Im vierten Kriegsjahr traue ich mich, darüber zu sprechen: Ich habe mein Zuhause verloren | Brief 2
Svitlana Oslavska an Zein Khuzam, Malmö, 15. November 2025
Übersetzung: Claudia Dathe aus dem Ukrainischen

Liebe Zein!
Vielen Dank für deinen Brief. Du reißt viele wichtige Themen an, die mich zum Schreiben anregen! Aber zunächst versuche ich, auf deine letzte Frage zu antworten. Du bittest mich, dir von meinem Zuhause zu erzählen. Ich bin überrascht, wie genau Du es getroffen hast, denn ich habe in letzter Zeit selbst viel darüber nachgedacht. Kürzlich habe ich einen Eintrag in mein Tagebuch geschrieben. Er begann mit der Frage: „Habe ich mein Zuhause verloren?“
Ich bin in einer kleinen Stadt im Osten der Ukraine geboren und aufgewachsen. Die Stadt existierte im Schatten der gigantischen Industrieanlagen, die zu Sowjetzeiten errichtet worden waren. Trotz ihrer etwas deprimierenden postindustriellen Landschaft hatte die Stadt im Großen und Ganzen alles, was ein Kind braucht: zwei Dutzend Schulen mit Tausenden von Kindern, Tanzgruppen und Musikschulen, einen See und Wald … Aber was einem Kind genügt hatte, wurde der jungen Frau, die die Welt entdecken wollte, recht bald zu eng.
Ich habe in anderen, größeren Städten gelebt und bin alle paar Monate oder einmal im halben Jahr zu Besuch hingefahren. Eine Nacht im Zug – und schon setze ich meinen Fuß auf einen Bahnsteig des Provinzbahnhofs, aus den Nachbarwaggons steigen Passagiere mit Koffern und Rucksäcken. Wir alle laufen schnell zum Bus oder rufen ein Taxi, um dorthin zu fahren, wo wir für ein paar Tage dieses Gefühl der totalen Geborgenheit spüren – die Geborgenheit eines Zuhauses.
Für mich bedeutete eine solche Reise vor allem, dass ich alle unfertigen Interviews, angefangenen Artikel und andere Aufgaben ruhen lassen und mich für ein paar Tage in einen ganz anderen Rhythmus begeben konnte.
Ich weiß nicht, ob du dieses Gefühl magst – in den Rhythmus eines anderen Haushalts einzutauchen und eine Million Dinge und den Stress der Großstadt hinter dir zu lassen. Ich bin immer gern zu meiner Mutter oder meinen Großeltern gefahren. Der wichtigste Unterschied zwischen ihren Wohnungen und Häusern und meiner gemieteten Wohnung, in der ich mein unabhängiges Leben führte, war die Verwurzelung. Verwurzelung entsteht, wenn eine Familie viele Jahre, sogar Jahrzehnte, in ein und demselben Haus lebt. Solche Häuser erleben verschiedene Generationen, kennen Geburten und Todesfälle und haben daher immer ein bisschen was Trauriges. Solche Häuser sind oft mit altem und kostbarem Plunder vollgestopft, sie duften nach getrockneten Äpfeln, Kräutern oder Hausmannskost. Der Gast findet sich ein in den Rhythmus dieses vorübergehenden Zuhauses und dieser vom Alltag abweichende Rhythmus bedeutet Erholung.
So bin ich immer zu Besuch gekommen. Meine Mutter hat sich freigenommen und wir sind einkaufen gegangen, haben zusammen gekocht, sind um den See gelaufen. Mit den Jahren hatte ich immer weniger Kontakt zu meinen Freunden aus Kindertagen, deshalb ging ich abends nicht mehr aus, sondern las oder saß einfach auf dem Sofa und beobachtete die Katze oder wie meine Mutter Kassensturz machte zu den Waren, die tagsüber in ihrem Laden verkauft worden waren.
Irgendwann beschloss ich, ein Buch über meine Heimatstadt zu schreiben.
Ich schreibe literarische Reportagen. Sachliteratur, könnte man auch sagen. Diese Bezeichnung gefällt mir. Sie bedeutet, dass das Schreiben auf Fakten basiert, zugleich aber nicht trocken oder förmlich ist, sondern lebendig, so wie Literatur eben ist. Ich war fasziniert von der Idee, meine Stadt gleichzeitig von innen – schließlich bin ich dort aufgewachsen – und aus der Entfernung – schließlich war ich zu diesem Zeitpunkt schon mehr als zehn Jahre weg – in Augenschein zu nehmen. Ich hegte immer widersprüchliche Gefühle gegenüber meiner Stadt. Mich irritierten die spießige Weltanschauung der Einwohner, die grauen, eintönigen Gebäude, die vor sich hin vegetierenden Fabriken und die Tatsache, dass die Stadt mir keinen Raum bot. Gleichzeitig fühlte ich mich von ihr angezogen. Diese unterschiedlichen Gefühle leiteten mich beim Schreiben meines Buches. Es ging darin nicht um mich, es erzählte verschiedene Geschichten über Menschen, Gebäude oder Ereignisse der jüngeren Vergangenheit, die für die Stadt von Bedeutung sind. Zum Beispiel über den einzigen Buchhändler der Stadt, der selbstlos einen kleinen Buchladen an einer Kreuzung betrieb. Oder über die friedlichen Demonstrationen von 2014. Damals zogen mehrere hundert Mutige mit ukrainischen Flaggen auf den zentralen Platz der Stadt, als die russische Bedrohung bereits ganz real war, als die Russen die Krym bereits erobert hatten und im Osten der Ukraine ihre Zähne fletschten. Damals geriet meine Stadt unter die Kontrolle prorussischer Kräfte. Nach drei Monaten war das zum Glück vorbei.
Anfang 2022 stellte ich das Manuskript fertig. Der Text sollte gerade in den Druck gehen, als uns eines Morgens einschlagende Raketen weckten und russische Panzer über die Grenze rollten. Russland hatte die groß angelegte Invasion der Ukraine begonnen.
Im Frühjahr gab es Gefechte um meine Stadt und bereits im Sommer 2022 gerieten sowohl die Stadt als auch fast meine gesamte Region Luhansk, die an Russland grenzt, unter russische Besatzung. Die Mauern, innerhalb derer ich mich ausruhen und einen anderen Lebensrhythmus leben konnte, standen nun unter Besatzung. Besetzt wurden auch meine Erinnerungen an die Kindheit, meine Fotos aus Schultagen und das Grab meines Vaters.
Im Frühjahr und Frühsommer jenes Jahres wurde die Stadt ununterbrochen beschossen, deswegen flohen viele Einwohner, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Stadtverwaltung teilte mit, dass von den etwas mehr als hunderttausend Einwohnern nur noch etwa zehn Prozent in der Stadt geblieben waren. Ich konnte mir diese Massenflucht gar nicht richtig vorstellen, Tausende von schockierten Menschen machten sich auf den Weg. Ob sie zurückkehren würden, wussten sie nicht. Ich erinnere mich an die Zeilen des zeitgenössischen ukrainischen Dichters Serhij Zhadan, der aus meiner Region stammt:
Eisen und Stein formte die Stadt, die einst hier stand.
Jetzt fliehen wir mit einem Koffer in der Hand.
Einem Koffer voll Asche, der Abfall der Artillerie,
Brandgeruch tränkt unsere Träume wie nie.[1]
Zehn Prozent der Einwohner. Ich versuche mir Damaskus vorzustellen. Wie viele Einwohner lebten in der Stadt während des Krieges? Wie war die Stadt, wie hat sie sich verändert? Und was ist jetzt, nach dem Sturz des Regimes, anders geworden?
Ich war noch nie in Syrien, aber von der türkischen Seite aus immerhin nahe der Grenze. Einmal schickte mir mein Mobilfunkanbieter sogar eine Nachricht: „Willkommen in Syrien!“, und ich habe diesen Screenshot zur Erinnerung gespeichert.
Nach Beginn der russischen Großinvasion bekamen alle Geschichten in meinem Buch plötzlich eine neue Perspektive. Sie handelten nicht länger von einer existierenden Stadt, die man besuchen kann – ich habe dem Buch sogar eine von mir kreierte Stadtführung vorangestellt –, sondern von einer Welt, die nie mehr so sein wird wie zuvor. Einer Welt, die es nicht mehr gibt. Die meisten meiner Protagonisten mussten die Stadt verlassen. Bei manchen, zum Beispiel bei dem erwähnten Buchhändler, weiß ich nicht, was mit ihnen passiert ist. Deshalb erhielt das Buch schließlich den Untertitel „Reportagen aus der Vergangenheit“.
Einerseits ist es normal, dass sich die Welt verändert. Eine Sekunde später ist sie schon nicht mehr, wie sie eben noch war. Aber weißt du, was ich meine: Wenn die Welt mit Gewalt zerstört wird, ist es schwer, dies als gegeben hinzunehmen. Das Gefühl der Ungerechtigkeit bleibt, ebenso wie das Gefühl der Unwirklichkeit dessen, was geschieht.
Meine Heimatstadt wurde von den Gefechten ziemlich stark in Mitleidenschaft gezogen und die Bilder der schwarzen, ausgebrannten Neungeschosser stehen mir noch immer vor Augen. Selbst wenn sie womöglich langsam aus meinem Gedächtnis verschwinden, kaum google ich, sind die Bilder wieder da. Immerhin ist meine Stadt nicht vollständig zerstört worden, wie es bei anderen der Fall war. Deshalb konnten ein paar Leute zurückkehren, als die Kämpfe vorbei waren. Aber unter russischer Besatzung zu leben ist gefährlich. Meine Familie hatte immer proukrainische Ansichten, deshalb musste sie die Stadt verlassen und ihre Wohnung und ihr Unternehmen zurücklassen. Ich habe keine Verwandten und Freunde mehr vor Ort, mit denen ich Kontakt halten könnte. Für viele Menschen sind die besetzten Städte quasi nicht mehr existent. Für einen anderen Teil der Gesellschaft existieren sie durchaus – für jene nämlich, die zurückgekehrt sind und sich entschieden haben, dort zu leben. Je länger es dauert, desto schwächer wird die Verbindung zwischen den Ukrainern, die unter russischer Besatzung leben, und allen anderen.
Ich kann nicht in meine Stadt zurückkehren. Aber das ist nichts im Vergleich zu denjenigen, die urplötzlich alles zurücklassen mussten, die von jetzt auf gleich eine Tasche packten, in der Pause zwischen den Artillerieangriffen die Festplatte aus ihrem PC schraubten, die verängstigten Katzen und Hunde unter der Badewanne hervorholten und die Stadt verließen. Als die Invasion begann, lebte ich im Westen der Ukraine, wo es relativ sicher war. Ich bin nicht geflohen, im Gegenteil – andere sind zu mir geflohen. Millionen von Menschen wurden aus ihrem Leben gerissen, viele haben Angehörige verloren, etlichen wurde das Haus zerstört und ihr gesamter Besitz ist verbrannt. Mir ist nichts dergleichen passiert. Deshalb konnte ich mir immer aufmunternd sagen: Ich habe mein Zuhause nicht verloren!
Aber manchmal, wenn ich die Augen schließe oder an etwas ganz anderes denke, taucht wider Willen ein Bild aus meiner Stadt in meiner Vorstellung auf. Es sind alltägliche Bilder. Meine Straße, die Milchbrötchen aus der Kultbäckerei, der Bürgersteig mit den Schatten der Bäume im Hochsommer. Für ukrainische Verhältnisse war der Sommer bei uns immer schrecklich heiß, wenn auch nicht so heiß wie in Syrien. Und dann – manchmal – gebe ich dem Wunsch nach zu weinen. Irgendwie habe ich mein Zuhause ja doch verloren. Im vierten Jahr traue ich mich, darüber zu sprechen.
Ab und an sind mir Leute aus Syrien über den Weg gelaufen. Aber das geschah in der Ukraine, in der Türkei oder in EU-Ländern. Bei der Dokumentation der Kriegsverbrechen der Russen in der Ukraine habe ich mit syrischen Kollegen zusammengearbeitet. Aber wie du siehst, habe ich alle Syrer außerhalb ihrer Heimat getroffen. Sie alle waren im Exil.
Du schreibst, dass du Syrien während der Kriegsjahre kein einziges Mal verlassen hast. Erzähl mir, warum das so war. Eine bewusste Entscheidung oder eine Notwendigkeit? Welche Erfahrungen hast du in den Jahren gemacht, wie hast du dich verändert?
Ich kann nicht mehr von mir sagen, dass ich die Ukraine während der Kriegsjahre nicht verlassen habe. Aber darüber schreibe ich dir im nächsten Brief.
Liebe Grüße
Svitlana
[1] Zitat aus dem Gedicht „Woher, schwarzer Tross, fliehender Schwarm, kommst du geflogen“, in: Serhij Zhadan. Warum ich nicht im Netz bin. Gedichte und Prosa aus dem Krieg. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe und Esther Kinsky. Suhrkamp: 2016, S. 39.


