Dort, wo die Gewässer schlafen

Die Menschen glauben, wir sähen die Welt nur mit unseren Augen. Doch wir nehmen sie auch über Düfte wahr, über die farbigen Schwingungen, die die Seelen umgeben, über die leisen Geräusche, die aus Zeit und Schmerz durchklingen. Vor neun Jahren stand ich in dem Land, in dem ich geboren wurde, am Rand der Dunkelheit. Meine Augen waren von Krankheit verschlossen, die Welt war für mich versiegelt.
Dann kam sie.
Ihre Berührung war Heilung. Sie zog mich aus dieser Dunkelheit und gab meiner schwächer werdenden Seele mit Beharrlichkeit und Liebe neue Kraft. Als sich meine Augen wieder öffneten, war das Erste, was ich sah, jenes tiefe, klare Licht in ihrer Seele.
Seit jeher sind Frauen und Katzen, fern vom Lärm der Welt, auf einer stillen, intuitiven Ebene miteinander verbunden. Diese Frau war mehr als nur ein Mensch, in dessen Schoß ich mich zusammenrollte. Sie war eine Heilerin, die trotz all des Leids dieser Welt noch immer Mitgefühl schenken konnte. Und ich war ihr Gewissen – frei von Worten. Von diesem Tag an wurden meine Augen zu ihrem Spiegel in der Welt.
Als sie mich fand und mit ihren fürsorglichen Händen an sich nahm, hielt sie mich wegen meiner Zartheit für ein Mädchen. In ihren Augen war ich die Tochter, die nach ihren beiden Söhnen in ihr Haus gekommen war. Sie gab mir den Namen Lili. Als sie einen Monat später erkannte, dass ich in Wirklichkeit ein Junge und nun ihr dritter Sohn war, mussten wir beide viel lachen. Sie wollte meinen Namen ändern und mich mit einem männlichen Namen rufen. Doch ich war längst an jene ersten Silben gebunden, die über ihre Lippen gekommen waren, an dieses erste Band der Liebe. Auf keinen anderen Namen reagierte ich. Ich drehte mich nicht einmal um. Mein Name sollte der bleiben, den sie mir in jenem Augenblick gegeben hatte, als sie mir zum ersten Mal Leben einhauchte: Lili.
Ich war ein Junge, aber eine Lili, die Zuflucht in der Seele einer Frau gefunden hatte, gebadet in ihrer weiblichen Energie und in der Heilkraft ihres Wassers … In jenem uralten, warmen Land teilten wir unser Leben miteinander. Jeden Morgen musste sie noch vor ihren beiden Söhnen mir als Erstem „Guten Morgen“ sagen; ich musste der Erste sein, der ihren Duft einatmete.
Im Haus verschmolz mein Schatten mit ihrem. Während sie putzte, lief ich ihr hinterher. Wenn sie sich an den Tisch setzte und ihre großen Bücher aufschlug, ließ ich meinen Blick über die Seiten wandern und las die Zeilen mit ihr. Und wenn sie einen Stift zur Hand nahm und zu schreiben begann, konnte ich mich nicht beherrschen: Um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, stibitzte ich ihr die magischen Stifte mit meiner Pfote und lief damit davon.
Ich war ein Wesen, das Blumen liebte. Bei jeder neuen Blume, die ins Haus kam, war ich der Erste, der sie berührte und ihre Blätter mit meinem Duft begrüßte.
Unser Rhythmus war der schönste der Welt. Schon wenn sie am Ende der Straße angekommen war, spürte ich kilometerweit entfernt den heilenden Klang ihrer Schritte, der keinem anderen auf der Welt glich. Voller Vorfreude schlüpfte ich hinter die Tür und wartete darauf, dass sie nach Hause kam.
Frauen und Katzen – wir waren die unsichtbaren Bewohner dieser Welt. Wir beide sprachen jene uralte Sprache, mit der man den Schmerz in der Luft, im Wasser und selbst in den Rissen eines Steins lesen konnte. Doch eines Tages senkte sich ein nebliger, schwerer Winter über das Leben meiner Menschin. Wir befanden uns mitten in einem stillen, erbarmungslosen Krieg, der gegen ihre Identität, ihre Sprache und ihre Existenz geführt wurde.
Gemeinsam mit ihr spürte ich das kalte Klappern in den Gängen des Gerichtsgebäudes, den Schatten jener dunklen Gefängnismauern und die Todesgefahr, die ihr ständig im Nacken saß. Während über die Seele meiner Menschin Gericht gehalten wurde und sie zwischen vier Wänden um Atem rang, spürte ich jeden Schmerz, der ihr durch das Herz zog, noch bevor sie ihn in Worte fassen konnte – am Aufrichten der Haare in ihrem Nacken. Dann begann ich, leise zu schnurren, als könnte mein Schnurren diesen Schmerz lindern.
Dieser unsichtbare, doch tödliche Krieg riss uns aus unserem Zuhause, von jenen sonnigen Straßen, von meinen Stunden des Wartens hinter der Tür und trennte uns von unseren Wurzeln. Wir machten uns auf jenen langen, unbekannten Weg, den sie „Exil“ nannten, und ließen eine Vergangenheit zurück, die hinter Gittern gefangen blieb. Als ihr dritter Sohn folgte ich ihr über Grenzen hinweg bis in diese nördliche Stadt. Hier war alles grau, immer kalt und immer regnerisch. In dieser fremden Stadt, die uns die Sonne vermissen und die Farbe des Himmels vergessen ließ, verbrachten wir drei ganze Jahre zwischen den stillen Mauern des Exils.
Ich liebte die Wärme. Am meisten vermisste ich die Sonne jener warmen Erde, aus der wir stammten. Deshalb hockte ich mich an das Fenster der Wohnung und starrte stundenlang hinaus, in der Hoffnung, dass vielleicht ein Sonnenstrahl hereinfallen würde. Ich beobachtete die Menschen, die unten vorübergingen: die Fremdheit in ihren Gesichtern, den Lauf jener sicheren Leben, die nicht die unseren waren. Ich sah sie stets mit einem traurigen, fernen Blick an.
Doch eigentlich beobachtete ich an diesem Fenster nicht nur die Straße, sondern auch die Seele meiner Menschin. Das schwere Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, und ihre vergeblichen Versuche, in dieser regnerischen Erde Wurzeln zu schlagen, trug ich selbst in meiner Brust. Die unaussprechliche Last, im eigenen Land gefangen und im fremden Land im Exil zu sein, teilten wir beide in jenem Zimmer, während wir hinaus auf die graue Welt blickten. Dieses Fenster war unser Zufluchtsort vor der fremden Welt – und zugleich Zeuge unserer nie enden wollenden Entwurzelung. Mit dem kleinen Eichhörnchen, das auf den Balkon dieser von Bäumen umgebenen Wohnanlage kam, hatten wir ein stilles Abkommen. Ich hielt drinnen Wache, es draußen vor meinem Fenster. So hielten wir im Exil die Zeit, den Ort, die immer größer werdende Entfremdung und unsere Sehnsucht nach einem Zuhause fest.
Es war, als trüge ich jene alten Zeiten in meinem Blut, in denen Großmütter, während sie ihre Sprache und ihre Heimat verloren, Zuflucht bei ihren Katzen suchten. Wir waren wie die letzten Vertreter jener Frauen, die die Geschichte vergessen hatte, und ihrer treuen Vertrauten, die im Wind fremder Länder umhergetrieben wurden.
Bis zu meinem letzten Atemzug hörte ich auch in jenem fremden Zuhause nicht auf, ihre Stifte zu stibitzen, meinen Blick über die Seiten ihrer Bücher wandern zu lassen und hinter die Tür zu laufen, sobald sie am Ende der Straße auftauchte. Indem ich mich an unsere alten, schönen Gewohnheiten klammerte, versuchte ich, aus dem Exil ein Zuhause für uns zu machen.
Dann kam jener Maitag. Es war unser vierter Mai im Exil – und ausgerechnet der vierte Mai. Eine Kollision der Vieren. War es ein Auseinanderbrechen der vier Elemente, aus denen die Welt geschaffen ist? Ich weiß es nicht. Die Müdigkeit der Vergangenheit, die Schwere des Exils und dieses Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, wurden plötzlich zu schwer für meinen kleinen Körper. Ich spürte, wie der Lebensstrom in mir langsamer wurde und die Erde mich zurückrief.
Ich sah mit meiner Seele, wie meine Menschin verzweifelt um mich kämpfte, von Tür zu Tür ging, um mich zu retten, und dabei den Schmerz in ihrem Herzen trug. Dies war nicht unser Land. Die Menschen hier waren blind für uns, für unsere Sprache, unsere Geschichte und letztlich auch für unseren Schmerz. Die Gleichgültigkeit und Kälte, die aus den Türen der Kliniken drang, an die sie geklopft hatte, waren die greifbarste und schmerzhafteste Verkörperung jener Fremdheit, die ich drei Jahre lang vom Fenster aus beobachtet hatte. Das Exil hatte uns nicht nur unseres Zuhauses beraubt; es hatte uns in unserer verzweifeltesten Stunde auch ganz allein gelassen.
Stunden später legte eine Tierärztin ihre Hand auf meinen Körper – eine Frau, deren Seele ebenso verwundet war, die aus einem anderen Krieg in ihrer Heimat, aus der Ukraine, geflohen war. Mit einem Mitgefühl, das Grenzen überwand, und in der gemeinsamen Erfahrung des Schicksals im Exil kämpfte sie um mich. Doch es war bereits zu spät. Ich wusste es. Es war Zeit zu gehen.
Kurz vor meinem Tod schloss ich langsam die Augen, um die fremde, erbarmungslose Welt um mich herum nicht länger in mir tragen zu müssen – jene kalte Menge von Menschen, die ich jahrelang traurig von meinem Fenster aus beobachtet hatte. Meine Augen, die sich vor neun Jahren durch ihre Heilung geöffnet hatten, versanken erneut in einer unerbittlichen Dunkelheit. Ich weigerte mich, das grausame Gesicht der Welt und diese tiefe Fremdheit noch länger zu sehen, und kehrte zu jener edlen Blindheit zurück, an jenen Ort, an dem alles begonnen hatte.
Als sie mich in den Schoß dieses tiefen, stillen Waldes, an das Ufer jenes kleinen Sees bettete, fiel jede ihrer Tränen auf meine Seele. In diesem Augenblick, als sie mich der kalten Erde anvertraute, spürte ich den gewaltigen, uralten Schrei, der aus der Brust meiner Menschin aufstieg. Doch diese Tränen galten nicht nur mir. In jeder einzelnen lag auch der Schmerz ihrer Geschwister, die sie in ihrer Heimat wegen jenes erbarmungslosen Krieges der Erde hatte überlassen müssen. Wohin sie auch ging, in welchem Land sie auch Zuflucht suchte – ihr Herz sah in der Erde selbst einen unerbittlichen Feind, der ihr immer wieder die Wesen entriss, die sie am meisten liebte.
Und in diesem Augenblick spürte ich in ihrer Seele auch die Welle jener giftigen, zerstörerischen Schuld, die sich hinter ihrem Schrei verbarg. Sie quälte sich selbst erbarmungslos wegen ihrer eigenen Entscheidungen. Ein anhaltendes Bedauern nagte an ihr: Hätte sie trotz all der Gerichtsverfahren und Repressionen in ihrem warmen Zuhause bleiben und allem standhalten können, dann würde ich heute vielleicht noch atmen. Sie verurteilte sich selbst bei dem Gedanken, dass sie in unseren vertrauten Straßen innerhalb weniger Sekunden eine helfende Hand gefunden hätte und wir nicht in den fremden, eiskalten Kliniken verloren gewesen wären. Sie glaubte, dass sie mich selbst zu diesem Ende geführt hatte, indem sie mich aus jenem sonnigen Land herausgerissen und unter den kalten Regen des Nordens gebracht hatte. Sie glaubte, den hohen Preis ihres Exils mit meinem kleinen Leben bezahlt zu haben.
Ach, meine schöne Menschin, sie wusste es nicht.
Das Exil war unser Schicksal. Doch der Tod war ein edles Siegel, das die Zeit längst für uns gesetzt hatte.
Als ich unter die Erde und unter das Wasser hinabstieg, verstand ich: Dies war nicht einfach nur ein See. In der dunklen, tiefen Erinnerung des Wassers schlief jemand anderes. Eine Frau, die wie wir in einem längst vergangenen, gewaltigen Bruch der Zeit wegen ihrer Identität verfolgt und ins Exil getrieben worden war, die sich in diesen grauen Landen niemals hatte zu Hause fühlen dürfen und deren Seele Zuflucht in diesen Wassern gefunden hatte – meine Namensschwester. Die menschliche Lili. Diese Frau, Lili, wartete auf eine schwarz-weiße Erinnerung, die auf dem Grund des Wassers zeitlos erstarrt war. In den Tiefen des Sees zeigte sie sich Blatt für Blatt wie ein Fotoalbum, das von unsichtbaren Händen zusammengetragen und nun geöffnet wurde. Die Seiten trugen keine Worte, nur schwere, schweigende Trauer.
Ich roch Eisen und Kohle, die aus den Seiten drangen, und hörte das unaufhörliche, unheimliche Klappern der Schienen. Ich spürte die Einsamkeit der Koffer, die ihre Besitzer verloren hatten und übereinandergestapelt zurückgeblieben waren. Ich sah jene erstarrte Nebelwolke, die Tausende von Seelen hinterlassen hatten, die gezwungen worden waren zu gehen und in eine unbekannte Zukunft aufzubrechen. Auf den Gesichtern jener Menschen, die zum Fortgehen und zum Sterben gezwungen worden waren, lag der Geruch jener verzweifelten Fremdheit, mit der sie ein letztes Mal auf die Welt blickten.
Als die menschliche Lili in jener alten Dunkelheit verschwand, hatte sie als letzten Blick, den sie der Welt schenkte, dieses Wasseralbum zurückgelassen – als Abbild jener Gesichter, die man zum Verschwinden bringen wollte. Es war derselbe ferne Blick, mit dem ich von meinem Fenster aus die Menschen beobachtet hatte. Jahre zuvor war er in den Augen in diesem Album erstarrt, eingefroren in der Trauer jener Menschen, die gehen mussten. Die Erinnerung an jene schmerzvollen Blicke, die niemand sehen wollte, an die vom Vergessen der Geschichte verschluckten Menschen und an jene, denen ihre Identität genommen worden war, lag nun auf den schwarzen Seiten des Wassers. Die große, zweifache Trauer meiner Menschin – um ihre Geschwister und um mich – hatte in diesem Album unter dem Wasser ihren Platz gefunden.
Meine Namensschwester streckte mir aus der Tiefe des Wassers ihre Hand entgegen. Ich rollte mich mit der Sanftheit eines kleinen Jungen in ihren Schoß. Das Geschlecht einer Katze war auf der Ebene des Wassers und der Seele bedeutungslos; wir waren einfach zwei verletzte Seelen.
Mein trauriger Blick am Fenster, mein treues Warten an der Tür, meine Streifzüge über die Seiten der Bücher und schließlich jene Blindheit in meinem letzten Augenblick vereinten sich mit ihrem gefrorenen, stillen Album unter dem Wasser und mit der Quelle der Trauer jener Leben, die in den Kriegen unvollendet geblieben waren. Wir zwei Lilis begegneten uns im Gedächtnis des Wassers – als traurige Zeugen all jener, die im Exil, in Konzentrationslagern, Gefängnissen und Kämpfen um ihre Identität verloren gegangen waren; all jener Geschwister, die zurückblieben, und all jener, die sich nach der Sonne sehnten.
Das Album der menschlichen Lili war nun auch Teil meiner Erinnerung. Jedes Gesicht darin war mir vertraut geworden, so vertraut wie die Fremden, die an meinem Fenster vorbeigegangen waren.
Als meine Menschin zum See hinunterging und dort niederkniete, spürte sie jene uralte Verbindung, die von ihren Großmüttern an sie weitergegeben worden war – jene geheime, intuitive Verbindung der Frauen zum Wasser. Als sie auf das Wasser blickte, verstand sie, dass das Wasser ihre ungeweinten Tränen kannte, die Last der Ungerechtigkeit in ihrem Herzen und jenen Schmerz der Schuld, der sie nicht losließ. Als sie sich über den See beugte, glaubte sie in den kleinen Bewegungen auf seiner Oberfläche meine smaragdgrünen Augen zu erkennen, mein trauriges Gesicht, das sie von jenem Fenster aus liebevoll angesehen hatte. Und unmittelbar dahinter spürte sie jene Frau aus einer längst vergangenen Zeit auf dem Grund des Wassers, die Seiten des Albums, die andere Lili, die die Erinnerung an ihre verlorenen Geschwister bewahrte.
Das Wasser vergaß nichts: weder das alte Unrecht noch jene, die nirgendwo dazugehören durften, noch die Leben, die die Erde aus ihren Wurzeln gerissen hatte, noch das Leid der Gegenwart. Nun ging ich von der Erde, in der ich lag, in den See über, in das traurige Album unter seiner Oberfläche, und von dort floss ich durch das Wasser zurück in ihre Heimat, in ihr Herz, zu all jenen Leben, die sie der Erde hatte übergeben müssen. Das Exil war vorbei. Ich war überall dort, wo es Wasser gab.
Als sie mich in den Schoß der Erde gelegt hatte und voller Schmerz nach Hause zurückkehrte, fiel ihr Blick auf das leere Fenster, auf den Tisch, auf dem keine Stifte mehr gestohlen werden würden, auf die Blumen, die darauf warteten, dass jemand ihren Duft einatmete, und auf den Balkon. Weil ich meine Augen vor der Welt geschlossen hatte, hatte ich mich nicht ein letztes Mal von ihr verabschieden können. Deshalb lieh ich mir den alten Freund vor meinem Fenster – das Eichhörnchen, den Boten der Natur. Das Eichhörnchen kam auf den Balkon und blieb stehen. Sekundenlang sah es meiner Menschin mit dem Blick meiner Seele direkt in die Augen.
Ich blickte nicht mehr traurig und voller Sehnsucht nach der Sonne hinter jenem Fenster zur Welt. Mit diesem Blick wollte ich ihr sagen: „Mir geht es gut. Ich bin hier, dort, wo die Gewässer schlafen, gemeinsam mit der anderen Lili. Dein dritter Sohn ist jetzt in Sicherheit. Mir ist nicht mehr kalt. Ich bin zu Hause. Gib dir nicht die Schuld. Ich wandere noch immer durch die Seiten deiner Bücher.“ In dem Augenblick, in dem ich spürte, dass sie die Botschaft verstanden hatte, drehte sich das Eichhörnchen um und verschwand zwischen den Bäumen der Wohnanlage. Es lief durch die Straßen und über den Beton der Stadt, hinaus in jenen tiefen, stillen Wald, in dem ich lag, zu meinem ewigen Zuhause. Danach kam es nie wieder auf diesen Balkon.
Meine Menschin blickt nun zum Himmel.
Ich weiß, ich war der lebendigste und zugleich verletzlichste Teil von ihr – der Teil, den sie aus dem großen Kampf heraus ins Exil mitgenommen hatte, an dem sie sich in dieser fremden Welt festhielt, dessen Stifte ich stahl und auf den sie an den Türen wartete. Nicht einmal der Tod konnte uns unsere schönen Gewohnheiten nehmen, unsere Momente des Wartens hinter der Tür. Er hat sie nur verwandelt.
Mögen nun der Schmerz des Nicht-Dazugehörens in ihr und die schwere Last der Schuld leichter werden. Denn ich war Körper und bin Erde geworden; ich war Leben und bin Wasser geworden. Solange das Wasser weiterfließt, solange sich die Seiten jenes verborgenen Albums im Gedächtnis des Wassers öffnen und die Enten am Ufer des Sees einander zuflüstern, werden die beiden Lilis in ihrem Herzen weiteratmen – fern von allen Gerichten, Gefängnissen, Kriegen, verlorenen Geschwistern, kalten Regenfällen und dem Exil, an jenem warmen, sonnigen Ort, an den sie für immer gehören.

