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(W)Ortwechseln > Osama Al-Dhari und Joachim Sartorius > Ohnmächtige Rebellion - Brief 04

Ohnmächtige Rebellion – Brief 04

Osama Al-Dhari an Joachim Sartorius, 22. Juli 2020

Übersetzung: Jessica Siepelmeyer

WOrtwechseln, Osama Al Dhari, Brief 4, Joachim Sartorius
© Privat

Lieber Joachim,

ich habe mich sehr über Deinen zweiten Brief gefreut und bin auf unser Treffen im Herbst besonders gespannt.

Meinen Brief möchte ich gerne mit einem Zitat aus „Reflections on Exile“[1] beginnen. „Exil“, so schreibt Edward Said, „ist ein Zustand des absoluten Verlusts.“ An anderer Stelle heißt es in dem Aufsatz: „Heimat ist im tieferen Sinne das, von dem ich ausgeschlossen bin.“ So fasst Edward Said das Exil aus der Sicht eines Vertriebenen zusammen. Exil ist nicht in erster Linie geografisch zu sehen, vielmehr ist es eine schwerwiegende spirituelle Trennung von dem, was wir sein wollen oder nach dem wir streben. Ich hätte es so machen können wie andere und poetisch das wiedergeben, was Politiker sagen. Doch ich war unmittelbar beeinflusst von meinem Großonkel, dem aufrührerischen Dichter Muhammad Mahmoud Al-Zubairi. Nach Gefangenschaft und Exil widmete er sein Leben den Menschen seines Landes. Jenes Landes, in dem er nach der Revolution, die er wesentlich mit vorangetrieben hatte, einem Attentat zum Opfer fiel. Meiner Ansicht nach ist dies der höchste Preis, den ein Mensch für seine Überzeugung zahlen kann. Seine Opferbereitschaft spiegelt sich in seiner Lyrik wider:

„Ich wollte, dass sie dich lieben, mein Land. Doch was ich bekam, war ein blutendes Herz.“

Ungewissheit, Exil, Angst – dies alles habe ich erlebt. 2004 war Sanaa die arabische Kulturhauptstadt. Mein Vater forderte mich auf, zu diesem Anlass ein aufgeschlossenes und hoffnungsvolles Gedicht zu schreiben. Hoffnung in diesem Land habe es für mich nur in der Kindheit gegeben, erklärte ich ihm, sie sei mir mittlerweile abhandengekommen. Vielleicht bin ich bereits dabei, Deine Frage zu beantworten, wie es ist, in Zeiten des Exils zu schreiben.

Das Gedicht sei quicklebendig, heißt es in Deinem Brief. Das ist zeitweilig beunruhigend. Beunruhigend insofern, als Poesie unsere einzige Zuflucht ist und wir Dichter uns und andere mit Metaphern und Fantasie betäuben. Ich möchte nicht in Trübsinn verfallen und sinnieren über kritische Theorien oder den Zweck von Poesie zwischen Vergnügen und Nutzen. Aber mich beunruhigt, dass Dichtung als süße Droge gilt, in und mit der man leben kann, während das wirkliche Leben jenseits von Metaphern uns entgleitet. Immerhin wurden Dichter im arabischen Kontext gefeiert und als Sprachrohr der Gesellschaft angesehen. Sie wiegelten auf und setzten sich ein. Du schreibst von der bemerkenswerten Aktion eines Grünen-Abgeordneten, die sich abhebt von der üblichen Monotonie solcher Sitzungen. Das Gedicht ist, wie Du sagst, ein Erste-Hilfe-Kasten, der einige Erfahrungen vor dem Vergessen rettet. Genau daran arbeite ich gerade im Zusammenhang mit meinem nächsten Buch („Ehre des Gedächtnisses“). Es geht um den Gedanken, dass das Vergessen nichts anderes ist, als die Ehre des Gedächtnisses zu missachten. Vieles, was Du in Deinem Brief schreibst, sehe ich auch so, wir haben gemeinsame Ansichten. Ich denke gerade laut nach.

Mich beschäftigt Deine Frage, ob Poesie etwas gegen Armut und Unterdrückung ausrichten kann. Eine Frage, die Du mit Nein beantwortest. Poesie hilft meiner Ansicht nach, Grausamkeiten zu verurteilen. Es ist dem ähnlich, was ich als ohnmächtige Rebellion bezeichne.

Ich bin in politischen Verhältnissen aufgewachsen, die äußerst lachhaft, voller Paradoxien und seltsamer Allianzen waren. Das erklärt wohl die bittere, satirische Sprache in meinen Texten. Ich teile Deine Meinung, dass Satire ein gutes Mittel ist, um das Weiterleben zu meistern, besonders angesichts der Tatsache, dass sich Menschenrechte institutionell und moralisch im Niedergang befinden und auf der Weltbühne die Sprache von Krieg und Macht erstarkt. Ich entdecke in mir den Irrwitz von Alexis Sorbas von Kazantzakis, dem Fremden von Camus und Holden Caulfield aus Salingers „Der Fänger im Roggen“. Diese Figuren braucht es jetzt, um die Absurdität und sinnlose Härte des Lebens aufs Korn zu nehmen. So schrieb Milan Kundera in „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“: „Wir haben seit langem begriffen, dass es nicht mehr möglich ist, diese Welt umzustürzen oder neu zu gestalten oder ihr unseliges Vorwärtsrennen aufzuhalten. Es gab nur noch einen einzigen möglichen Widerstand: Sie nicht ernst zu nehmen.”[2]

Zum Schluss möchte ich Dich als Dichter mit langjähriger Erfahrung gerne fragen, wie Du die gegenwärtige Szene der Literaturkritik wahrnimmst. Siehst Du Unterschiede zwischen der arabischen und der westlichen poetischen Kultur? Sind die Unterschiede struktureller oder thematischer Natur?

Dies und vieles mehr beschäftigt mich. Vielleicht können wir das in den nächsten Briefen oder bei unserem baldigen Treffen besprechen.

 

Ich wünsche Dir und Deinen Lieben alles Gute!

Osama Al-Dhari

[1] Edward Said: „Reflections on Exile“ in: ders.: Reflexions on Exile and other Essays. Cambridge (Mass.), Harvard University Press, 2000.

[2] Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit. Übersetzt von Uli Aumüller, München, Hanser, 2013.

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