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(W)Ortwechseln > Osama Al-Dhari und Joachim Sartorius > Das Gedicht braucht keinen Schutz - Brief 3

Das Gedicht braucht keinen Schutz – Brief 3

Joachim Sartorius an Osama Al-Dhari, 29. Juni 2020

Übersetzung: Filip Kaźmierczak

(W)Ortwechseln, Joachim Sartorius, B03
© Joachim Sartorius

Lieber Osama,

vielen Dank für Deinen ausführlichen Brief. Du schneidest darin viele Themen an, die mich sehr berühren. Vor allem was Du zu Identität/Diversität geschrieben hast und auch zu dem Begriff ‚Heimat’, der ja selbst viel mit Identität zu tun hat. Auch für mich ist es nicht die Geographie, sind es Menschen, die die Heimat ausmachen, und die Sprache, in der man zu Hause ist. Vielleicht können wir darüber – und auch über die gescheiterte Revolution im Jemen in 2011 – sprechen, wenn wir uns im späten Herbst in Berlin treffen. Inshallah!

Das Gedicht kommt, um ein früheres Bild aufzugreifen, nicht mit Blaulicht und heulenden Sirenen daher. Du hast Recht, das politische Regime in Sanaa wollte sich wahrscheinlich damals mit Kultur „schmücken“ und hoffte durch Polizeieskorten und sonstige Schutzmaßnahmen in einem besseren Licht dazustehen. Das Gedicht braucht aber gar keinen Schutz. Es hat seine Widerstandskraft über 3.500 Jahre bewiesen, angefangen bei Enheduanna, der sumerischen Priesterin, und ist trotz aller Nekrologe, die auf es gehalten wurden, immer noch quicklebendig.

Wenn ich Deine Gedichte lese, treiben mich ganz andere Fragen um: Wie schreibt man in Zeiten des Exils? In Zeiten der Ungewissheit, der Angst? Die meisten Gedichte, die geschrieben werden, sind ja Behältnisse für Erinnerungen. Manche sind auch Erste-Hilfe-Kästen. Ich meine das nicht abwertend. Sie können Trost spenden und wichtige Erfahrungen vor dem Vergessen retten. Es gibt auch einige – wenige – gute politische Gedichte. Aber haben sie etwas ausrichten können gegen Unterdrückung, Diskriminierung, Terror, Not? Vielleicht ist diese Frage falsch gestellt. Ein Abgeordneter der Grünen hatte vor ein paar Jahren im Berliner Parlament jedem seiner Beiträge ein Gedicht vorausgestellt. Er wurde dafür kritisiert. Er ließ nicht ab. Er wollte mit dem Vorlesen eines Gedichts Stille erzeugen, Offenheit, Aufmerksamkeit für eine ganz andere Sprache als die der Politik und der Administration. Und in der Tat, all das kann das Gedicht bewirken, auch wenn es an den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen selbst nichts ändern kann. Es versucht es aber. Es lässt nicht locker. Für dieses ohnmächtige Aufbegehren liebe ich das Gedicht.

Du hast mir noch einmal zehn Gedichte geschickt, die im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung von Mustafa Al-Slaiman übersetzt wurden. Von Herzen Dank! So habe ich noch ein wenig mehr von Deinem Werk kennenlernen dürfen. Und einige Gedichte wie „Heimat mit Exilstimmung“ und „Revolution“ führen unser Gespräch weiter und in tiefere Zonen. Sie beantworten mir auch die Frage, wie in Zeiten des Exils Gedichte aussehen können. Bei all dem Ernst bewahrst Du Dir in diesen Texten und in einzelnen Bildern Deine Ironie – oder soll ich es Sarkasmus nennen? Wahrscheinlich ein gutes Mittel, um das Weiterleben zu meistern.

Habe einen hellen Sommer, bleibe gesund und alle guten Wünsche,

auch für Deine Familie!

Joachim

 

PS: Den von Dir erwähnten Großonkel Ahmad al-Zubairi habe ich einmal getroffen, in der Botschaft des Jemen in Berlin. Ich glaube, es war der Empfang zum Nationalfeiertag. Wir unterhielten uns über eine Reise von Günter Grass in den Jemen, an sehr viel mehr kann ich mich aber leider nicht mehr erinnern.

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