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Untold Narratives – Weiter Schreiben > Zsuzsa Bánk & Zainab Akhlaqi > Das Schreiben ist für mich zu Nadel und Faden geworden – Brief 2

Das Schreiben ist für mich zu Nadel und Faden geworden – Brief 2

Zainab Akhlaqi an Zsuzsa Bánk, Abbotsford,

Übersetzung: Bianca Gackstatter Aus dem Persischen von

DE: Ein kleiner Fichtensetzling mit zwei dünnen Stämmchen wächst aus einem Hügel dunkler Erde. Die Erde liegt zwischen zwei Stücken Rinde, davor leuchtet ein Polster grünes Moos. Erdkrümel verteilen sich auf der schwarzen Fläche. Der Hintergrund versinkt in Schwarz, ein seitliches Licht hebt die Nadeln und die Rinde hervor. EN: A small spruce seedling with two thin stems grows from a mound of dark soil. The soil rests between two pieces of bark, with a cushion of bright green moss in front. Crumbs of earth scatter across the black surface. The background fades into black, while soft side light picks out the needles and bark.
© Fateme Hasani, digital Fotografie, 2026 für Weiter Schreiben

Liebe Zsuzsa,

ich habe mich sehr über deinen Brief gefreut und ihn bis zum letzten Punkt regelrecht verschlungen. Deine Reise und dein Aufenthalt an einem so wunderschönen Ort, an dem du neue Welten entstehen lässt, wirken wie ein Traum. Bis vor vier Jahren konnte ich mir so eine Traumwelt, die ich dank deiner anschaulichen Beschreibung sehr gut nachempfinden konnte, nur mit geschlossenen Augen vorstellen. Heute sehe ich sie auch mit offenen Augen.

Während meines Aufenthalts im Flüchtlingslager in Abu Dhabi vor vier Jahren fasste ich einen Entschluss: Sobald ich das Lager verlassen und ein neues Zuhause gefunden hätte, wollte ich jedes Jahr einen Baum pflanzen. Das Lager war nämlich mit Kunstrasen und künstlichen Bäumen ausgestattet worden, um eine grüne Umgebung zu schaffen. Es sah dann zwar grün aus, doch dem Grün fehlte die Frische und die Bäume atmeten nicht. Es wirkte eher wie ein Gemälde, wie etwas, das man nur betrachten und an dessen Anblick man sich erfreuen konnte.

Doch von diesem Flüchtlingslager kam ich an einen Ort, an dem ich befürchte, dass ich fürs Pflanzen von Bäumen nicht belohnt, sondern ordentlich eins auf den Deckel bekommen würde! Bäume und Wiesen, soweit das Auge reicht. Hier in British Columbia, einer riesigen grünen kanadischen Provinz, sind die Häuser mitten in die Natur gebaut. So kann es schon einmal vorkommen, dass ein Schwarzbär an deinem Haus vorbeistreift oder übermütige Rehe direkt vor deinem Auto über die Straße springen. Auf Schritt und Tritt ragen jahrhundertealte Bäume in den Himmel. Seen und ihre Enten sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt und ringsherum erstrecken sich Parks in allen Größen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich zum ersten Mal in den Park in der Nähe meines Zuhauses in Abbotsford ging und mich fragte, wie es nur möglich sein kann, in solch üppiges Grün zu blicken, diese frische Luft zu atmen und dabei trotzdem zu altern?!

Ich bezweifle, dass alle Grünflächen Kabuls zusammengenommen so groß wie jener kleine kanadische Park sind. In Kabul werden Bäume genauso wenig wertgeschätzt wie Menschen. Man betrachtet sie lediglich als Brennmaterial – mal als Brennmaterial für die heimischen Feuerstellen, mal als Brennmaterial im Feuer der Mächtigen. Selbst wenn ich den Rest meines Lebens damit verbringen würde, durch die wunderschöne Natur Kanadas zu streifen, glaube ich nicht, jemals alles davon sehen oder erkunden zu können.

Ich habe mir immer gewünscht, Geschichten inmitten jener Ruhe und Natur zu schreiben, wie du sie beschrieben hast. Doch meine Welt des Schreibens ist eine andere. So, wie du sie beschrieben hast, ist deine Welt des Schreibens traumhaft und wunderschön. Sie ist nicht von Leid und Schmerz gezeichnet und die Fantasie kann frei durch diese friedliche Welt schweifen. Meine Schreibwelt liegt am entgegengesetzten Pol: Meine Geschichten entspringen weniger der Fantasie als vielmehr den dunklen und schmerzhaften Wirklichkeiten, die ich selbst durchlebt habe.

So schrieb ich beispielsweise die Geschichte „Schokoufeh“, während mir noch immer das Wehklagen einer Mutter in den Ohren hallte, die am 8. Mai 2021 ihre kleine Tochter bei den tödlichen Explosionen an der Sayed-al-Shuhada-Schule in Kabul[1] verloren hatte, und in meiner Vorstellung immer wieder die Bilder von der Klappliege auftauchten, auf der die Leiche des kleinen Mädchens gewaschen wurde, und von den Blutspuren auf dem Betonboden des Hofes.

Direkt nach dem Fall von Kabul begann ich meine Lebensgeschichte aufzuschreiben und setzte dies auch während meiner Zeit im Flüchtlingslager in Abu Dhabi fort.

„Hotel“ schrieb ich, nachdem während meiner ersten Tage in Kanada in meinem Hotelzimmer in Abbotsford ein Feuer ausgebrochen und ich inmitten der Flammen aufgewacht war.

Erst neulich schrieb ich eine Geschichte über den Kleiderschrank eines afghanischen Mädchens, nur wenige Wochen, nachdem ich knapp dem Tod entronnen war.

Eines Nachts zu Beginn dieses Jahres wachte ich plötzlich mit starken Nackenschmerzen auf. Zwei Tage später explodierte eine Bombe in meinem Kopf, doch das einzige sichtbare Zeichen waren Tränen, die unwillkürlich aus meinen Augen rannen. Danach verschwamm die Sicht auf meinem rechten Auge. Wobei „verschwamm“ es nicht ganz trifft. Was ich sah, glich eher einem Fernsehbildschirm, der an einer Ecke zerbrochen ist und auf dem sich die Farben über den ganzen Bildschirm verteilen.

Ich verbrachte drei Tage und Nächte in der Notaufnahme, den Kopf nach rechts geneigt und von Schmerzen gequält. Mal im Stehen, mal im Sitzen döste ich höchstens für wenige Minuten ein, bevor mich der Schmerz wieder weckte.

Jedes Mal, wenn ich wieder zu Bewusstsein kam, wanderte mein Blick wie von selbst zum Ende des Flurs, in der Hoffnung, ein vertrautes Gesicht zu erblicken, zum Beispiel das meiner Mutter, meines Vaters oder meiner Geschwister. In Kabul war meine Mutter immer an meiner Seite gewesen, wenn ich krank war. Das beruhigte mich und ließ mich darauf vertrauen, dass mir nichts Schlimmes passieren würde. Sie war immer an meinem Bett und munterte mich mit Anekdoten auf, etwa: „Erinnerst du dich, wie du als kleines Kind, wenn du dir wehgetan hattest, immer sagtest: ‚Ich bin aus Stahl!‘?“ Und ich lachend erwiderte: „Das bin ich noch immer!“

Doch hätte ich sie in jenem Moment gesehen, hätte ich gesagt: „Mama, der Stahl ist geschmolzen … Von deiner starken, unerschütterlichen Tochter ist nichts mehr übrig.“

Inzwischen habe ich verstanden, warum man Menschen besucht, wenn sie krank sind. Mir ist klar geworden, wie sehr ein vertrautes Gesicht die Stimmung eines Kranken heben und ihn seinen Schmerz vergessen lassen kann. Die spontane Freude über einen einfachen Besuch kann Wunder wirken und vielleicht sogar zur Genesung eines Kranken führen.

Ich wurde ganz wehmütig, wenn ich andere Kranke sah, die von ihrer Familie und von Freunden besucht wurden, die Blumen und Essen mitbrachten und manchmal den Krankenschwestern auf dem Flur im Weg standen. Ich sagte mir: Ach, könnte man doch nur irgendwo krank werden, wo Menschen kommen, um einen zu besuchen!

Mit der Zeit gewöhnte ich mich an die Pflegekräfte, die nach mir schauten und deren Schichten alle paar Stunden wechselten. Ihr Lächeln durchbrach die kalte, sterile Krankenhausatmosphäre und wärmte mein Herz. Sie nannten mich alle beim Vornamen, so wie meine Familie.

Ehrlich gesagt, werde ich inzwischen ab und zu ein bisschen wehmütig, wenn ich am Krankenhaus vorbeikomme. Manchmal wünschte ich, hin und wieder dorthin zurückkehren und mir ein Bett reservieren zu können, einfach einen ganzen Tag lang da zu liegen und dem gleichmäßigen Rhythmus des Infusionsgeräts zu lauschen. Alle paar Stunden würde jemand kommen, nach mir sehen und sich nach meinem Befinden erkundigen. Dabei wäre es völlig unwichtig, ob sie Mühe hätten, meinen Namen richtig auszusprechen, allein ihr Lächeln würde schon reichen.

Monatelang waren die Zehen meines rechten Fußes taub. Ich war davon überzeugt, dass der Todesengel Azrael sie bereits berührt, seine Arbeit jedoch aus irgendeinem Grund unterbrochen hatte. Wahrscheinlich war er völlig frustriert und hatte mich schließlich aufgegeben, während er ununterbrochen vor sich hin schimpfte.

Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus hatte ich nur einen Wunsch: Wenn ich ältere Männer und Frauen im Park spazieren gehen sah, wünschte ich mir, auch einmal so alt werden zu können wie sie.

Man muss großes Glück haben, die Wechselfälle des Lebens zu überstehen und in der Ruhe des Alters bezaubernde Sonnenuntergänge zu erleben.

Laut einer der Ärztinnen hatte ich nicht gerade Glück gehabt, ein Aneurysma zu erleiden. Während sie mir gegenübersaß und ihre künstlichen Wimpern richtete, sagte sie, sie hätte so etwas noch nie bei jemandem in meinem Alter gesehen, da hätte ich wirklich Pech gehabt.

Einem Menschen, der sein Leben in einem friedlichen Land verbracht hat, in dem der Alltag nicht durch Explosionen oder Selbstmordanschläge unterbrochen wurde, mag dies wie Pech erscheinen. Doch für einen Menschen, der unversehrt Mörserbeschuss, durch die Druckwellen von Selbstmordanschlägen zerborstene Fensterscheiben in Büros oder das Kreuzfeuer verirrter Kugeln überlebt hat, war es wohl eher ein Glück, auch einen Schlaganfall überstanden zu haben.

Vielleicht war ich durch diese Erfahrungen schon so abgehärtet, dass mir das beängstigende Wort „Schlaganfall“ keinen großen Schreck mehr eingejagt hatte. Nach einer CT- und MRT-Untersuchung hatte mir die Ärztin erklärt, dass ein Aneurysma die Ursache für meine Nacken- und Kopfschmerzen gewesen sei. Weil ich mir darunter nichts vorstellen konnte, fragte ich: „Es war doch nicht gefährlich, oder?“ Die Ärztin riss die Augen auf und erwiderte in ernstem Ton: „Doch, es war extrem gefährlich. Du hättest einen Schlaganfall erleiden können.“ „Oh“, sagte ich nur. Die Ärztin stand noch einen Augenblick da, doch als ich nicht die erwartete Reaktion zeigte, ging sie wortlos davon.

Damals hatte ich mich so weit von der Erde und ihren materiellen Verlockungen entfernt, dass nichts mehr mein Herz in Schwingung versetzen konnte. Doch das Schreiben wurde zu Nadel und Faden, die meine Seele wieder mit meinem Körper verbanden und mich ins Leben zurückholten.

Ich beendete die Geschichte vom Kleiderschrank des afghanischen Mädchens, während mich noch immer der Nacken schmerzte, wenn ich am Computer saß.

Trotz alledem sitze ich nun hier und schreibe dir, während du dort auf meinen Brief wartest. Zwei Menschen aus verschiedenen Welten, deren Namen und Schicksale sich in diesem Universum für einen Augenblick miteinander verknüpft haben, verbunden durch die gemeinsame Liebe zum Schreiben. Ich hoffe, lange genug zu leben, um die Geschichte zu lesen, die du an der Ostsee geschrieben hast, und auf diese Weise unsere literarische Verbindung zu würdigen.

Von Herzen alles Gute für dich!

Zainab

 

[1]   Anschlag auf eine Mädchenschule in einem überwiegend von schiitischen Hazara bewohnten Kabuler Stadtteil, bei dem mindestens neunzig Menschen, darunter sehr viele Schülerinnen, getötet wurden (A. d. Ü.)

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