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Untold Narratives – Weiter Schreiben > Yael Inokai & Tamanna Easar > Mir schien diese Sprache wie ein Schlüssel – Brief 2

Mir schien diese Sprache wie ein Schlüssel – Brief 2

Yael Inokai an Tamanna Easar, Berlin, 18. August 2025

Übersetzung: Ali Abdollahi ins Persische

Bunter Protestzug in der Innenstadt: Demonstrierende tragen Regenbogenflaggen und Schilder, darunter eines mit der Aufschrift ‚Nature is not binary. Colorful protest march in the city center: Demonstrators carry rainbow flags and signs, including one that reads ‘Nature is not binary.
© Yael Inokai

Liebe Tamanna,

Ich schreibe dir aus meiner Küche in Berlin, endlich ist es kühler geworden, aber noch sitzt die Hitze der vergangenen Woche in den Wänden. Bisher war es meist ein verregneter Sommer, der zusammenfaltbare Schirm mit dem braunen Karomuster mein ständiger Begleiter. Wenn ich durch Berlin streife, dann sehen die Parks und Grünflächen ganz anders aus als in den vergangenen Jahren im August, ich kriege gar nicht genug von ihrem satten Grün. Heute habe ich nach meinen ersten anderthalb Stunden am Schreibtisch eine Pause gemacht, holte mir einen Kaffee und schaute im kleinen Park bei mir um die Ecke einfach nur ins Gras. Neben mir auf der Bank saß eine ältere Frau mit feuerrot gefärbten Haaren, die laut telefonierte. Sie ist öfters hier, ich auch. Ich liebe es, ihr zuzuhören und lache bei ihren Erzählungen über die unmöglichen Mitbewohnerinnen im Altersheim, ihr einziges Gesprächsthema, still in meinen Kaffee.

Ich war krank, als die Hitzewelle kam, lag im abgedunkelten Zimmer vor dem Ventilator und habe darüber nachgedacht, was ich dir in diesem Brief erzählen möchte. Seit deine Worte ihren Weg zu mir fanden, ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht habe, nicht an das Mädchen am Granatapfelbaum. Etwas vom Schlimmsten an der Gewalt ist, wie sie sich das nimmt, was man liebt, und ihre Galle drüber gießt.

Ich habe deinen Brief drei, vier, fünf Mal gelesen, deine Worte mit mir getragen, wenn ich das Grün angeschaut habe und mit geschlossenen Augen, fiebrig bei fünfunddreißig Grad vor dem Ventilator. Gibt es bei dir, in London, einen Ort, den du in deinem Alltag gerne aufsuchst? Ich würde mich freuen darüber zu lesen, wohin dich deine Wege führen, was du siehst, wem du zuhörst.

Ich werde dir hier erzählen, was in den Tagen vor der Hitzewelle passiert ist, weil sie für mich unverhofft zu den bewegendsten in diesem Jahr wurden. Und weil kein Tag vergangen ist, an dem nicht an dich gedacht habe, warst du für mich auch ein Teil dieser Erlebnisse.

Zum ersten Mal erreichte mich von meiner Tante eine Nachricht auf Ungarisch. Sie lebt in Turin, wird bald achtzig Jahre alt. Die Familie meines Vaters kommt ursprünglich aus Ungarn, aber ich selber spreche die Sprache nicht. Ich habe mich immer nach ihr gesehnt, seit ich als kleines Kind meine Großmutter und meinen Vater auf Ungarisch habe reden hören. Mir schien diese Sprache wie ein Schlüssel. Es wird gesagt, dass sie unendlich schwer sei, man sie entweder mit der Muttermilch oder im Bett mit einem geliebten Menschen lerne, anders gehe es nicht. Es gibt für mich als Deutschsprechende keine Struktur, keine Worte, kein Konzept, an dem ich mich festhalten kann. Trotzdem habe ich nach all den Jahren beschlossen, ein paar Grundlagen darüber zu lernen und einen Sprachkurs gebucht. Szeretettel ölellek schloss meine Tante ihre Nachricht, ich umarme dich in Liebe. Als hätte sie von meinem Plan gewusst – erzählt habe ich ihr allerdings nichts davon. Zu groß ist meine Angst, das Handtuch zu werfen, so habe ich es schon als Elfjährige mit dem Latein gemacht. Wie enttäuscht sie wäre, die selbst sieben Sprachen fließend spricht! Als hätte ich beschlossen, diesen Schatzkasten, zu dem die ungarische Sprache der Schlüssel ist, doch nicht öffnen zu wollen.

Lange gab es kaum Kontakt zu meinen beiden ungarischen Tanten, aber in den letzten Jahren habe ich ihn wieder aufgenommen. Ich sehe mich in ihnen und sie sich in mir. Jedes Gespräch, jede kleine Nachricht, bedeuten mir die Welt.

Kurz darauf rief mich eine nahe Freundin an. Schon seit Längerem ist sie dabei, eine Umbettung in die Wege zu leiten, einen ihrer besten Freunde auf dem Friedhof neben ihrem Haus beerdigen zu können, damit er in ihrer Nähe ist, damit sie sich um sein Grab kümmern kann. Sie hat eine Stelle gekauft, in der vier Urnen Platz finden und fragte mich, ob ich mir denn überlegen wolle, auch eines Tages mit ihnen beerdigt zu werden, der Freund sei so ein toller Mensch gewesen, wir würden uns bestimmt verstehen. Tamanna, für mich kam das fast einem Heiratsantrag gleich. Ich bin schon sehr oft über diesen Friedhof in Schöneberg spaziert und habe mir gewünscht, eines Tages dort meine Ruhestätte zu haben. Aber ich hätte nicht erwartet, welch schöne Gesellschaft mir nun dort in Aussicht steht.

Ein paar Tage später bin ich mit zwei Freundinnen nach Bautzen an den Christopher Street Day gefahren. Es ist eine kleine Stadt in der Lausitz, in Sachsen, letztes Jahr war der Umzug in der Presse, weil neben tausend Demonstrierenden siebenhundert Neonazis skandierten. Dieses Jahr waren wir fast viertausend Demonstrierende, achtzigjährige Frauen haben Kekse verteilt, Menschen schauten aus den Fenstern und winkten. Ich war so glücklich an diesem Tag, glücklich all die Strukturen zu sehen, von Menschen erarbeitet, die keinen Rechtsruck wollen, sondern Freiheit, Vielfalt. Und doch war ich auch traurig, als ich später im Fernsehen Berichte darüber sah. Eine Frau sagte, es sei das eine, wenn siebenhundert Neonazis tausend Demonstrierenden gegenüberstehen. Denn sie lebt an diesem Ort, und manchmal (wenn all die zugereisten Demonstrierenden wie ich wieder weggefahren sind) ist sie alleine und es reicht dreien von ihnen gegenüberzustehen.

Liebe Tamanna, heute schicke ich diesen Brief an dich und in der Mittagssonne habe ich an den Duft deiner Mittagssonne gedacht. Ich habe mich gefragt, was du heute gegessen, woran du gedacht hast. Wann das letzte Telefonat mit deinen Eltern war. Welche Sprachen dich heute begleiteten. Wie es deinem Schreiben geht. Und deinem Herzen.

Ich freue mich von dir zu lesen

Alles Liebe

Yael

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