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Jene dunkle Nacht

Ali Al-Kurdi
Adnan Samman, Hugging Damascus, Mixed media (2019)

Wir waren eine kleine Gruppe befreundeter Männer und Frauen, die den verschiedensten Religionen und Konfessionen angehörten und davon träumten, ihren Horizont zu erweitern und sich selbst zu ergründen. So organisierten wir einen Lesezirkel, in dem wir regelmäßig Werke aus Philosophie, Soziologie und Literatur diskutierten. Der gemeinsame Austausch und die lebendigen Treffen machten uns viel Spaß. Nie hätten ich oder meine Freunde auch nur vermutet, dass unsere Aktivitäten in den Augen des syrischen Diktators und seines Geheimdiensts ein „Verbrechen“ sein könnten, das es zu bestrafen galt.

An einem Frühlingsmorgen, ich war gerade erst aufgewacht, ließ mir eine Freundin die Information zukommen, man habe es auf unsere Gruppe abgesehen und verhafte ihre Mitglieder. Ich war schockiert und beunruhigt. Was war passiert? Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte.

Schnell suchte ich Bücher, Fotos von Freunden und die Protokolle unserer Treffen zusammen, um sie verschwinden zu lassen. Da ich ohnehin ein eher zögerlicher Mensch bin, konnte ich mich nicht entscheiden, was als nächstes zu tun war: Sollte ich von der Bildfläche verschwinden und mich für eine Weile verstecken? Oder würde ich vielleicht gar nicht von dieser Verhaftungskampagne betroffen sein?

Die Stunden dieses Tages vergingen nur langsam. Unaufhörlich kreisten alle möglichen Gedanken in meinem Kopf. Als Flucht nach vorn und um mich zu überzeugen, dass ich in Sicherheit war, ging ich am Abend mit meiner Schwester zu einer Veranstaltung in der Universität.

Gegen Mitternacht kehrten wir nach Hause zurück. Ich ignorierte meine innere Stimme, die mich nachdrücklich auf die drohende Gefahr hinwies.

Wenige Meter vor unserem Haus sah ich einen Range Rover am Straßenrand parken. Die Türen standen offen und die Scheinwerfer waren eingeschaltet. Solche Wagen fuhren die Leute vom Geheimdienst. Das Auto so verdächtig nah am Haus vorzufinden konnte nichts anderes bedeuten, als dass sie auf mich warteten. Ich bat den Taxifahrer, uns ein Stück dahinter abzusetzen.

Ich flüsterte meiner Schwester zu: „Was machen wir jetzt?“

Unmöglich konnte ich meine Schwester allein ins Haus gehen lassen. Ich konnte mit ihr aber auch nicht woanders übernachten; damit hätte ich die Gefühle meiner konservativen Familie verletzt, zumal es keinerlei Möglichkeit gab, sie zu benachrichtigen. Auch war ich trotz aller Anzeichen noch nicht sicher, ob die Geheimdienstleute tatsächlich auf mich warteten. So entschlossen wir uns, gemeinsam hineinzugehen.

Unser Haus befand sich in einem der Korridore, die von den engen Gassen der Altstadt von Damaskus abgingen. Als wir langsam darauf zuliefen, wurden wir von bewaffneten Männern überrascht, die sich am Eingang des Korridors positioniert hatten. Im Haus brannte trotz der späten Stunde überall Licht.

In dem Moment wurde mir klar, dass ich ihnen ins Netz gegangen war. Seltsam war jedoch, dass uns die Männer nicht den Weg verstellten. Offensichtlich verließen sie sich darauf, dass man mich – sollte ich der Gesuchte sein – drinnen abfangen würde.

Wir gingen ruhig an ihnen vorbei, ohne irgendetwas zu tun, das ihren Argwohn geweckt hätte. Adrenalin schoss durch unsere Adern und ich fasste in Sekundenschnelle einen Entschluss. Ich nahm die Hand meiner Schwester, die das Zeichen sofort verstand, und anstatt nach rechts in den Korridor einzubiegen, der zu unserem Haus führte, liefen wir nach links.

Vorsichtig, um nicht die Aufmerksamkeit der Geheimdienstleute zu erregen, klopfte ich ein paarmal an die Tür unserer Nachbarn. Eine Minute verging, eine zweite, sie erschienen uns wie eine Ewigkeit. Endlich öffnete der Nachbar, den unser Klopfen geweckt haben musste, die Tür. Erstaunt sah er uns an, er fragte sich wohl, was wir so spät bei ihm wollten. Ich flüsterte ihm ins Ohr, in welch verzwickter Lage wir uns befanden, und bat ihn, in seinem Haus übernachten zu dürfen. Er starrte uns mit nun hellwachen Augen an und seine erste spontane Reaktion bestand darin, den Arm zu heben und an den Türrahmen zu stützen. So versperrte er uns den Weg, als wollte er sagen: „Nein, ich will da nicht hineingezogen werden.“

Dabei verharrte er in tiefem Schweigen. Er schien über die Folgen einer Entscheidung nachzudenken – es war gleichermaßen schwierig für ihn, uns zu zurückzuweisen wie uns einzulassen.

Sicher kämpften in ihm in diesem Augenblick seine Werte und eine große Angst miteinander. Einerseits erlaubten es ihm seine Anständigkeit und unsere Beziehung als Freunde und Nachbarn nicht, uns im Stich zu lassen. Andererseits wollte er keine Probleme mit dem Geheimdienst bekommen. Sollten wir entdeckt und er als Mitwisser identifiziert werden, würden sie ihn nicht mehr in Ruhe lassen. Nach einigen für alle unbehaglichen Augenblicken nahm der Mann langsam seinen Arm vom Türrahmen und forderte uns auf einzutreten.

Während meine Schwester in ein Zimmer zu seiner Frau und seiner Mutter hineinging, die von unseren Stimmen geweckt worden waren, führte er mich ins obere Stockwerk. Überrascht schaute ich mich um. Es war voller schlafender Menschen – Brüder und Verwandte des Nachbarn. Ich konnte mir nicht erklären, warum sie hier waren. Die gesamte Situation war etwas seltsam, ließ jedoch keinen Raum für Erklärungen oder Fragen.

Der Nachbar brachte mir Bettzeug, in das ich schnell hineinkroch. Vielleicht würde es mir gelingen, die höllischen Stimmen zu vertreiben, die in meinem Kopf umherschwirrten. Aber wie sollte ich zur Ruhe kommen, wenn Unmengen an Fragen, Wahrscheinlichkeiten, düsteren Vorstellungen und alle Teufel dieser Erde meine Gedanken beherrschten?

Ich versuchte mir vorzustellen, wie der verhörende Offizier aussehen würde. Er würde mir mit einem höhnischen Lächeln ins Gesicht sehen, um dann seinen Männern einen Wink zu geben, mit der Folterfeier anzufangen. Ich würde schreien und um Hilfe flehen … und doch nur schadenfrohes Gelächter hören, das bezeugte, wie er meine Demütigung genoss. Würde ich standhalten, wenn ich in ihre Hände fiel? Könnte ich meine Würde bewahren? Oder würde ich zusammenbrechen und die Informationen preisgeben, die ich besaß? Die Bilder vermischten sich mit dem schmerzbeladenen Gesicht meiner Mutter und den Gesichtszügen meines alten Vaters. Ich empfand Groll gegen alles. Gegen mich selbst, gegen die Leute vom Geheimdienst, gegen diese ungerechte Welt. Es war mir unvorstellbar, dass man meinetwegen in unser Haus eingedrungen war und meine Familie gedemütigt hatte, obwohl ich nichts getan hatte, was das alles rechtfertigte.

In diesem Moment tauchte inmitten des Lärms in meinem Kopf das sorgenvolle, müde Gesicht meiner Schwester auf und ich stellte mir ihre Verlegenheit gegenüber unseren Nachbarn vor. Ich fragte mich, wie wir aus dieser Situation herauskommen sollten. Hatten die Geheimdienstleute unser Haus verlassen? Oder warteten sie noch immer auf mich?

All diese Gedanken und Zweifel beschäftigten mein müdes Hirn unablässig und sobald ich einige vertrieben hatte, traten gnadenlos andere an ihre Stelle. Etwa zwei Stunden vergingen auf diese Weise. Dann stand ich auf und suchte nach etwas Wasser, um meine trockene Kehle zu befeuchten und mein pochendes Herz zu beruhigen. Überrascht fand ich den Nachbarn und seine Familie noch wach. Verlegen bat ich ihn um ein Glas Wasser und kehrte an meinen Platz im oberen Geschoss zurück. Als er ewig nicht kam, befiel mich Argwohn. Vielleicht hatte er es sich anders überlegt und beschlossen, mich auszuliefern!

Aber nein, das konnte nicht sein, tadelte ich mich selbst. In diesem Augenblick zerriss der Klang der Wasserleitung die Stille der Nacht und ein kalter Schauder fuhr durch meinen Körper. Ich zitterte. Endlich kam der Nachbar mit einem Glas und einem Krug Wasser, begleitet von meiner Schwester, die nicht weniger besorgt war als ich.

Sie zog mich auf die Seite und fragte mich flüsternd: „Was machen wir jetzt?“

Dann fügte sie hinzu: „Sie haben einen Trauerfall. Am Abend gab es einen schlimmen Unfall, bei dem ihre kleine Tochter ums Leben gekommen ist. Sieben Jahre alt war sie. Jetzt ist sie im Krankenhaus, die Beerdigung ist morgen.“

Vor lauter Scham wäre ich am liebsten im Erdboden versunken. Hätte sich doch nur die Erde aufgetan und mich verschlungen, statt dass wir dieser traurigen Familie zur Last fielen. Aber meine Schwester beruhigte mich: „Woher hätten wir das wissen sollen!“

Verlegen drehte ich mich zum Nachbarn um, umarmte ihn und sprach ihm mein Beileid aus. Es tat mir leid, ihn mit unserem Problem noch zusätzlich zu belasten. Doch die Worte blieben mir in der Kehle stecken und es folgte nur Schweigen.

Meine ganze Sorge bestand nun darin, meine Schwester aus dieser misslichen Lage zu befreien und zugleich meine Familie zu beruhigen, irgendwie mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Zwischen dem Haus der Nachbarn und unserem befand sich eine Synagoge, von deren Dach aus man das Zimmer in der obersten Etage bei uns sehen konnte.

Ich fragte meine Schwester: „Würdest du es schaffen, über das Dach der Synagoge zu kriechen, ohne dass die Geheimdienstleute deinen Schatten sehen, und in das Haus unserer Nachbarin, der Witwe, zu gelangen?“

Sie nickte.

Ich schärfte ihr ein, sich auf keinen Fall in unser Zimmer hinunterzulassen, denn vielleicht waren sie ja auch dort.

Dieser Versuch war höchst gefährlich, denn es war nicht ausgeschlossen, dass man meine Schwester entdeckte. Trotz aller Angst und Anspannung war sie unglaublich gefasst und mutig. Die ersten zehn Minuten vergingen ohne Zwischenfälle.

Wie die nächsten Stunden vorübergingen und wie viele Dinge in mir gestorben oder erwacht waren, bemerkte ich nicht. In den frühen Morgenstunden, noch bevor die Schlafenden die Augen aufschlugen, kam die alte Mutter unseres Nachbarn mit einem Beutel herein, in dem sich ein Hemd und Unterwäsche befanden. Sie gab mir 100 Syrische Lira und sagte: „Das ist von deiner Mutter. Beruhige dich, du musst dir keine Sorgen um sie machen. Sie haben deinen Vater zum Verhör mitgenommen und wieder zurückgebracht. Wichtig ist jetzt, dass du von hier weggehst, um ihnen zu entkommen.“

Dann fügte sie hinzu: „Komm mit, ich zeige dir eine Hintertür, durch die du auf die andere Seite des Viertels gelangst. Ich werde vor dir hergehen und Ausschau halten, bis du verschwunden bist.“

Nie in meinem Leben werde ich den Großmut dieser furchtlosen Frau vergessen, die mich warmherzig wie eine Mutter behandelte. Sie winkte mir hinterher, als ich mich auf den Weg machte, und sagte: „Möge dir Gott helfen und ihre Augen von dir abwenden.“

Unschlüssig lief ich los. Ich begriff, dass gerade ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen worden war. Noch wusste ich nicht, in welchen Hafen es mich führen würde und was das Schicksal für mich bereithielt. Heute jedoch weiß ich, dass  die Entwicklungen jener Zeit nicht nur für mich Folgen hatte, sondern für ein ganzes Volk und ein ganzes Land.

– Rachel, die AußergewöhnlicheLesenراشيل خارج السرب
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Ali Al-Kurdi Martin Kordić

Ali Al-Kurdi & Martin Kordić

Ali und Martin trennt so viel wie sie vereint: eine Generation, die Kriege in ihren Herkunftsländern und das unterschiedliche Herangehen an ihren Stoff: Ali konkret und dokumentarisch, Martin schwebend und poetisch.

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