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In Erwartung deines Briefes… – Brief 3

Parand (Pseudonym) an Mithu Sanyal, Kabul, 29. September 2024

Übersetzung: Bianca Gackstatter aus dem Persischen

 

„Die afghanischen Frauen hätten nicht gedacht, dass sie nach zwanzig Jahren Kampf für die Demokratie und für ihre Rechte noch einmal von solchen Zeiten heimgesucht werden würden.“ © Corporal Vilius Džiavečka, Lithuania/Flickr, Mädchen in der Schule, Chagcharan, Provinz Ghowr (2007).

Liebe Mithu,

ich habe deinen Brief so sehr herbeigesehnt, dass ich dir schon eine E-Mail schicken und fragen wollte, wann er denn ankommt, aber ich habe mich zurückgehalten. Und dann eines Tages, als ich draußen unterwegs war und das Handy nicht bei mir hatte, war er da! Als ich nach Hause zurückgekehrt und gerade dabei war, meinen Tschador und die Maske abzulegen – die Maske soll einer Corona-Infektion vorbeugen und beim Einatmen der verschmutzten Luft schützen, sie ist inzwischen zu einem festen Bestandteil der Verschleierung geworden –  da sah ich auf meinem Handybildschirm einen Umschlag, der eine neue E-Mail ankündigte. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass dies ja ein Brief von dir sein könnte – und so war es. Vielleicht fragst du dich, warum ich mein Telefon nicht mitgenommen hatte. Die Antwort ist, dass die Taliban-Führung vor Kurzem haarsträubend strenge Gesetze gegen Frauen erlassen hat, deren Befolgung von sogenannten „Muhtasib“ kontrolliert wird: Männern in weißen Roben, mit langen schwarzen Bärten und Adleraugen, auf der Jagd nach Beute. Aus Angst vor ihnen war ich ohne mein Handy losgegangen. Ich stellte mir nämlich vor, dass sie mich festnehmen könnten, wenn meine Verschleierung ihren Ansprüchen nicht genügen sollte, und dass sie dann sicherlich mein Handy durchsuchen würden. Allein schon der Gedanke daran, dass sie deinen Brief finden könnten, den Brief einer ausländischen Staatsbürgerin, und dies auch noch zusammen mit Texten, die voller Kritik am Umgang der Taliban-Führung mit Frauen sind, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Deshalb nahm ich es also lieber nicht mit. Eine meiner Freundinnen hat mir gesagt, die Taliban hätten eine neue Software, die ihnen, sobald sie sie auf dem Handy installiert haben, sämtliche Informationen und virtuellen Aktivitäten der betreffenden Person anzeigen. Ich selbst habe dergleichen zwar noch nie erlebt. Aber ich versuche trotzdem, solche Gerüchte ernst zu nehmen, denn später entpuppen sie sich häufig doch als wahr.

Dein Brief, liebe Mithu, ist sehr schön und ich habe ihn gleich mehrere Male gelesen. Jedes Mal stellte ich mir deinen Vater in der Gestalt und im Gewand von Mahatma Gandhi vor, dem Mann, der Indien aus der Unterdrückung befreite und den Inbegriff eines guten Anführers darstellt. So sehr ich mich auch bemühte, mir ein anderes Bild von ihm zu machen, es gelang mir nicht. Ich sah ihn mit der Freundlichkeit und Bescheidenheit Mahatma Gandhis in seinem Rollstuhl vor mir, wie er lächelnd sagt: „In Indien lebt sowieso niemand mehr, den ich besuchen könnte.“ Und dabei wehmütig in die Ferne blickt, sich vielleicht seine große asiatische Verwandtschaft und deren tiefe familiäre Verbundenheit vorstellt und Recht damit hat. Rumi, der berühmte Dichter der persischsprachigen Welt, schreibt in seinem Buch „Masnavi“ in einem Gedicht über die Rückkehr zu seinen Wurzeln: „Jeder, der weit von seinem Ursprung entfernt ist,/ sehnt sich danach, wieder mit ihm vereint zu sein.“ Das bedeutet also, dass jeder Mensch, der sich zu weit von den eigenen Wurzeln – ob hinsichtlich des Glaubens, des Familienverbunds oder der Heimat – entfernt hat, eines Tages wieder danach suchen wird. Auch wenn dein Vater physisch in Deutschland lebt, so ist sein Geist doch auf der Suche nach seinen Wurzeln, seiner indischen Heimat, seinem geliebten Kolkata. Meiner Ansicht nach sind diejenigen, die keine Möglichkeit haben, ihren Heimatort und ihre Verwandten jemals wiederzusehen, aber mit ihrem Herzen doch ständig bei ihnen sind, die hoffnungslosesten Menschen der Welt. Du hast auch von den Diskriminierungserfahrungen deines Vaters gesprochen, dem gemeinsamen Leid der meisten Menschen, die Migration und die Trennung von ihrer Heimat erlebt haben. Manchmal überkommt mich ein kindlicher Wunsch: Ich wünsche mir dann, die ganze Welt wäre ein Land. Alle Menschen würden einander unabhängig von ihrer Abstammung und ihrem Glauben respektieren und es gäbe keine Grenzen, keine dieser selbstgeschaffenen Trennungslinien, die ja häufig mentaler Natur sind. Tief in meinem Inneren weiß ich natürlich, dass es nicht die Unterschiede bezüglich ihrer Abstammung und ihrer Religion sind, die die Menschen auseinanderbringen, sondern die zerstörerische Gier und die schrankenlosen Begehrlichkeiten einiger Politiker und Machthaber, die allem Etiketten aufkleben, um die Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Dein Vater, dein Mann und Millionen anderer Menschen schlugen sich wahrscheinlich schon mit der Problematik dieser Trennlinien herum oder tun es immer noch.

Ich habe oben die nochmal verschärften Beschränkungen der Taliban gegenüber uns Frauen angesprochen. Sie haben den Frauen dieses Landes die Ruhe und den Schlaf geraubt. Das erste Mal kamen die Taliban an die Macht, als ich dreizehn Jahre alt war. Ich musste mich verschleiern, was mir überhaupt nicht gefiel. Ich war ein Teenager und wollte nicht, dass andere über meine Kleidung bestimmten. Mehrmals ging ich nur mit einem Kopftuch raus und wurde dann von einem Talib mit der Peitsche geschlagen. Die Angst, die ich damals erlebte, hat sich für mich zu einem Albtraum verdichtet und verfolgt mich noch Jahre später. Wie oft träume ich, dass ich ohne Hidschab und mit unbedecktem Kopf aus dem Haus gehe und derselbe Talib mit der Peitsche hinter mir her ist, um mich zu schlagen. Sogar während der Zeit der Republik, als die Taliban-Herrschaft weit weg war, verfolgte mich dieser Albtraum noch. Und jetzt gibt es also erneut Beschränkungen. Jedes Mal denke ich, es kann nicht noch schlimmer werden, aber der Extremismus kennt keine Grenzen! In den meisten Ländern haben tyrannische Anführer ihre Machtposition genutzt und verschiedene Gruppen von Menschen zu Geiseln ihrer negativen Überzeugungen und Ideologien gemacht, um ihr Programm durchzusetzen. In Afghanistan aber sind die Anführer noch weiter gegangen und haben gleich alle Menschen eines Geschlechts als Geiseln genommen.

Die afghanischen Frauen hätten nicht gedacht, dass sie nach zwanzig Jahren Kampf für die Demokratie und für ihre Rechte noch einmal von solchen Zeiten heimgesucht werden würden. Wir waren optimistisch und sahen am gar nicht mehr so fernen Horizont bereits, wie unsere Ideale aufblühten und wir unsere Ziele erreichten: Gleichberechtigung und Teilhabe auf sozialer, politischer und rechtlicher Ebene. Doch wir wurden bitter enttäuscht. Vor lauter Freude über das Licht am Horizont übersahen wir die Mauer, die sich vor uns aufbaute. Als die ausländischen Truppen aus Afghanistan abzogen und das Land an die Taliban fiel, erreichte diese Mauer eine solche Höhe, dass wir den Horizont nicht länger sehen konnten. Diese Mauer war mit Speeren gespickt, die wir in der Eile, an unser Ziel zu gelangen, übersehen hatten. Nun durchbohrten sie unsere Körper und unsere Kehlen. Keine unserer Stimmen sollte mehr zu hören sein. Laut der jüngsten Anordnung der Taliban-Führung zählt jetzt neben unseren Händen, unserem Gesicht und unserem Körper auch unsere Stimme zu unserem Schambereich, „aurat“ – als „aurat“ werden im Islam diejenigen Körperteile von Frauen bezeichnet, die in der Öffentlichkeit bedeckt sein müssen; Hände, Gesicht und Füße vom Knöchel abwärts sind normalerweise von dieser Regel ausgenommen. Im Käfig eingesperrte Vögel haben immerhin noch das Recht zu singen, wir nicht. Von Kopf bis Fuß in schwarze Kleidung eingehüllt, die Türen von Schulen und Büros vor uns verschlossen, die Proteste der Vergangenheit inzwischen verboten, sind wir nun an dem Punkt angelangt, dass wir nicht einmal mehr das Recht haben zu sprechen! Das ist so eintönig! Unser Leben ist noch langweiliger als das der Hühner im Käfig.

Doch trotz all dieser Probleme und Repressionen haben die afghanischen Frauen ihre Moral noch nicht verloren. Wir hoffen, dass unsere Stimmen eines Tages gehört werden und jede von uns aus der immer weiter anwachsenden Unterdrückung befreit wird, die die Wurzeln eines ganzen Geschlechts in unserer Gesellschaft am Wachsen hindern will. Alle afghanischen Frauen, ob im Ausland oder in Afghanistan, bemühen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Positionen und sagen Nein zu der feindlichen Strömung, von der sie umschlossen sind. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock sagte jüngst in einer Rede, dass weitere Länder zugestimmt haben, gegen die Taliban Anklage zu erheben, weil sie die Frauen allein wegen ihres Geschlechts unterdrücken. Das zeigt uns, dass der Kampf der afghanischen Frauen für ihre Grundrechte nicht umsonst ist und auch international gesehen wird.

Liebe Mithu, du sagtest, dass du in deinem nächsten Brief über die Auswirkungen politischer Themen auf die Liebe schreiben wirst. Das ist ein großartiges Thema. Auch ich gehöre zu den Frauen, die sich den allgemeinen Bräuchen der Gesellschaft entgegengestellt haben, indem sie einen Mann heirateten, der einer anderen Volksgruppe und Konfession angehört. Es ist manchmal schwierig, sich gegenüber den Menschen zu behaupten, die unsere Verbindung ablehnen. Aber mein Mann und ich widersetzen uns standhaft den überholten, menschengemachten Klischees einer Handvoll egoistischer und hasserfüllter Männer und leisten Widerstand.

Ich wünsche dir alles Glück der Welt!

Parand

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