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Untold Narratives – Weiter Schreiben > Zsuzsa Bánk & Zainab Akhlaqi > Kennst du auch die Sehnsucht, die dich zurücktreibt zu deiner Sprache? – Brief 1

Kennst du auch die Sehnsucht, die dich zurücktreibt zu deiner Sprache? – Brief 1

Zsuzsa Bánk an Zainab Akhlaqi, Frankfurt am Main, 16. Mai 2026

Übersetzung: Ali Abdollahi ins Persische

DE: Auf einem dunklen Tisch stehen eine weiße Keramikkanne mit Reliefmuster und zwei tulpenförmige Teegläser mit goldgelbem Tee auf rot-weiß gemusterten Untertassen. Rechts brennt eine Kerze in einem Messingleuchter auf zwei gestapelten Romanen von Anita Shreve und Isabel Allende. Im Vordergrund liegen handbeschriebene Briefbögen, darauf getrocknete Herbstblätter, ein Kugelschreiber und eine dunkle Feder. Hinter der Szene hängt eine weiße Spitzengardine. Warmes, gedämpftes Licht.
© Fateme Hasani, digital Fotografie, 2026 für Weiter Schreiben

Liebe Zainab,

ich kehre zurück von einem Künstlerhaus an der Ostsee, einem Stipendium, für das sich jedes Jahr viele bewerben. Die Villa steht auf dem Fischland, einem ins Meer geworfenen Streifen Erde, der bei der Schöpfung offenbar sich selbst und seiner Schönheit überlassen wurde, zu beiden Seiten umgeben von Wasser, angeströmt, beleckt und versorgt, im Norden von der mild schwappenden, türkisfarbenen Ostsee und ihrem unablässigen Rauschen, im Süden vom Bodden, mit seinem Damwild und seinen Kranichzügen zwischen Schilf und Weide. Sonst wohne ich fern von dieser Gegend, überhaupt fern von solcher Natur, mit dem Auto brauche ich acht bis neun Stunden dorthin, vielleicht ist das in kanadischen Dimensionen nicht viel, in deutschen schon. Ich war dort, um mein aktuelles Projekt weiterzubringen, daran zu feilen, war fleißig, wie ich immer fleißig bin, wenn ich einen Stoff vorantreiben will, lebte in Klausur, in meinem selbst gewählten, selbst gebauten Tunnel. Während meine Zimmernachbarn auf ihre Leihräder stiegen und den Darßwald erkundeten, blieb ich im Haus, um voranzukommen, wenn am Ende auch nicht ganz so, wie ich es mir gewünscht und vorgenommen hatte.

Freie Zeit habe ich mir wenig gegönnt, was etwas verrückt ist, wenn man einmal in einer der schönsten Landschaften ist, mein Leben dort war fast mönchisch, ich geriet in eine Art autistischen Rausch, wie so oft, wenn ich schreibe. Erst abends bin ich aus dem Haus gegangen, über die Straße, wenige Schritte hinauf – und stand am weißen, weichsandigen Strand. Meine Zimmernachbarin ist auch nachts dorthin, um Mond und Sterne zu bewundern, am Morgen sprach sie fast demütig von Magie. Erst in den letzten Tagen habe ich die Arbeit liegen lassen, bin im Naturschutzgebiet zur Küste gewandert, die man nur zu Fuß oder mit dem Rad erreichen kann, durch einen Wald, den man ruhen lässt, in dem nichts kultiviert, nichts abgetragen wird – und hätte schreien können über so viel Schönheit. Vielleicht ist solche Natur für dich näher? Beginnt sie möglicherweise gleich vor deiner Haustür, vor deinem neuen kanadischen Zuhause? Und wie siehst du sie wohl im Wechsel zu deiner früheren, verlorenen, sicher vermissten Landschaft? Für mich ist es die am meisten betörende und betäubende Gegend, die Deutschland neben dem Voralpenland zu bieten hat, der nördlichste und der südlichste Zipfel sind unsere grandiosen Landschaften.

Ich bin über samtweichen Waldboden gewandert, aus Kiefernnadeln, Sand, Moos und Blättern, abgeworfen von wenigen Laubbäumen, zu einem irren Vogelkonzert, das mich auf meinen Roman zurückgeworfen hat, obwohl ich ihn für diesen Nachmittag hätte vergessen wollen. Musik und Klang, die Wahrnehmung von Geräuschen spielen darin eine große Rolle, also konnte ich nicht ohne die Gesellschaft meiner Figuren am Meer, durch den Wald spazieren, mit der aufflammenden Sehnsucht nach meinem Stoff, die mich zurück an den Schreibtisch, zu meiner Sprache trieb – kennst du das? Ich habe nie herausgefunden, was mich dann überfällt, welche Art von Besessenheit oder gesteigerter Disziplin, von Manie, Welt- oder Lebensflucht – weißt du es?

Zu Hause in Frankfurt umgibt mich keine Natur, nur der Lärm der Stadt, der Nachbarn, das Gemisch aus Verkehr und Menschen auf den Straßen, in der U-Bahn. Ich wohne in einem lauten Mietshaus, einem lichtdurchfluteten, hundert Jahre alten Bauhaus-Gebäude mit Wänden aus Pappe, höre jeden Satz, jeden Schritt, jeden Nieser meiner Nachbarn, also arbeite ich in der öffentlichen Bibliothek, fahre morgens mit dem Rad dorthin, schon das ist ein Aufwand und geht vom Schreiben ab. Ein Luxus war es, mich im Künstlerhaus an der Ostsee gleich nach dem Aufstehen an den Schreibtisch setzen zu können, nur zwei Schritte vom Bett entfernt. Mittags bin ich am Bodden gejoggt, so habe ich meinen Arbeitstag zerteilt, wenn ich nicht weiterkam oder aber gut vorangekommen war. Unter aufsteigenden Kranichschwärmen konnte ich Tag für Tag beobachten, wie das Schilf größer wurde, die Landschaft in den Frühling hineinwuchs. In den ersten Wochen sah ich aufs glitzernde, schimmernde Wasser, das Schilf stand niedrig, gegen Ende war das Wasser nur noch ein schmaler Streifen Blau, das Schilf ein gutes Stück zum Himmel gestrebt. Oft ist es an der Küste verregnet und kühl, aber während ich dort war, hat es nur einmal geregnet: ein Regentag auf dreißig Tage Sonne.

In einem Haus zu sein mit anderen hat mich geerdet, die geteilte Küche, die gute Mischung aus sozialem Leben, das leicht verfügbar war, und der fürs Schreiben nötigen Einsamkeit. Es war beruhigend zu sehen, noch kann ich meinen vor langer Zeit stillgelegten WG-Modus anwerfen, mich beim ersten Kaffee am Morgen auf Konversation einstellen. Kein schlechter Entwurf: Wünscht man Gesellschaft, setzt man sich in die Küche, sicher kommt jemand, um seinen Tee zu kochen, die Zeitung zu lesen. Bildende und visuelle, auch Performance-Künstler waren meine Zimmernachbarn, das Künstler-Sein, das Künstler-Dasein einte uns, alle kämpfen mit ähnlichen Zumutungen, Rückschlägen, Durststrecken und Ängsten. Am letzten Abend kochten wir zusammen, saßen bei finnischem Minze-Lakritze-Wodka am großen Tisch. Zu hören und zu verstehen, jedes Leben, jeder Lebensweg ist schief und krumm, an Hindernissen und Sperren entlang gebaut, wir alle müssen Dinge bewältigen, hinter uns bringen und aufgeben, ist vielleicht eine bittere Erkenntnis bei Ofenkartoffeln und Spargel, birgt aber Tröstliches. Solche Abende sind ein Segen. Und ein Segen ist, dass ich mittlerweile erkenne, wenn ein solcher Abend stattfindet, wenn er geschieht, mir widerfährt. Je älter ich werde, kann ich das immer besser, mir sagen: Schau, gerade durchlebst du solche Stunden. Pass auf und gib dich hin.

Wie ist nun dein Leben in Kanada, liebe Zainab? Ergeht es dir gut? Du wirst einiges hinter dir haben, davon gehe ich aus, und hoffe, jetzt fühlst du dich sicher. In einer Satire-Sendung hieß es neulich, Kanada ist sympathisch, alle mögen Kanada, es ist gewissermaßen der Golden Retriever unter den Ländern. Stimmt das?

Freue mich auf Post von dir!

Zsuzsa

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