Wer bin ich? Das ist die alles entscheidende Frage – Brief 4
Francesca Melandri an Shamsia, 02. Oktober 2025
Übersetzung: Ali Abdollahi

Meine liebe Shamsia,
gestern habe ich meinen Brief an dich fertig geschrieben – oder das, was mein Brief an dich sein sollte. Ich wollte ihn gerade an diejenigen abschicken, die hier unseren Austausch ermöglichen, als ich las, was inzwischen passiert ist: Die Taliban haben in ganz Afghanistan das Internet abgeschaltet.
Wie reagiert man darauf?
Wie stellt man sich der Dunkelheit, der Grausamkeit, der Dummheit.
An dich ging natürlich mein erster Gedanke, liebe Shamsia. Wie du dein Innenleben beschrieben hast, nachdem die Taliban Afghanistan für alle Frauen dort in ein Open-Air-Gefängnis verwandelt hatten. Als ich von der neuesten Entwicklung las, kam mir mein Brief an dich … belanglos vor. Nichtig. Und das nicht nur, weil ich jetzt nicht mehr sicher bin, wann du ihn wirst lesen können oder ob überhaupt jemals.
Wie in deinem ersten Brief hast du auch in deinem zweiten mutig deinem Schmerz und Verlustgefühl Ausdruck verliehen, deiner Verzweiflung. Und doch habe ich mich von ihm seltsam getröstet gefühlt. Nicht weil du so freundliche Worte für mich gefunden hast, für die ich dir herzlich danke, auch wenn ich nicht weiß, ob ich sie verdient habe. Was mich vielmehr tröstete, war das überraschende und doch unglaublich starke Gefühl der Verbundenheit mit deinen Gedanken, und mehr noch mit dir selbst, Shamsia. Mit der Frau, die du bist, dem echten Menschen.
Dies hast du über die Taliban geschrieben: „Wahrscheinlich wissen sie gar nicht, warum sie so handeln, wie sie handeln, denn sie haben sich nie mit der Frage beschäftigt: ‚Wer bin ich?‘“
Als ich diesen Satz las, rief ich unwillkürlich Ja! Ich hätte ihn selbst schreiben können.
Tatsächlich habe ich das sogar getan. Jedenfalls etwas ganz Ähnliches, vor einigen Jahren in einem meiner Romane. Die Hauptfigur denkt über die tieferen Ursachen des Rassismus nach, sowohl in der italienischen Gesellschaft der Gegenwart als auch während des Faschismus, als ihr Vater als Besatzer nach Äthiopien ging. Sie macht sich Gedanken über die Manifestationen des Rassismus in der Gesellschaft, aber auch in ihr selbst – einer Mitte vierzigjährigen, hellhäutigen Europäerin der Mittelschicht. Gegen Ende heißt es:
„Ilaria begreift, mit welcher Frage sie es in Wahrheit zu tun hat (…). Es ist die gleiche Frage, die sich, unausgesprochen und geleugnet, hinter fast allem verbirgt, was wir als Rassismus definieren. Und sie lautet nicht: Wer bist du?, sondern: Wer bin ich?“
Ich stimme dir zu, liebe Shamsia. Rassisten, Frauenfeinde, alle, deren Hass sich gegen ganze Gruppen von Sündenböcken richtet – Juden, Muslime, Afrikaner, Frauen, gegen wen auch immer –, beweisen mit ihrem Hass eine unsägliche, aber tief verwurzelte Schwäche. Die Nobelpreisträgerin Toni Morrison hat weiße Rassisten einmal sehr treffend so beschrieben:
„Sie sind psychisch verkorkst. Wer sich nur groß fühlen kann, wenn jemand anderes vor ihm kniet, hat ein ernsthaftes Problem.“ Außerdem schrieb sie noch: „Menschen, die das tun, die Rassismus praktizieren, sind armselig.“
Armselig.
Was für ein starkes Wort. In seinem Bezug zur „armen Seele“ verweist es auf eine Armut, die so endgültig und unauflösbar ist wie das Verlustgefühl, das eintritt, wenn jemand gestorben ist.
Es schließt überdies ein merkwürdiges Mitgefühl mit den grausamen Menschen ein, die es beschreibt – nicht für ihre grausamen Handlungen natürlich, aber für sie, die armseligen Menschen. Es ist das gleiche Mitgefühl, das Jesus zum Ausdruck brachte, als er am Kreuz hing und seinen Vater bat, seinen Peinigern zu vergeben: „denn sie wissen nicht, was sie tun“.
Solche Menschen sind insofern armselig, als ihnen das Selbstbewusstsein fehlt, das nötig wäre, damit sie keine Herrschaft über andere ausüben müssten, um sich als vollständige Menschen zu fühlen. Aber wie du so klug geschrieben hast, liebe Shamsia, die Taliban – wie jeder Faschist, Rassist, Frauenfeind – werden ein solches Selbstbewusstsein nie erlangen, weil sie sich die Frage aller Fragen nicht stellen: „Wer bin ich?“ Stattdessen zwingen sie ihre Opfer, das, was ihnen selbst fehlt, auf den Schultern zu tragen und den furchtbaren Preis dafür an ihrer Stelle zu zahlen.
Deshalb also, meine liebe Shamsia, habe ich mich so mit dir verbunden gefühlt, als ich deinen Brief las. Und das ist genau das, was die Taliban fürchten und hassen: menschliche Verbindung. Weshalb sie sie komplett abschalten – oder abzuschalten versuchen.
Es ist jetzt einen Tag später und die Taliban haben die Internetverbindung in Afghanistan wiederhergestellt. Aber wie kann irgendjemand sicher sein, dass sie sie nicht kurz entschlossen wieder kappen? Meine liebe Shamsia, ich bin so voller Wut auf die kleinen, grausamen, gebrochenen Männer, die dir und allen Frauen in Afghanistan dies antun. Aber das stärkste Gefühl, das ich empfinde, ist Scham. Es ist mein Teil der Welt – der reiche, florierende, demokratische Westen –, der dich ihrer Willkür überlassen hat. Und wir haben noch nicht einmal die Ausrede, wir hätten nicht gewusst, was wir taten, als wir euch verraten haben. Wir wussten es sehr wohl und haben es trotzdem getan. Und werden es weiter tun, indem wir euch das Asyl verweigern, das wir allen vor dem Horror der Taliban fliehenden Menschen versprochen haben.
Ich würde dich um Vergebung bitten, wenn ich nicht so viel Scham empfände. Und so ist das Einzige, was ich tun kann, dies: Ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben, dass du und ich eines Tages zusammen in einem Raum sitzen und eine Tasse Tee trinken können.
Deine Francesca


