Auflösung eines Lebens

Ich habe mich noch nicht
an deine Abwesenheit gewöhnt.
Dabei kenne ich sie doch,
die blutige Bestimmung des Todes.
Wie, fragst du?
Als meine Geschwister
dieses Land verließen,
zerfiel mein Herz
Stück für Stück.
Und dann kamst auch du hinzu –
zum gekrönten Klagechor meines Herzens.
Auch daran werde ich mich gewöhnen, Vater.
Diese traurigen Absätze,
die beginnen mit
„Wenn dein Vater geht …“,
berühren mich nicht mehr.
Du hattest mich
an deine Abwesenheit gewöhnt,
noch während du atmetest.
Ich weiß nicht einmal,
wie es ist,
den Kopf an deine Schulter zu lehnen.
Nie habe ich die Freude
meiner heranwachsenden Jahre
in deinem Lächeln ziehen lassen.
In keinem Mann, den ich liebte,
suchte ich nach dir.
Woher hätte ich wissen sollen,
wie man liebt?
Sag mir wenigstens das:
Kinder ähneln doch ihren Großvätern –
ähneln meine Kinder dir, Vater?
Ach, wenn du wüsstest …
Jedes Bild,
das aus den Händen meines Sohnes fällt,
wird zu deinen Kohlezeichnungen.
Und ich
lösche mich aus,
Seite um Seite.
Ach, bevor ich es vergesse –
Die Träume,
die sich meinem Bewusstsein eingeschrieben haben,
stürzen von Klippen.
Doch ich fürchte mich nicht mehr.
Sie gehörten ohnehin nie mir.
Was fürchten Menschen am meisten zu verlieren?
Welcher Verlust
verbrennt uns am tiefsten?
Ich habe es gelernt.
Nicht einmal –
unzählige Male.
Nicht von einem Regenbogen,
dessen Hände nach Regen riechen,
sondern aus dem Atlas einer Erde,
auf der die Trauer ohne dich wächst.
Während Erdkonfetti niederregnet
auf die berauschte Sehnsucht der Fortgegangenen,
lernte ich jedes Mal aufs Neue:
Nicht Erinnerungen
lassen Klagelieder wachsen,
sondern das Ungelebte.
Erinnerungen gehören ohnehin uns.
Und sie sind klein
in diesem hastigen Zeitalter.
Dem Ungelebten fallen sie zu,
die aufbegehrenden Tränen
der sich auflösenden Lebenszeit.
Glaub nicht,
dass meine Verse mit gebrochenen Knien
deinem Fortgehen gelten.
Meine Schwermut gilt der Zeit,
die verloren ging.
Ach Vater, glaub nicht,
dass deine Tochter in deiner Abwesenheit
dieselbe geblieben ist.
Meine Schlaflosigkeit.
Meine Verlassenheit.
Meine Trostlosigkeit –
sie gehören dir.

