Komm, zeig mir die Stadt, sagtest du – Brief 2
Zaheda an Judith Hermann, 25. September 2025
Übersetzung: Sarah Rauchfuß

Du Liebe!
War’s ein Traum oder eine Vision? Wer weiß! Du bist angekommen! Gehüllt in einen grauen, knielangen Mantel. An der Seidenstraße[1] habe ich dich erspäht. Die Mütze und die Wasserflasche sind es gewesen. Ich sah dich und wusste sofort, dass du es bist, obwohl ich dich nie getroffen habe! Ich rief dich, ich weiß nicht, bei welchem Namen. Du bliebst stehen. Wandtest den Kopf. Du warst es! Mit ganz staubiger Mütze. Du sahst mich an. Deine Augen! Augen von der Farbe der Oder – ein tiefes Blau, ein nebliges Grün vielleicht? Komm, zeig mir die Stadt, sagtest du. Auf meinem ganzen Körper saß plötzlich kalter Schweiß. Meine Lippen bebten. Warum jetzt? Warum gerade in diesen Unglückszeiten? Das hörtest du nicht. Du nahmst meine Hand und zogst mich mit dir. Schon hallten deine Schritte in den gepflasterten Gassen und Gängen wider. Meine Füße aber wollten nicht. Die Zitadelle, ich möchte die Zitadelle sehen, sagtest du.[2] Mir schnürte es jäh die Kehle zu. Selbst im Traum schien mir bewusst zu sein, dass es für mich keinen Zutritt zu dem stolzen Bollwerk gibt. Ich lief dir nach bis vor das Tor. Und da standest du, direkt vor dem Eingangstor der Zitadelle. Ich blieb stehen. Die Holztore des Vierbogenbaus öffneten sich. Ich machte einen Schritt zurück, du einen vor, hinein in den Zitadellenhof. Hinter dir schlossen sich die Tore wieder. Du auf der einen Seite, ich auf der anderen. Von hier draußen konnte ich den Klang deiner Schritte auf dem gepflasterten Boden der Zitadelle hören, hörte dich die breiten Gänge und kleinen Korridore durchqueren, die Treppen der Türme und Wallanlagen hinaufsteigen bis hoch auf den Festungswall. Dort oben spielte dir der Wind im Mantelsaum, so wie er mir immer im Kleidersaum gespielt, sich in den Stofffalten gewunden hatte, um dann durch die Stadt mit ihren Bewohnern und Basaren, der Kherqa[3], den Moscheen und kleinen Läden zu fegen …
Dann hallten im Traum unsere Schritte erneut von den gepflasterten Gassen und Gängen der Altstadt wider. Durch schmale, dunkle Passagen erreichten wir den Tschahar Suq[4]. Die Gasse der Kupferschmiede. Dang, Dang gingen die Hämmer auf Töpfe und Kupfergeschirr nieder, das Blut rauschte mir in den Adern. Wir zogen weiter in Richtung Freitagsmoschee. Aus der Ferne schon eilte mein Blick zu den Minaretten hinauf. Der Ruf zum Gebet ging mir durch Mark und Bein. Wie sehnte ich mich danach, ihre Galerien, Rundbögen und Säulengänge wiederzusehen und die türkisen und azurblauen Fliesen zu berühren! Ich wollte weiter, aber eine Kraft hielt mich zurück. Du gingst hinein, mit ausgreifenden Schritten. Ich schaute dir nach. Im Hof bliebst du stehen, drehtest dich um deine eigene Achse. Die Galerien wirbelten um dich herum. Die Stimme des Muezzins erhob sich aus dem Inneren der azurblau gefliesten Wände, stieg empor, erfüllte die Luft und erstarb. Und dann noch ein Ruf, nicht der des Muezzins, sondern: Trauben! Große, reife Laal-Trauben!
Mit seinem Esel an der Seite drehte der Mann eine Runde und rief seine Ware aus. Und jäh war ich wieder Kind. Einen Rucksack auf den Schultern lief ich im üppigen Schatten der hohen Pinien die Musallah-Straße[5] entlang und summte kaum vernehmbar ein Lied vor mich hin. Du warst immer noch du, dieselbe Statur, dieselben Eigenschaften. Dein Blick war auf die Minarette gerichtet, in deren gesprungenen Fliesen der Wind sich wand und pfiff. Du schautest noch immer hinauf, als der Wind eine der Fliesen zum Tanzen brachte und sie vor deinen Füßen auf dem Staub des Gebetsplatzes in tausend Stücke springen ließ. Tausend Stücke Türkis, versprengt auf der Erde des Musallah-Komplexes! Du nahmst ein Stück an dich. Als hätte Kamaluddin Behzad[6] höchstpersönlich sein Schilfrohr in die Tinte getaucht und diese türkisfarbenen Blumen auf die Fliese gemalt, riefst du verblüfft. Ich war am Tor zum Frauengarten[7] angekommen. Die Hand auf der Brust, der Kuppel und dem Portal des Mausoleums von Königin Gauhar-Schad zugewandt, rief ich laut, so laut, dass es alle Vögel im Garten hörten: Guten Morgen, verehrte Königin!
Ich blinzelte. Der Morgen war da. Du warst fort! Aber auf dem Monitor über meinem Kopf leuchtete in einem minimierten Fenster noch immer dein Brief.
Wie ich meine Tage verbringe, möchtest du wissen. Weißt du, sobald ich morgens die Augen öffne, wandern sie hin und her auf der Suche nach einer Spur oder einem Anzeichen, nach irgendeinem Spalt, der Hoffnung verspricht. Aber es sind kaum Sekunden vergangen, da schließe ich sie schon wieder, will in die Welt meiner Träume zurückkehren. In der Hoffnung, dass sich der Schrecken des Wachzustands als Albtraum entpuppt und ich, wenn ich die Augen wieder öffne, in einer anderen Zeit aufwache, in einer anderen Epoche, im 9. Jahrhundert islamischer Zeitrechnung[8] vielleicht, zu Lebzeiten Schah Rochs [9] oder Sultan Husain Baikaras,[10] und wenn’s auch nur in der Gestalt des geringsten Handlangers wäre, in der Malerwerkstatt des unvergleichlichen Kamaluddin Behzad vielleicht … aber es nützt ja nichts!
Nach dem Aufstehen saß ich im Schneidersitz eine Weile zwischen all den geschriebenen und ungeschriebenen Seiten auf dem roten, traditionellen Teppich in der Mitte des Zimmers. Griff nach dem Stift. Legte ihn zurück auf das Papier. Sonst ein Worteozean, werde ich eine Wüste, sobald ich einen Stift in die Hand nehme, ausgedorrt in meinem Drang nach einem Ausdruck, einem Wort.
Ich habe die Vorhänge zur Seite gezogen und mich an das Fenster gestellt, das auf die Straße hinausgeht, lasse den Blick wandern durch das Dickicht aus Fahrzeugen auf beiden Spuren. Was ich sehen kann, wenn ich aus dem Fenster schaue, hast du gefragt. Jedes Mal, wenn ich aus dem Fenster schaue, versetzt es mich zurück an jenen Tag, den 21. August 2021. Immer wieder lande ich hier und verstumme. Meine Hände zittern, mein Herz! Vier Jahre, zwei Monate und ein paar Tage sind seither vergangen, und noch immer hat er mich nicht losgelassen, dieser Unglückstag!
Du Liebe! Wie soll ich dir sagen, wie er war, dieser Tag? Keine Wolke war am Himmel zu sehen, die Sonne schien. In meiner Erinnerung aber ist der Tag wolkenverhangen und wolkenverhangen wird er bleiben! Ich stand am Fenster und betrachtete die älteren Herrschaften, die wie eh und je an der Mauer der Moschee lehnten und gemächlich an ihrem Grüntee nippten, den Blick auf etwas gegenüber gerichtet. Einen Panzer, der jenseits der Sicherheitszone Stellung bezogen hatte und Qualm in den Himmel ausstieß. Ein weiterer Panzer rollte heran, rollte wieder zurück, feuerte dann los auf ein unbekanntes Ziel. Ein Mann kam aus der Pufferzone auf unsere Seite, das Gewehr geschultert, die Kleidung ganz feucht von dem Schweiß, der ihm von Kopf und Gesicht strömte. Er hob die Hand zum Gruß, als er die Herren passierte. Einer von ihnen gab ein Nicken zur Antwort. Ein anderer war gerade dabei, die Spitzen seines Schnurrbarts mit einer Schere zu trimmen. Ohne den Blick von dem Taschenspiegel in seiner Hand zu heben, fragte er: Wie weit sind sie gekommen?
Der Mann ging weiter, ohne zu antworten. Auf der anderen Straßenseite angekommen, drehte er sich um und schaute noch einmal zurück. Es waren auch Kinder an der Straße an jenem Tag. Am Ausgang der Gasse gegenüber standen sie dicht aneinandergedrängt und reckten die Hälse.
Los, ab nach Hause mit euch, Hundebrut! Der Ruf des Mannes hallte in der leeren Straße wider.
Die Kinder stürmten zurück in die Gasse, kehrten aber schon bald eines nach dem anderen zurück an ihren Platz. An einem Fenster im zweiten Stock des Hauses auf der anderen Straßenseite zog ein Mann die Vorhänge ein Stück zurück und schaute auf die Straße hinunter. Ein kleines Kind von etwa zwei, drei Jahren kam aus dem Nachbarhaus gelaufen. Kurz darauf rannte panisch eine Frau ohne Tschador auf die Straße, schnappte sich das Kind und brachte es zurück ins Haus. Ich griff nach meinem Handy. Auf Twitter ein Post: Mein Herat! Mögest du verschont bleiben …! Mein Herz pochte. Seit zwei Wochen war die Stadt abgeschnitten und schwelte in der Hitze des Widerstands. Der Krieg kam so still und leise. Als wir die Augen schließlich öffneten, fielen die feindlichen Schatten bereits in unsere Nachbarschaft und die Patronenhülsen auf die Dächer unserer Häuser. Voller Entsetzen kauerten wir in unseren Häusern, während das Gewehrfeuer immer näherkam. Den Tag verbrachten wir in zermürbendem Warten. Warten auf militärische Unterstützung aus dem Zentrum, die nicht kam! Auf Befehle an die Armee, die nicht ergingen! Die Nacht durchwachten wir im Albtraum des Kugelhagels. Hinter den Häuserwänden sangen die Frauen ihre Kinder in die Stille und die Männer zogen am Fenster immer wieder den Vorhang ein Stück zur Seite, um auf die Straße zu schauen. Die Gassen waren jetzt menschenleer, kein Laut, keine Spur des Lebens mehr.
Da!
Ich hob den Kopf, schaute vom Handy in meiner Hand auf in die Richtung, in die der kleine Junge auf der anderen Seite der Straße gezeigt hatte. Einen Moment später sah ich ihre Schatten zwischen den hohen Pinien, dann glitten sie hinter den Panzern hervor. Und da waren sie, liefen an den Panzern vorüber, durch den Sicherheitsring und in unsere Richtung. Man konnte sie an einer Hand abzählen, in Sandalen, den Stoff hochgekrempelt bis zu den Knöcheln, die Waffen geschultert. Ohne einen Blick, ohne ein Wort und ohne jedes Zögern gingen sie an den Herren vorüber, die ihrerseits stumm den Blick auf sie gerichtet hielten. Als sähen sie die alten Männer nicht, als existierten sie gar nicht. Aus einer anliegenden Gasse, aus dem Schutz eines dunklen Winkels, kam eine zweite Division. Als sie aufeinandertrafen, breiteten die Männer die Arme aus und herzten sich. Es lebe das Islamische Emirat!, rief einer von ihnen aus. Der Schall seines Rufs brach sich in der Straße und hallte in ihr wider. Das Zittern kroch mir durch den ganzen Körper und meine Beine wurden kraftlos.
Liebes! Manchmal überkommt mich die Sehnsucht nach der Stadt. Dann wünschte ich, ich könnte mich einmal wieder an ihr sattsehen, könnte sie sehen, wie sie einst gewesen ist. Gasse für Gasse, mit ihren Mauern, die nach Lehm und Stroh duften, wenn der Regen sie trifft. Ich will die Stadt in mich aufnehmen, mit all ihren Erinnerungen: Der Duft warmen, frischen Brotes, das Geschrei der Händler, der Trubel um die kleinen Straßenauslagen und das Durcheinander der Leute … Aber sobald ich das Haus verlasse, bleibt mein Blick an den weißen Fahnen hängen, die die Schultern der Häuser hinaufgekrochen sind. Der Wind passiert die Fahnen, wirbelt Staub vom Boden auf und weht ihn mir ins Gesicht und ich will weinen um mein gebrochenes, verwüstetes Herat – und um mich selbst. Dass ich zu Fuß den ganzen Weg bis an die Zitadelle laufe, dort mein Gesicht an das Gitter drücke und ein Talibansoldat mir mit seinem Gewehr zu verstehen gibt: Steh hier nicht rum!, sobald ich einen Blick hineinwerfen will. Steh hier nicht rum vor der Zitadelle! Steh hier nicht rum vor der Kherqa oder der Freitagsmosche! Steh hier nicht rum vor dem Frauengarten … vor der Universität, der Schule, dem Park! Wohin soll ich gehen? Wo darf ich stehen? Meine ganze Substanz ist doch aus dem hiesigen Wasser und Lehm gemacht …
Du hast die Welt der Literatur angesprochen. Ich glaube, was ich aus dieser Welt mitgenommen habe, ist, dass wir auch in Gesellschaft, und seien da Tausende um uns herum, allein bleiben. Ich habe Márquez gelesen, Morrison, Duras, Salinger, Böll, Fredrik Backman, Lee und Hunderte andere, aber wirklich vernarrt bin ich in Vargas Llosa, in sein magisches Werk! Ich habe so viel gelesen, dass mir die Worte fehlen.
Liebe Judith!
Irgendwo habe ich gelesen, du seist die Meisterin der Stille und des Unausgesprochenen. Ich würde gern mehr von dir lesen! „Sonja“ war das einzige Werk, das ich von dir finden und lesen konnte. Meine Liebe! Wenn diese Unglücksjahre hinter uns liegen und du einmal herkommen solltest, komm im Frühjahr, damit ich dich mit in die Schaidaji-Gärten[11] nehmen kann, in die Weingärten, an den rauschenden Harirud, zu den warmen Quellen in Obe. Dann serviere ich dir grünen Tee und dazu Noghl und Schirpira[12]. Lass bloß … lass bloß diese Unglückszeit erst vorüber sein.
Judith! Meine Liebe! Sag du’s mir … werden sie je ein Ende haben, diese Unglücksjahre? Wird da irgendwann ein kleines Türchen sein, das sich der Hoffnung öffnet? Werden wir uns wieder aufrichten können? Wie der Phönix aus seiner Asche?
Ganz herzlich, meine Liebe!
Zaheda
Herat, September 2025
[1] Name einer Hauptverkehrsstraße im heutigen Herat. Einst verlief hier die historische Seidenstraße, die den Orient mit dem Okzident verband.
[2] Die Zitadelle von Herat ist eine mehr als 2.500 Jahre alte Festung, die in der Geschichte der Stadt das Machtzentrum verschiedener Imperien gewesen ist.
[3] Die Kherqa Mubarak Moschee nahe der alten Zitadelle in Herat ist ein Heiligtum, das mit Sufismus und Mystizismus assoziiert ist. Einige Moscheen enthalten Reliquien, die dem Propheten Mohammad zugeschrieben werden, darunter u.a. Stoffstücke aus dessen ‘Kherqa‘ (dt. ‘Mantel‘, auch ‘Kirka‘ oder ‘Hırka‘).
[4] Ein großer Basar und das Handelszentrum in der Altstadt von Herat. Vier historische Basare treffen hier aufeinander, daher der Name‘ Tschahar Suq‘ (dt. ‘vier Basare‘).
[5] Eine historische Straße in Herat, die auf eine Moschee und den zentralen Gebetsplatz (Musallah) hinausläuft, der früher das Zentrum des sozialen und religiösen Lebens der Stadt war.
[6] Kamaluddin Behzad (1455/1460–1535) war der bekannteste Künstler aus der Malerschule von Herat zur Zeit der Timuridendynastie (1370–1507).
[7] Ein Gelände, das früher Teil des Musallah-Komplexes war und eine Koranschule, eine Moschee sowie das Mausoleum der Königin Gauhar-Schad umfasste. Heute stehen davon im sogenannten Frauengarten nur noch das Mausoleum und fünf Minarette. Gauhar-Schad war die Ehefrau von Schah Roch, dem Sohn Timurs, und eine einflussreiche Persönlichkeit in politischen, kulturellen und religiösen Belangen während der Timuridendynastie.
[8] 14. bis 15. Jahrhundert n. Chr.
[9] Schah Roch (1377–1447) gilt als Begründer des Goldenen Zeitalters der Kultur und Wissenschaft im Timuridenreich.
[10] Sultan Husain Baikara (1449–1506) war ein Enkel Timurs und der letzte große Herrscher des Timuridenreichs.
[11] Große, üppige Gärten im Nordosten Herats.
[12] Beliebte Herater Süßigkeiten.


