Wo bist du, Zuhause, und wo liegen deine Grenzen? | Brief 1
Zein Khuzam an Svitlana Oslavska, Damaskus, 08. September 2025

Aus dem Arabischen von Barbara Winckler
Liebe Svitlana,
ich grüße dich.
Ich schreibe dir von meinem grünen Sofa in Damaskus aus. Es ist zwei Uhr morgens. Ich bin allein im Wohnzimmer, mein kleiner grauer Kater liegt ausgestreckt vor mir, nur selten hebt er den Kopf oder es bewegt ihn die Neugier.
Seit dem Moment, als ich erfuhr, dass ich mit einer ukrainischen Autorin korrespondieren werde, treibt mich eine Frage um: Hat dir der Krieg dein „Zuhause“ genommen?
Ich lebe seit meiner Geburt in Syrien und habe das Land nicht verlassen während all der Jahre des Krieges, von dem ich immer noch nicht weiß, ob er wirklich vorbei ist oder ob er jetzt bloß ein anderes Gesicht zeigt. Während all der Kriegsjahre hörte ich nicht auf, den Gedanken an das „Zuhause“ zu verfolgen – an den Ort, der Sicherheit und Zugehörigkeit gewährt. Obwohl mein Elternhaus durch den Krieg nicht zerstört wurde, hat es für mich doch seine Bedeutung als Zuhause verloren, auch wenn seine Wände und Decken noch stehen.
Als das Regime fiel, überkam mich wie viele andere das überwältigende Gefühl, dass eine düstere Phase zu Ende gegangen war. Doch die Hoffnung zerbröckelte schon bald mit Beginn der Massaker an der Küste, die durch bewaffnete, mit der Übergangsregierung verbundene Truppen verübt wurden. Neue Massaker … Und erneut brachen die Wände des Zuhauses ein.
Ich frage mich oft: Ist das ein Gefühl, das nur uns Syrer betrifft? Oder ist es so, dass alle es kennen, die den Krieg erlebt haben? Hast du auch das Gefühl, dass dein Zuhause bedroht ist und du es immer wieder neu definieren musst?
Bereits einen Tag, nachdem ich die Einladung zu unserem Briefwechsel bekommen hatte, begann ich, mir Notizen für diesen Brief zu machen. Damals hatte ich gerade meinen neuen Job als Journalistin und Fotografin bei Al-Jumhuriya begonnen. Wenige Tage später wurde ein Selbstmordanschlag auf eine Kirche in Damaskus verübt. Ich ging hin, um darüber zu berichten, mit Kamera und Interviews.
Am Tag des Anschlags war ich emotional wie betäubt. Ich fühlte nichts. Ich sagte mir, als wollte ich der Sache ausweichen: So etwas war zu erwarten, nachdem die Al-Nusra-Front die Macht übernommen hat. Doch am nächsten Tag betrat ich die Kirche, um die Beerdigung zu fotografieren. Ich fand das Gotteshaus voller Blumenkränze und von Granatsplittern verursachter Löcher im ganzen Raum. Der Geruch von Blut war durchdringend, heiß, schmerzhaft, vermischt mit dem von billigem Bodenreiniger. Ein Moment, der wohl niemals aus meinem Gedächtnis gelöscht werden wird. An diesem Tag fotografierte ich unter Tränen. Erst da begriff ich das Gewicht dessen, was sich ereignete, und die Frage nach dem „Zuhause“ begann mich erneut zu verfolgen.
Es dauerte lange, ehe ich in der Lage war zu begreifen, was geschah. Dann kam die Tragödie von Suweida, und als ich die Videos sah, die in den sozialen Medien kursierten, brach mir fast das Herz: Häuser werden niedergebrannt, Menschen entführt und von Balkons geworfen, überall ist Blut und die Gesellschaft zutiefst gespalten und gewaltbereit.
Ich konnte mich nicht mehr mit Worten ausdrücken, alles schien meine Aufnahmefähigkeit zu übersteigen. Ich fühlte mich hilflos angesichts von Häusern, deren Besitzer sterben beim Versuch, sie zu verteidigen, und so sterben die Häuser mit ihnen. Inmitten all dieses Schmerzes und dieser Hilflosigkeit tritt die Frage nach dem Zuhause im Persönlichen in den Hintergrund und wird zugleich drängender in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Bis heute frage ich mich: Wie kann man in solchen Momenten wissen, was „Zuhause“ bedeutet? „Zuhause“ im weiteren Sinne: Heimat. Es ist nicht verwunderlich, dass die beiden im Englischen mit demselben Wort bezeichnet werden. Ich frage mich mit aufrichtiger Neugier: Ist unsere Wahrnehmung von „Zuhause/Heimat“ und unser Verständnis davon etwas, das aus der Erde, auf der wir leben, und aus uns selbst heraus entsteht und dann eine allgemeine Bedeutung annimmt? Oder wird es uns von außen aufgezwungen? Zwingen eine Autorität, Gesetze oder gesellschaftliche Zwänge es uns auf?
Heute stellt sich in Syrien erneut die Frage: Was ist Syrien überhaupt? Es gibt darüber keinen Konsens. Und deshalb sind wir jetzt anfällig dafür, dass irgendjemand kommt und für uns entscheidet, was unser Zuhause ist und wo seine Grenzen liegen, wer seine Bewohner sind und wer seine Feinde.
Wo bist du, Zuhause, und wo liegen deine Grenzen? Und müssen wir wirklich für dich sterben?
Mein erster Dokumentarfilm handelte von einer jungen Frau, die ihr Elternhaus in einer Kleinstadt verlässt und nach Damaskus zieht, um sich ein unabhängiges Zuhause aufzubauen. Ich nannte ihn „Der Weg nach Hause“. Die Protagonistin, Marwa, mietet ein enges, fensterloses Zimmer, das sie mit auf A4-Papier gedruckten Bildern von Buchcovern und Filmplakaten füllt, in dem Versuch, sich mit all dem zu umgeben, was sie liebt. Vielleicht glaubt sie, diese vier Wände könnten ihr Zuhause werden. Doch es wird zu eng für ihre Träume. Marwa wandert aus. Ich weiß nicht, ob sie ihr Zuhause an einem anderen Ort gefunden hat.
Was mich betrifft, so bin ich noch immer auf der Suche. Mit Mitte dreißig frage ich mich: Ist es an der Zeit zu akzeptieren, dass ich ein Mensch ohne ein Zuhause bin? Ist es an der Zeit zu gehen?
Vor einiger Zeit traf ich eine Frau, die für eine humanitäre Organisation in Kyjiw arbeitet. Ich erzählte ihr von dir. Ich sagte ihr, dass du Journalistin und Schriftstellerin bist und Rechtsbrüche und Zeugnisse von Menschen im Krieg dokumentierst. Ich fragte sie, ob die Ukrainer heute ihre Identität und Zugehörigkeit bedroht sehen. Sie sagte: Nein, im Gegenteil, in weiten Teilen der Bevölkerung wächst das Zugehörigkeitsgefühl.
Ich weiß nicht, ob du ihrer Meinung zustimmst oder nicht, aber heute schreibe ich dir diesen Brief von dem grünen Sofa in meinem auf dem Krater eines Vulkans gebauten Zuhause aus, um dich zu bitten: Erzähl mir von deinem Zuhause.
Viele Grüße
Zein






