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Egeno

Stella Gaitano
WEITER SCHREIBEN, Stella Gaitano,
© Hélène Amouzou, Schwarz-Weiß Fotografie, Titel: Self-portrait (2008-2014)

Sie kam ihm näher, um mehr über sich selbst zu erfahren. Sie bot ihm etwas zu essen an. Sie wollte wissen, was es mit dem Tod ihrer Kinder und mit ihrem eigenen Schicksal auf sich hatte. Doch er schwieg. Als er endgültig verschwand, trug sie sein Kind unter ihrem Herzen. Nach seinem Verschwinden benannten die Bewohner das Dorf nach ihm, er war sein Markenzeichen geworden. Bis heute ist es unter dem Namen Dorf des Majnun (Dorf des Irren) bekannt.

Als Egeno auf der Welt war, zog sich Ido zurück und ließ ihre Tochter unter den Dorfbewohnern aufwachsen. Sie hatte sie sanft aus dem Haus befördert, um sie vor der Traurigkeit zu bewahren. Elga hatte sie gestillt, um sich für eine gute Tat zu revanchieren. Laufen lernte Egeno mit den anderen Kindern, und wenn die Müdigkeit sie überkam, legte sie sich schlafen, ganz gleich wo sie sich gerade befand. Ido ignorierte ihre Tochter und vermisste sie nie; sie war zu sehr damit beschäftigt, Kraft zu sammeln, um sie nicht zu betrauern, wenn sie einmal, wie alle ihre anderen Kinder, sterben sollte.

Egeno war der Mittelpunkt des Dorfes. Alle riefen sie zu sich, spielten mit ihr, gaben ihr die besten Kleider, das beste Essen und Liebe. Es fehlte ihr an nichts: Sie litt nicht an Hunger, sie lief nicht barfuß oder unbekleidet wie viele andere Kinder im Dorf, die nur an den Feiertagen brauchbare oder gar neue Kleider trugen. Sie war kein trauriges Kind.

Als Egeno in die Pubertät kam, half sie den Frauen im Dorf, als wären es ihre Mütter. Sie trug das Wasser aus dem naheliegenden Fluss und füllte es in Krüge und Behälter. Sie übernahm das Kochen für andere, passte auf die Kinder auf, wenn ihre Mütter auf dem Feld arbeiteten oder Holz sammelten. Sie trug Babys auf ihrem Rücken, von denen sie weder den Namen noch den ihrer Mütter kannte. Sie war wie ein Baum oder ein Pflock, an dem man seine Tiere festbindet, wenn man etwas zu erledigen hat. Die Mütter banden ihr ihre Kinder mit einem Tuch auf dem Rücken fest, und so hingen Stoffzipfel herunter, während sie mit gebücktem Rücken umherlief und mit anderen Kindern spielte.

Man nannte es Babysitting. Die Kinder weinten, pinkelten, erledigten ihr großes Geschäft und manchmal schliefen sie auch auf ihrem Rücken ein. Egeno wartete, bis die Mütter zurückkamen, und ließ sich dann von ihnen mit den Kindern waschen und umziehen. Für sie gab es in jedem Haus Kleider und eine Schlafmöglichkeit. In jedem Haus fand sich etwas von ihr und für sie, denn sie durfte in jedem Haus schlafen, sich waschen und essen. Ihre Mutter sagte im Geheimen, sie habe die Verrücktheit ihres Vaters geerbt.

Ihr Name ist nicht besonders schön, doch es war ihr gelungen, daraus etwas Schönes zu machen.[1] Für einige war ihr Name sogar das schönste überhaupt vorstellbare Wort. Viele Frauen wollten ihren Töchtern diesen Namen geben, selbst jenen, die schon älter waren. Sie wünschten sich, dass ihre Töchter würden wie Egeno: gehorsam, fleißig, geduldig, nicht wehleidig und schön. Der Name wurde so häufig vergeben, dass fast das ganze Dorf antwortete, wenn er gerufen wurde. Rief jemand also „Egeno?“, schallte es von überall zurück: „Jooooo!“ Das Echo weckte die Vögel und vertrieb sie aus ihren Nestern in den Baumkronen. Als irgendwann niemand mehr antwortete, weil alle dachten, sie wären nicht gemeint, entschied man im Dorf, dem Vornamen den Namen der Mutter hinzuzufügen, um die Mädchen auseinanderzuhalten. Nur Egeno selbst blieb ohne Mutternamen.

Ihre Mutter hatte ihre Hütte nie wieder verlassen, seit sie von dem Irren verlassen worden war und unter Morgenübelkeit und Schwindel gelitten hatte. Damals hatte sie schwere Zeiten durchlebt, ihre Schwangerschaft war mühselig und der Irre hatte sie mit dem Virus der Apathie infiziert. Sie vernachlässigte sich und ihr Haus, trug Lumpen und bewohnte weiter ihre Hütte ohne festen Boden, in der die Wände feucht und voller Ungeziefer waren und voller Risse, in denen Eidechsen hausten. Sonnenlicht strahlte nur durch diese Löcher und Risse herein und es roch verwest.

Manchmal saß sie bis zum Sonnenuntergang auf der Türschwelle und ging abends auf eine Weise in ihre Hütte, als wolle sie einen Mann anlocken, ihr zu folgen und mit ihr in die Sphären der Liebe, der Ekstase, des Todes und der Entstehung des Lebens einzudringen. Sie war nicht verrückt, aber sie liebte die Verrücktheit. Deswegen hatte sie auch die stille Verrücktheit von Egenos Vater geliebt, bevor er ihr Herz, ihren Verstand und ihre Seele gestohlen hatte und im Nirgendwo verschwunden war. Von Zeit zu Zeit kamen ihre beiden Freundinnen, die sich mit ihren Besuchen abwechselten. Beide waren der Ansicht, dass Idos Traurigkeit sich immer wieder erneuern würde, weil eine Mutter, die ein Kind verloren hatte, ihr Leben lang trauerte und umso sehr, wenn mehrere Kinder gestorben waren, nachdem sie geboren wurden und einen Namen bekommen hatten.

Ido aber sprach nicht viel mit ihren Freundinnen, und so glaubten die beiden Frauen, sie wäre wirklich verrückt geworden, und beschlossen, sie in ihrer Welt in Ruhe zu lassen. Sie waren überzeugt, dass Verrückte ihre Einsamkeit liebten und es nicht mochten, wenn andere in ihr Leben eindringen, und dass Verrückte die sogenannten Vernünftigen nur als Störfaktoren ansahen. So begnügten sie sich damit, die Hütte ihrer verrückten Freundin sauber zu halten, sie mit Wasser und Essen zu versorgen und ansonsten darauf zu achten, dass sie in ihrem Alltag in Ruhe gelassen wurde.

Ido beobachtete die Dorfbewohner durch die Ritzen in den Wänden ihrer Hütte. Sie beobachtete auch ihre Tochter und war bemüht, sie aus der Ferne in Schutz zu hüllen. Sie wollte die Dorfbewohner von ihr fernhalten und deren Interesse an ihr zerstreuen. Sie sah, wie die Dorfbewohner die Liebe zu ihrer Tochter fast feierlich zelebrierten, sie sah aber auch den Vater in ihrer Tochter und freute sich insgeheim, dass sie ihn in ihr wiedergeboren hatte und dass sie wie er das Interesse und die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zog. Sie verhandelte mit dem Tod, dass er ihrer Tochter nicht nahekam. Und sie überlegte, ob sie es vielleicht selbst war, die ihren Kindern den Tod brachte. Vielleicht war sie eine verirrte Hexe, die nicht wusste, dass sie aus Liebe die eigenen Kinder tötete?

Das Moos in ihrer Hütte und das Gras im Hof wucherten immer weiter, während sie weiter in Zurückgezogenheit lebte. Irgendwann war selbst der Eingang ihrer Hütte so zugewachsen, dass man sie kaum noch sah, wenn sie dort saß. Die kleinen Gräber ihrer Kinder waren ebenfalls im Grünen versunken und nicht einmal mehr erkennbar. So blieb es, bis einer der Nachbarn sich bereit erklärte, das Gras zu mähen, damit sich weniger Mücken, Schlangen, Hyänen und sonstiges Getier dort ansammelten.

An einem Tag saß sie wie immer in ihrer Hütte, als sie plötzlich laute Schreie und Geheul hörte. Mit dem einen Auge, mit dem sie alles im Blick behielt, sah sie durch die Ritzen, wie die Menschen an ihrer Hütte vorbei rannten. Es war Egeno, die vom Baum gefallen war und sich dabei einige Brüche zugezogen hatte. Plötzlich durchfuhr ihr Auge ein Blitz, sie sprang auf und begann mit einer Gestalt zu sprechen, die nur sie sah: „Haben wir nicht vereinbart, dass du sie in Ruhe lässt?!“ Ihr Feind, der Tod, stand ihr gegenüber.

Sie öffnete die Tür und schoss wie ein Pfeil aus der Hütte, als würde ihr Herz aus der Brust springen und sie ihm folgen. Sie lief so schnell zur Unfallstelle, als wäre der Teufel hinter ihr her, und ließ alle hinter sich. Mit ihrem großen hageren Körper sah sie aus wie ein kranker Papayabaum. Sie fand ihre Tochter auf dem Boden liegend, das Gesicht nach unten gedreht, mit gebrochenen Knochen, schnaufend wie ein Stier.

Der Anblick ihrer verletzten Tochter brachte sie wieder zur Besinnung. Plötzlich war sie vollkommen gegenwärtig. Sie gebot allen anderen, sich ihrer Tochter nicht zu nähern, und die Bewohner des Dorfes respektierten, dass eine Mutter in der Stunde des Todes ihrer Tochter am nächsten sein sollte. Man hörte sie zum ersten Mal ihre Tochter rufen: „Egeno, meine Tochter!“ Aus ihrer Stimme klang die Liebe einer gebrochenen Mutter. Und sie klang, als würde sie den Tod herausfordern. Diese Mutter, die sich daran gewöhnt hatte, Kinder zu verlieren, beugte sich nun über ihre Tochter und flüsterte ihr zu: „Ich berühre dich, um zu schauen, wo es weh tut. Du musst nur mit den Augen zu blinzeln.“ Egeno blinzelte häufig und ihre Mutter renkte ihr einen Knochen nach dem anderen ein, bis sie einigermaßen wiederhergestellt war.

Während sie ihre Tochter einrenkte, dachte sie: Der Mensch muss in angemessener Form sterben. Arm und Bein ihrer Tochter waren gebrochen und ihr Hals verrenkt. Im Gesicht hatten die Äste ihr zahlreiche Prellungen und Verletzungen zugefügt. Im Oberkiefer fehlten zwei Zähne. Sie trug ihre Tochter mit Hilfe der anderen auf einer Holzbahre in ihre Hütte wie ein soeben erlegtes Tier. Zu Hause schickte sie alle weg, sammelte ihre Kräfte und Erfahrungen, knetete einen Lehmteig aus schwarzer Erde, umwickelte den Arm und das Bein ihrer Tochter damit und renkte ihren Hals ein. Dann umhüllte sie sie mit Lehm, so dass sie nur noch ihre Augen bewegen konnte. Den restlichen Lehm verbreitete sie auf dem Boden und schloss die Ritzen in den Wänden, um schlechte Gerüche und Ungeziefer fernzuhalten. Sie entfernte die alten Fetzen, mit denen sie die Luke zugestopft hatte, so dass nun die Sonne in die Hütte strahlte. Dann ging sie zum Fluss und wusch sich, um frisch und sauber zu sein für die Betreuung ihrer Tochter.

Sie ließ Egeno so lange in diesem Zustand, bis der Lehm getrocknet war. Mehrere Tage lang beobachtete sie geduldig ihren Genesungsprozess und legte sich nachts neben sie schlafen, als würde sie an einem Grab liegen. Sie umarmte sie und erzählte ihr alte Geschichten, zum Beispiel die Geschichte des Sultans, der sich in Rauch verwandelt hatte und mit seiner Frau auf dem Rücken davongeflogen war, nachdem die Dorfbewohner herausgefunden hatten, dass er ihre Kinder getötet und ihre Lebern verspeist hatte. Oder die Geschichte des klugen Hasen Ongi, der einen Streich nach dem anderen spielte. So hatte er einmal alle dazu aufgerufen, es ihm nachzutun und ihre Mütter loszuwerden. Dabei hatte er seine Mutter nur auf einem hohen Baum versteckt und brachte ihr heimlich Essen und Wasser. Als die Hasen ihm auf die Schliche kamen, beschlossen sie, seine Mutter heimlich zu beseitigen. Er suchte sie vergeblich. Wenn er beim Rat der Weisen saß und sich an der Feuerstelle wärmte, war er traurig und weinte. Wurde er gefragt, was mit ihm sei, sagte er: „Es ist der beißende Rauch.“ Die Hasen vernahmen dies mit heimlicher Freude. Sie hatten sich an ihm und seiner Mutter gerächt.

Nach wenigen Tagen begann Egeno mit ihrer Mutter zu reden und ihre Zärtlichkeiten zu genießen. Sie erzählte ihr, wie sie vom Baum gefallen war, und lachte mit ihr, während beide die Schildkröten- und Fischsuppe schlürften. Ido spürte, dass ihre Tochter zu genesen begann und keine Schmerzen mehr hatte. Ihr Lachen war das Zeichen, dass die Wunden geheilt waren; geblieben waren nur die Narben und die Freude am Erzählen. Als nach wenigen Tagen das Lachen immer lauter wurde und Egenos Körper immer stärker juckte und kribbelte, brach die Mutter den Lehmpanzer auf und half ihr, wieder auf die Beine zu kommen. Von diesem Tage an blieben sie unzertrennlich.

 

Irgendwann kamen die Missionare. Egeno sollte auf den Namen Lucy getauft werden und mit ihr all die anderen Mädchen, die Egeno hießen. Ido aber lehnte die Umbenennung ihrer Tochter ab und auch ihren eigenen Namen wollte sie behalten und der Tochter mitgeben. Sie sagte dem Missionar: „Ich trage den Namen unserer Urgroßmutter. Wenn ich meinen Namen ändere, geht er verloren, fürchte ich. Wie Sie wissen, habe ich keine Söhne. Wenn ich meinen Namen ändere, verschwindet der Familienname mit Sicherheit für immer und das wird Gott bestimmt nicht gefallen.“

In einer regnerischen und feuchten Nacht erklärte sie ihrer Tochter diese Entscheidung: „Hätte ich meinen Namen geändert, würde mich Gott womöglich nicht wiedererkennen, wenn ich ihm entgegentrete, und ich fürchte, dass ich ihn dann nicht nach den Kindern fragen könnte, die er mir genommen hat.“

Am Ende willigte sie für sich selbst ein, den christlichen Namen in Verbindung mit ihrem ursprünglichen Namen anzunehmen, und hieß fortan Maria-Ido. Auch alle anderen im Dorf führten seither Doppelnamen wie Nadel und Faden: Marta-Esai oder Rebecca-Elega; nur Lucy wurde zum Synonym für Egeno.

Viele Jahre später war der Name Egeno bei den Menschen in Vergessenheit geraten, denn sie war mit ihrem Mann in die große Stadt gezogen. Der Name Lucy dagegen blieb wie der Name einer Heiligen. Spricht aber jemand die Großmütter im Dorf auf Lucy an, so antworten sie: „Gut, Egeno, geh und hol mir ein bisschen Wasser!“

 

Der Text ist ein Auszug aus dem Roman „Idos Seelen“ (2018).

[1] Der Name Egeno bedeutet „Die, die viel pupst“. In einem vorigen Kapitel wird erzählt, dass Ido ihrer Tochter diesen Namen gab, um den Tod abzuschrecken. (A.d.Ü.)

 

– Die Flucht vor dem MonatslohnLesenالهروب من الراتب

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