Benafsha Joon – Benafsha, meine Liebe – Brief 2
Shida Bazyar an Benafsha, 01. Juli 2026
Übersetzung: Ali Abdollahi

Benafsha Joon – Benafsha, meine Liebe,
was für ein schönes Gefühl, deinen Brief zu bekommen, ich danke dir. Einander zu schreiben hat etwas Magisches: Der Raum zwischen dir und mir verschwindet. Wie mächtig wir plötzlich sind!
Du und ich, wir schreiben uns als Frauen. Als meine Eltern ihr erstes Kind erwarteten (ich bin die Jüngste von dreien), wünschte sich mein Vater, dass es ein Mädchen wird. Meine Eltern waren zu der Zeit Kommunisten, sie kämpften gegen den Schah und nach der Revolution gegen die Islamische Republik Iran. Anfang der 1980er Jahre, inmitten des Iran-Irak-Krieges, erwarteten sie ihr erstes Kind. Und ausgerechnet in dieser finsteren Zeit, in dieser patriarchalen Gesellschaft, als politisch Verfolgter, wünschte sich mein Vater ein Mädchen. Mehr weiß ich darüber, ehrlich gesagt, nicht. Außer, dass sein Wunsch erfüllt wurde. Meine Eltern bekamen ihr Mädchen, dann, einige Jahre später, bekamen sie noch ein Mädchen und dann wieder einige Jahre später, nach ihrer Flucht nach Deutschland, bekamen sie schon wieder ein Mädchen: mich.
Ich glaube, du und ich, wir haben noch eine weitere Gemeinsamkeit: Wir wissen, dass wir unser Selbstvertrauen unseren Familien, nicht unserer Gesellschaft verdanken. Ich weiß bis heute nicht, warum mein Vater auf ein Mädchen hoffte, aber ich ahne, dass er uns drei ohnehin so erzogen hat, wie er auch drei Jungs erzogen hätte. Ich bin nicht als Mädchen erzogen worden, sondern als denkender, fordernder Mensch. Eigentlich bin ich in erster Linie Mensch, das Frausein wird mir nur dann wichtig, wenn es um den Widerstand geht.
Die Abgründe des Patriarchats sind in Afghanistan und Iran so schmerzhaft tief, dass es mir merkwürdig vorkommt, dir von denen in Deutschland zu erzählen. Hier gibt es sie natürlich auch, nur verstecken sie sich besser, selbst dann, wenn sie existentiell sind. Der Hass gegen Frauen verkleidet sich mitunter so gut, dass es allein schon viel Arbeit kostet, ihn zu demaskieren, während die (häusliche) Gewalt unvermindert weitergeht.
Als ich deinen Brief gelesen habe, deine Beschreibungen der Unterdrückung, da hatte ich dieses Gefühl in mir. Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Es ist ein Schrei, der aus mir heraus möchte. Es ist ein Schrei, der den gesamten Raum in meinem Körper einnimmt, sich seinen Weg nach außen zu bahnen versucht, und der von einem unermesslichen Schluchzen, einem schmerzhaften Weinen, daran gehindert wird. Der Schrei und der Schmerz verbinden sich zu einer Art von Wut, die nur bei Ungerechtigkeiten entsteht.
Ich erinnere mich an eine Wanderung, die ich in Iran in den Bergen gemacht habe. Meine Mutter, meine Tante, mein Onkel und ich waren früh morgens, vor Einbruch der Hitze unterwegs. Auf dem Weg nach oben kamen uns zwei Soldaten entgegen, der kleine Trampelpfad war zu eng, wir blieben am Rand stehen, um sie vorbeizulassen. Eher zufällig sah ich dabei das Gesicht meiner Mutter, die Soldaten gingen an ihr vorbei und sie senkte den Blick. Und ich weiß, dass das keine Ungerechtigkeit war, gemessen an all der Gewalt, die Frauen auf der Welt passiert. In dieser Situation ist rein gar nichts passiert, außer, dass meine Mutter das gemacht hat, was ihr von klein auf beigebracht wurde. Aber ich war so unfassbar wütend. Diese Wut, die aus Schrei und Schmerz besteht, sie lässt mein Herz rasen und mein Blut gefrieren, meine Glieder zittern. Niemand auf dieser Welt hat das Recht, meine Mutter dazu zu bringen, den Blick zu senken, dachte ich. Und vielleicht war ich auch so wütend, weil sie das in Deutschland nie hätte tun müssen. Sie hätte andere Wanderer gegrüßt. Gelächelt.
Das Exil, in dem ich mich befinde, ist ein merkwürdiges. Ein ererbtes. Ein erweitertes. Eines, das sich selbst wiederholt. Es gab einige wenige Jahre in meinem Leben, in denen ich mit meiner Mutter nach Iran reisen konnte, dort Touristin war, Beobachterin, Familienmitglied. In diesen Jahren wurde die Sehnsucht schlimmer als zuvor und sie war wie die, die ich aus meiner Kindheit kannte. Meine Kindheit war schön und trotzdem bestand sie aus dem Schmerz meiner Eltern, der zu meinem Schmerz wurde. Als vor zehn Jahren mein erster Roman erschien und ich öffentlich die Islamische Republik Iran kritisierte, schloss sich dieses Zeitfenster. Ich sollte es nicht mehr wagen, Iran zu betreten. Das Schreiben war es mir wert und trotzdem ist es merkwürdig. Meine Eltern mussten fliehen und können nicht zurückkehren, während ich, Jahre später, darüber geschrieben und mich damit in ihre Reihe eingegliedert habe.
In den letzten zehn Jahren gab es Phasen, da vermisste ich Iran und meine dortige Familie zwar, aber ich war ganz im Hier. Ich versperrte mich gegen jegliche Zerrissenheit, aus Selbstschutz. Seit das Grauen in Iran sich gesteigert hat, ist das nicht mehr möglich, es sitzt in jeder Faser meines Körpers. Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich seit Januar 2026, seit dem Massaker, eigentlich gar nicht mehr richtig in mir. Ich sehe meine schöne Wohnung, aber ich sehe sie nicht. Dafür sehe ich diese furchtbaren Bilder von Leichensäcken in Leichenhallen und die schreienden Angehörigen, die in ihnen nach ihren Liebsten suchen. Ich sitze hier, aber ich bin nicht vorhanden. Ich suche überall, ich suche nach dem, was im Verborgenen stattfand – im Januar, aber auch während des Krieges. Ich reihe mich ein in die Gesellschaft der Wolken, in ihre Hierarchielosigkeit, ich schwebe mit ihnen und lasse mich gleiten, ich suche diesen Flecken Erde, den ich gerne öfter besucht hätte, ich stelle mir vor, wie ich hinüberschwebe, um die Wahrheiten, die wirklichen Schicksale, die Verbrechen zu sehen. Um endlich richtig über sie schreiben zu können. Vielleicht bin ich gar nicht in erster Linie Mensch, vielleicht bin ich in erster Linie Geschichtenerzählerin. Die Wolkengemeinschaft würde dich besuchen, Benafsha Joon, wir würden dich nicht vergessen, wir würden fragen, ob du mit uns weiterziehst. Ich wünschte, wir würden dann eines Tages, wenn all das Grauen erzählt ist, anfangen, uns dem Schönen zu widmen. Dem Schönen, das die Patriarchen dieser Welt so fürchten. Uns ihm ganz hingeben. Worüber würden wir schreiben, wenn es sie nicht gäbe? Worüber würdest du schreiben? Worüber schreibst du?
Du hast gefragt, in welcher Atmosphäre ich mich beim Schreiben am freiesten fühle. Das ist eine so schöne Frage. Jetzt habe ich dir diesen Brief geschrieben und denke: genau in diesen Momenten. In denen ich vergesse, wo ich sitze und dass es unfair ist, dass ich dieses sichere Zuhause habe. In denen es nur darum geht, dass ich meinem Gegenüber vertraue. Und in denen ich die Wut, die so tief in mir steckt, in etwas verwandle, das durch meine Hände in meine Tastatur an den Bildschirm wandert. Buchstaben, die zu Bildern werden können, aber nur dann, wenn jemand sie liest.
Hab vielen Dank, dass du das tust!
Alles Liebe
Shida


