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In den Wochen der Funkstille – Brief 4

Mithu Sanyal an Parand (Pseudonym), Auf Lesereise, 10. Oktober 2024

Übersetzung: Ali Abdollahi ins Persisch

 

© privat

Liebe Parand,

wenn du wüsstest, wie erleichtert ich bin, deinen Brief zu bekommen! Ich hatte von den beeindruckenden Ladys von Weiter Schreiben erfahren, dass sie keinen Kontakt zu dir aufnehmen konnten, seit die Taliban die Regeln für Frauen noch weiter verschärft haben, weil dich Nachrichten von Ausländer*innen in Gefahr bringen können. Ich kann dich in Gefahr bringen!

Dieser Gedanke ist unerträglich. Und trotzdem schreibe ich dir hier schon wieder, hoffend, betend, dass dieser Brief unter dem Radar bei dir ankommen wird. Ein großes Risiko für dich. Keines für mich. Ist das fair?

Doch was ist schon fair? Und wenn wir nur Menschen schreiben würden, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind wie wir selbst, wäre das … nicht nur unglaublich langweilig … sondern mindestens genauso unfair. Also schreibe ich dir, aus Hotelbetten und von Autobahnraststätten, ich bin auf Buchtour mit meinem neuen Roman, für den du mir so viel Glück und Geschick gewünscht hast. Danke dir dafür! Dieses Buch wird für mich immer auch mit dir verbunden sein.

Und weißt du was? Darin kommt sogar Gandhi vor, den du dir so wie meinen Vater vorstellst. Respektive meinen Vater wie Gandhi. Wie Gandhi, der mich gerettet hat, damals in den 1980ern, in denen die autonome Linke über Gewalt als Mittel der Politik diskutierte (und einige auch ganz real damit experimentierten), in den 1990ern, als für einen Teil der deutschen Linken der neue Summer of Love begann und für andere die Baseballschlägerjahre, in denen Neonazis ihre Nachbarschaften unsicher machten und Flüchtlingsunterkünfte abbrannten, in den 2000ern, als … Aber ich will dich nicht langweilen. Alles, was ich sagen will, ist, dass ich mich stets an Gandhi festgehalten habe, wenn die Rufe nach Waffen laut wurden.

Und jetzt sind sie so laut wie nie in meinem Leben und sie kommen nicht von der radikalen Linken, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Ich bin noch in einem Deutschland aufgewachsen, das „Nie wieder“ gesagt hat und damit auch „Nie wieder Krieg“ meinte. Und plötzlich scheinen Militarisierung und Aufrüstung wieder alternativlos. Und auf all das lautete meine Antwort mein Leben lang: Gandhi! Wegen ihm wusste ich, dass es gewaltlosen Widerstand gab und dass er erfolgreich sein kann, schließlich war es ihm gelungen, das damals mächtigste Empire der Welt aus Indien zu schmeißen.

Und dann schrieb ich meinen Roman. Und Gandhi kam zu Besuch. Im wahrsten Sinne des Wortes und in meinem Buch, das zu einem Teil 1906 in London spielt. Dort gab es damals ein Boarding House für indische Studenten, India House, in dem in Wirklichkeit die indischen Revolutionäre ein und aus gingen und den Umsturz des Empires planten. Gandhis Visiten im India House sind historisch verbrieft. Es gibt sogar Aufzeichnungen der Gespräche, die er mit den Bewohnern geführt hat. Also las ich zum ersten Mal seine eigenen Worte und nicht nur die Bonmots, die ihm in den Mund gelegt worden sind, und lernte den Heiligen der indischen Unabhängigkeitsbewegung von einer anderen Seite kennen. Du kannst dir meine Verstörung vorstellen, als ich etwa erfuhr, dass er in seiner Zeit in Südafrika keineswegs gegen Rassismus gekämpft hatte – er hatte bloß dagegen gekämpft, dass Inder genauso schlecht behandelt wurden wie Schwarze. … Von allen historischen Persönlichkeiten hatte ich nur Gandhi nie hinterfragt. Weil ich an Gandhi glauben wollte, weil ich an ihn glauben musste, weil ich ihn als politischen Leitstern brauchte.

Aber auch mein Glaube an den gewaltlosen Widerstand kam … entschuldige das Wortspiel … unter Beschuss. Die Erkenntnis, dass Indien ohne den bewaffneten Widerstand noch immer eine britische Kolonie wäre – oder zumindest noch viel, viel länger gewesen wäre –, erschüttert mich noch immer. Ebenso: Dass gewaltloser Widerstand für die Machthaber prima ist, weil sie ihn umso bequemer ignorieren können; und dass gewaltloser Widerstand nur dann erfolgreich sein kann, wenn das System, gegen das er sich richtet, dich überhaupt erst einmal als Mensch wahrnimmt; und dass es keine geheimen gewaltfreien Methoden gibt, die sicherstellen, dass dein politischer Gegner sich mit deinen Anliegen auseinandersetzt; und dass …oh Gott, oh Gött*innen … diejenigen, die das Militär befehligen, Petitionen und Demonstrationen eher verbieten, als sich von ihnen erweichen zu lassen …

All das stimmt, doch ist dadurch das Gegenteil noch lange nicht richtig. Denn auch bewaffneter Widerstand ist super für Regierungen, weil sie ihn umso brutaler niederschlagen können. Aber noch wichtiger: Bewaffneter Widerstand trifft immer mehr als nur „den Gegner“. Und damit rede ich noch gar nicht von den Opfern, die man beschönigend „Kollateralschäden“ nennt. Nein, auch ein chirurgisch durchgeführter politischer Mord tötet nicht nur den militärischen oder politischen „Feind“, sondern auch immer den Vater/Ehemann/Sohn/Freund respektive die Mutter/Frau/Tochter/Freundin. Menschen sind so viel mehr als nur ihre Funktion. Wir kommen nicht sauber ins Reine.

Warum ich dir das alles schreibe? Weil ich bei deinem Brief immer wieder Bomben werfen wollte. Weil die Wut mich nach den vermeintlich einfachen Antworten rufen lässt. Wider besseres Wissen. Wie das, dass Bomben nur sehr, sehr, sehr selten Freiheit bringen. Sondern den Tod. Und dass nicht ich diejenige sein werde, die diesen Tod erleiden muss.

Es gibt einen feministischen Spruch, dass Männer einem immer Lösungen vorschlagen, ohne auch nur zu fragen, was überhaupt das Problem ist. Immer Lösungen. Die du dann umsetzen sollst. (Und damit in der Regel zwei Probleme hast.) Vielleicht sollte ich aufhören, der Karikatur-Mann aus diesem Spruch zu sein, und dich stattdessen fragen: Was wünschst du dir? Was würde dir helfen? Groß und grundsätzlich. Aber auch ganz konkret: Was könnte ich tun?

In den Wochen der Funkstille wurde mir erst so richtig bewusst, welch ein Wunder es ist, dass wir uns überhaupt schreiben. Dass unsere Briefe übersetzt und auf konspirativen Wegen weitergeleitet werden. Worte auf Papier, so zerbrechlich wie Glas. Und gleichzeitig, wenn du wüsstest, wie begierig wir hier auf deine Worte sind. Die Taliban mögen deine Stimme verbieten, doch die ganze Welt möchte sie hören. Zumindest die Welt, in der ich mich bewege. Vor Kurzem war ich auf einem Podium in Erlangen, um über Weiter Schreiben zu sprechen. Mariam Meetra und Sylvia Geist berichteten von ihrem Briefwechsel. Maha El Hissy moderierte. Ich sollte meinen Brief an dich vorlesen. Und ich vermisste dich auf dem Stuhl neben mir. Und deine Perspektive. Und entschied mich, stattdessen deinen Brief an mich zu lesen. Ich hoffe, das ist okay für dich?

Denn Menschen wollen wirklich wissen, wie es dir ergeht. Du bist nicht alleine, auch wenn sich das so anfühlt. Unsere Briefe sind in einer großen Tageszeitung, der FAZ, veröffentlicht worden. Deutschland hat sich gerade entschieden, Frausein als Asylgrund für Afghaninnen zu akzeptieren. Und wieder möchte ich Mr. Mustermann sein und dir sagen: Komm doch einfach zu uns. Als ob daran irgendetwas einfach wäre! Und dann denke ich daran, dass du verheiratet bist. Und dass Deutschland gerade den Familiennachzug so gut wie abgeschafft hat.

Deine Schilderung, dass die Liebe zwischen dir und deinem Mann ein Widerstand gegen ein System ist, dem eure Ehe über Volksgruppen und Konventionen hinweg als Transgression erscheint, hat mich sehr berührt. Ich habe meinen Mann zwar nicht gegen den Widerstand der Gesellschaft, aber doch gegen den seiner Familie geheiratet. Er ist Brite und der erste Satz, den seine Mutter zu mir sagte, war: We used to have an empire, you know. Als ob wir ihnen das jemals vergessen würden. Ich dachte, sie würden sich irgendwann an die Idee gewöhnen, so wie meine Großeltern nach anfänglichen Protesten akzeptierten, dass meine Mutter einen Inder geheiratet hatte, und meinen Vater schließlich so sehr in ihr Herz schlossen, dass er auch noch nach der Scheidung meiner Eltern weiter zur Familie gehörte. Doch das passierte mit der Familie meines Mannes nicht. Sie ignorierten meine Anwesenheit in seinem Leben eisern. Und als er ihnen schließlich erklärte, dass nicht nur ich, sondern vor allem er darunter litt, brachen sie den Kontakt zu ihm ab. Zu diesem Zeitpunkt war seine Mutter bereits an undiagnostizierter Demenz erkrankt. All das wussten wir damals noch nicht. Ich hatte nur das Gefühl, dass meine Liebe ihn zu einem einsameren Menschen machte.

Manchmal wünschte ich mir, dass Politik nicht bis in unsere intimsten Beziehungen dringen würde. Doch dann ist die Trennung von Politik und Privatem, von Innen und Außen schon immer eine Lüge gewesen. Und der einzige Unterschied ist, dass sich manche Menschen entscheiden können, das nicht wahrzunehmen, während andere ständig damit konfrontiert sind.

Wie seid ihr mit dem Druck umgegangen, der auf euch ausgeübt wurde? Wie wirkt sich die aktuelle politische Situation auf eure Ehe aus? Vielleicht kommen wir doch noch dazu, über Liebe zu reden.

 

Deine Freundin

Mithu

 

PS: Gandhi ist trotz alledem wichtig. Denn er hatte bei all seinen Fehlern – und ich habe noch gar nicht angefangen, sie alle aufzuzählen – eine Fähigkeit, die uns heute so oft fehlt: Er musste Menschen nicht gleich machen, um mit ihnen zusammen arbeiten und kämpfen zu können, er war in der Lage, die anderen anders sein zu lassen.

 

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