Frauen ohne Gesichtsschleier können wir leider keine Dienstleistungen anbieten.“ Und du gezwungen bist, deinen Schal von den Schultern zu nehmen und dein Gesicht damit zu verdecken, wie ein Dieb, so dass nur noch deine Augen zu sehen sind und du erschrickst, wenn du dich irgendwo im Spiegel siehst … Ach, wäre es doch möglich, jene Momente genauso klein zu machen, wie man es mit Sprache und Worten kann!
Du Liebe! Du sagtest, dass du im Sommer jeden Tag ans Meer zum Schwimmen gehst. Du hast mich mitgenommen in den Sommer des letzten Jahres, zum Fluss Hari Rud, der reißend und mit sehr viel Wasser dahinfloss. Männer und Kinder standen bis zur Hüfte im Wasser. Die Frauen standen in einiger Entfernung und beobachteten sie. Eine Frau trat vor, ihr Kind an der Hand. Das Kind watete ins Wasser. Die Frau folgte ihm, bis sie knietief im Wasser stand. Plötzlich ertönte das Knattern eines Motorrads, nicht laut, nicht weit weg. Es hielt am Flussufer. Zwei „Weißgekleidete“ der Sittenpolizei sprangen herab, zwei Männer mit langen Bärten und wie Gedärme um den Kopf gewickelten Turbanen. Ihr Geschrei drang bis in den Fluss und hallte von dort zurück. Alle Blicke waren auf die Frau gerichtet. Die Frau schaute sich verängstigt um. Das Wasser schlug gegen ihre Knie. Ein Mann löste sich aus der Gruppe der Badenden und eilte zu ihr. Er nahm das Kind auf den Arm und rannte aus dem Wasser. Die erschrockene Frau hastete ihm hinterher. Die Peitsche schwang nach oben, zerriss die Luft und landete auf dem Rücken des Mannes.
– Du Ehrloser!
Das Kreischen eines Autoreifens auf der Straße zieht mich ans Fenster. Ich stehe hinter dem Fenster und richte meine Augen auf die Schwärze der Nacht und die Lichter, die in der Ferne flackern. Ich denke an das blaue Licht vor deinem Fenster, das mit dem Aufgehen der Sonne grau werden wird.
Judith! Ich bin froh, dass mein Brief mit all seiner Schlichtheit, seiner Traurigkeit und seinem kleinen Funken Wärme mit dir im Einklang geatmet hat. Und jenes Stück Zinnober, ja, jenes Stück Zinnober ist eine Spur von mir, aus der Erde von Herat in deine Manteltasche, um dich daran zu erinnern, dass auf dieser Seite der Welt jemand an dich denkt.
Sie rufen nach mir. Sie sagen: „Wir wünschen uns so sehr, dass du uns etwas von dir vorliest!“ Ich ziehe ein Blatt aus meinen beschriebenen und unbeschriebenen Blättern und kehre in die Runde zurück. Sie bitten: „Lies eine deiner Geschichten vor.“ Ich stehe vor ihnen. Im Kerzenschein sind alle Augen auf meinen Mund gerichtet und warten darauf, dass ich meine Lippen öffne.
Der Strom funktioniert wieder. Ich hebe den Kopf. Die Blicke ruhen immer noch auf meinem Mund. Als wollten sie sagen: „Lies! Lies endlich!“ Und meine Augen gleiten von den Blicken zu dem weißen Papier in meiner Hand. Meine Liebe! Du hast gesagt, dass diese Unglücksjahre und -monate aufhören werden. Ich glaube daran, dass sie aufhören werden, aber was ist mit den Narben, die bleiben?
Leb wohl, Judith!
Deine Zaheda
[1] Wintersonnenwende (Anm. d. Ü.)
[2] Niedriger Tisch mit Wärmequelle darunter, von einer oder mehreren großen Decken bedeckt, um den die Menschen im Winter zu besonderen Anlässen zusammensitzen (Anm. d. Ü.)
[3] Rahmentrommel (Anm. d. Ü.)
[4] Reisgericht aus gedämpftem Reis, Mungbohnen, Zwiebeln und Gewürzen, typisch für Herat (Anm. d. Ü.)
[5] Trockenfleisch (Anm. d. Ü.)


