Frauen sollen wie die Berge sein: still, standhaft, unbeweglich, am ihnen zugewiesenen Ort – Brief 1
Benafsha an Shida Bazyar, 05. Mai 2026
Übersetzung: Bianca Gackstatter

Liebe Shida,
während ich dir diesen Brief schreibe, empfinde ich so deutlich, was uns beide verbindet: dass wir Frauen sind. Ich möchte daher versuchen, dir ein Bild der Welt, in der ich lebe, aus dem Blickwinkel einer Frau zu zeichnen. Ich sitze in einem Auto am Rand einer Straße, mir gegenüber erheben sich grüne Hügel und hohe Berge. Ich betrachte die Vorübergehenden, besonders die Frauen, die man in den letzten Jahren nur noch selten außerhalb ihrer Häuser sieht – insbesondere hier, in einer abgelegenen Gegend, in der das Patriarchat noch ausgeprägter ist. In den Augen der Männer hier gehört eine „gute Frau“ entweder ins Haus oder auf den Friedhof, jeder andere Ort gilt ihnen als Schande. Jetzt ist die Sonne untergegangen, der Mond aber ist noch nicht zu sehen. Auf der anderen Straßenseite stehen Häuser aus ungebrannten Lehmziegeln, nicht höher als zwei Etagen. Ich blicke auf ein Leben im Herzen der Natur, mit all seinen Entbehrungen und Herausforderungen. Schnell haben meine Worte das Ende der Zeile erreicht, und ich bin überrascht von der Vertrautheit, die beim Schreiben dir gegenüber entstanden ist. Wir beide haben noch gar nicht viel miteinander gesprochen, liebe Shida, und ich weiß nur wenig über dich, abgesehen von unserem Telefongespräch und einem Interview über dein Buch, das ich auf YouTube gesehen habe. Doch all das hat großen Eindruck auf mich gemacht und mich noch länger beschäftigt. Deine Worte und deine Art zu sprechen haben mich in dem Wunsch bestärkt, dir zu schreiben. Das Youtube-Video hat mir einen tieferen Einblick in dein Werk und deine Gedankenwelt ermöglicht. Am meisten haben mich dabei die Themen Migration und Exil angesprochen – in deinem Leben und deinen Schriften nehmen sie offenbar einen bedeutenden Platz ein. Schon seit deiner Kindheit lebst du fern deiner Heimat und ich wüsste zu gern, wie sich diese Erfahrung auf deine Gefühle, deine Identität, deine Sprache und dein Schreiben ausgewirkt hat. Welche Prägung kann das Patriarchat am anderen Ende der Welt im Schreiben einer Frau hinterlassen, wie beeinflusst es ihr Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft?

Für mich stellt das Exil nicht nur eine geografische Distanz zur Heimat dar, sondern auch einen inneren Zustand, eine Art Dualität, die sich mitunter in meiner Sprache, in meinen Erinnerungen und sogar in meiner Ausdrucksweise manifestiert. Ich bin neugierig zu erfahren, wie du diesen Zustand erlebst. Ich selbst befinde mich momentan auf andere Weise ebenfalls in dieser Verfassung, denn manchmal entsteht sie auch genau an dem Ort, an dem man geboren wurde. In den Worten von Amir Houshang Ebtehaj klingt das so:
„Wie einsam klagst du in Erinnerung an die Heimat,
und was soll ich sagen, dessen Herz fremd ist in der eigenen Heimat?“
Hier in meiner Heimat erlebe ich viele Formen von Ausgrenzung, weil ich eine Frau bin, und in meinem Geist und meiner Seele hat sich ein Gefühl der Entfremdung ausgebreitet. Vielleicht empfinde ich deine Erfahrung deshalb als so nah und nachvollziehbar, auch wenn sie sich äußerlich von der meinigen unterscheidet. Mich jedenfalls bringt meine Entfremdungserfahrung dazu, am Straßenrand über Berge und Wolken nachzudenken. Das Schreiben ist für mich manchmal ein Weg, Gefühle zu verstehen, sie besser kennenzulernen oder sie zumindest auszudrücken.
Manchmal bin ich all der Beschränkungen für Frauen so überdrüssig, dass ich am liebsten wie die Wolken wäre – frei wie sie, die über alle Kontinente fliegen können und denen kein menschliches Gesetz, wo auch immer in der Welt, etwas anhaben kann. Die Welt ist ihr Zuhause und keine Wolke ist einer anderen überlegen. Die Menschen hingegen sind ständig darauf aus, etwas zu finden, aufgrund dessen sie sich überlegen fühlen und Macht über andere ausüben können. Sie können nicht fliegen und versuchen unaufhörlich, auch die Welt der anderen enger zu machen.
Ich habe keine Vorstellung von den Bergen, die du sehen kannst, oder davon, welche Faszination der Anblick eines Sonnenuntergangs inmitten umherziehender Wolken für dich haben mag und was er in deinem Inneren auslöst. Was mich an den Bergen hier so fasziniert, ist ihre Beharrungskraft, ihre Unerschütterlichkeit und ihre Standhaftigkeit inmitten all der vorüberziehenden Wolken. Wer empfindet wohl mehr Freude: die Berge angesichts ihrer Beständigkeit oder die Wolken angesichts ihres immerwährenden Umherziehens? Die Sonne und der Mondschein gehören der ganzen Welt, jeder Winkel profitiert auf seine Weise von ihnen, und sie kennen keine Fremdheit. Ich wünschte, die Menschen könnten ebenso frei sein, unabhängig von Geschlecht, Geburtsort oder Überzeugungen. Ich wünschte, alle hätten das Recht zu lernen, zu arbeiten und ihr Leben selbst zu gestalten. Doch in meinem Land wird den meisten Frauen der Weg zur Bildung verwehrt. Sie dürfen nicht mehr arbeiten und nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Sogar bei der Auswahl ihrer Kleidung und ihrer Lebensweise ist ihr Spielraum eingeschränkt. Viele Entscheidungen, die eigentlich in ihren Händen liegen sollten, werden von Menschen getroffen, die dem Leben von Frauen durch strenge und extreme Vorstellungen enge Grenzen stecken. Diese Ungerechtigkeiten sind nicht neu. Schon viele Generationen vor mir waren damit konfrontiert und trugen ihre Last. Unsere Großväter kämpften für etwas, woran sie glaubten und das sie liebten. Die Geschichte unserer Frauen ist demgegenüber eine andere: Jahrhundertelang konnten sie nie etwas von dem leben, was man Leidenschaft nennt, immer wieder wurde ihnen ein Leben voller Entbehrungen aufgezwungen.
Über die früheren Generationen in deiner Welt weiß ich, abgesehen von den wenigen Dingen, die ich bereits erwähnt habe, nichts. Doch ich freue mich, dass du eine Frau an einem anderen Ort bist, die sprechen und ein Bild von sich selbst in ihrer Gesellschaft entwerfen und es den Menschen in aller Welt vermitteln kann. Ich dagegen befinde mich an einem Ort, an dem man gegen alles ist, was einer Frau Freude macht: gegen das Schminken, Tanzen, das Lesen von Gedichten, das Tragen von Kleidung, die ihr gefällt, Bildung, Arbeit und das Recht auf Selbstbestimmung. Im Grunde sind die Unterdrücker gegen das Glück der Frauen, denn Frauen strahlen lebendig und voller Freude und vertreiben dadurch deren Hässlichkeit und Düsternis.
Während ich diesen Brief schreibe, fühle ich mich von all den Worten ganz bedrückt, die sich über Jahre in den stillen Winkeln meines Geistes und meines Herzens festgesetzt haben und von denen jedes einzelne eine noch nicht erzählte Geschichte in sich birgt. Je mehr ich schrieb, desto stärker spürte ich, dass das, was ich zu Papier brachte, nur ein Tropfen aus dem wogenden Ozean meines Inneren war. Leid, unerfüllte Sehnsüchte, aufgeschobene Träume, bittere und süße Erinnerungen sowie die Lebensgeschichten von anderen Frauen, die zur selben Zeit wie ich in meiner Umgebung leben. All das drängte sich in Gestalt von Worten meinem Bewusstsein auf. Jedes einzelne von ihnen schien nach meiner Hand zu greifen und als erstes Gehör finden zu wollen. Schließlich suchte ich nach kurzen Sätzen, die auf einfache Weise eine Brücke der Verbundenheit zwischen dir und mir schaffen könnten. Eigentlich war ich dabei, von den Bergen zu sprechen, denn hier sollen Frauen wie die Berge sein: still, standhaft, unbeweglich und gebunden an einen ihnen zugewiesenen Ort, als wären sie persönliches Eigentum. Sie können nicht vom Fliegen träumen.
Als ich vor einer Stunde durch Facebook scrollte, war die Seite voller Meldungen über Gewalt gegen Frauen. Frauen, die für nichts geopfert wurden. Ihre Wünsche und Forderungen wurden als unwichtig abgetan und ihr Recht auf Selbstbestimmung missachtet – das Leben einer Frau kann einfach so übergangen werden und niemand wird Gerechtigkeit für sie verlangen. Gerechtigkeit hieße, dass die Gesellschaft gegenüber solchen Schicksalen nicht gleichgültig bleibt, dass sich Protest erhebt und das kollektive Gedächtnis verhindert, dass diese zum Schweigen gebrachten Leben zu bloßen Zahlen in der Gewaltstatistik werden und ihre Namen nach einer Weile durch neue Vorfälle in Vergessenheit geraten. Neue Namen werden der Liste hinzugefügt und verblassen allmählich in der täglichen Informationsflut. Langsam und lautlos tritt das Vergessen an die Stelle des Mitgefühls.
Diesen Frauen war es seit Beginn ihres Lebens verwehrt, ein Zuhause und eine Heimat für sich selbst zu haben. Sie sind die am stärksten von Heimatlosigkeit geprägte Generation der Menschheit. Von Geburt an werden sie als Eigentum anderer bezeichnet. Später gelangen sie als Besitz eines Ehemanns an einen neuen Ort, doch kein Ort gehört jemals ihnen. Nirgends können sie frei atmen und ihr Leben gilt als wertlos. Nur wenige dieser Frauen bleiben von dem Gefühl der Heimatlosigkeit, der Entwurzelung und der Zurückweisung durch die eigene Familie oder den Ehemann verschont.
Ich selbst bin glücklich darüber, dass ich eine Stimme aus meinem Inneren sein kann, eine Stimme, die die räumliche Distanz zu überbrücken und die Verbundenheit zu vertiefen vermag. Ich empfinde es als großes Geschenk, in einer Familie aufgewachsen zu sein, die mich als vollwertigen Menschen sieht. Meine Familie ermöglichte es mir zu lernen, eigenständig zu denken und meine Gedanken frei zu äußern. In diesem Umfeld habe ich es nie als einen Mangel erlebt, eine Frau zu sein. Vielmehr war dies ein natürlicher und wertvoller Teil meiner Identität, die auch von der Freiheit des Denkens und Schreibens geprägt ist. Ich würde gern erfahren, wie sich dein Weg für dich als Frau entwickelt hat, in welcher Atmosphäre du dich beim Schreiben am freiesten fühlst. In welchen Räumen empfindest du das Schreiben als besonders natürlich und vertraut?
Ungeduldig warte ich auf deinen Brief, damit die Schmetterlinge der Gedanken in mir wieder zu fliegen beginnen. Und der von Entfremdung verdunkelte weibliche Himmel über mir wird eine leuchtende Farbe annehmen, wenn ich von deinen Gefühlen als Frau und den Stimmungen von Frauen in einer anderen Welt lese.
Ich wünsche dir Glück und Liebe
Benafsha


