Bis wir zusammen herumstehen können, wo wir wollen – Brief 3
Judith Hermann an Zaheda, Nordsee, 16. Dezember 2026
Übersetzung: Ali Abdollahi

Liebe Zaheda,
dein Brief ist in meinem Mailpostfach angekommen. Ich habe ihn ausgedruckt, in einen Umschlag getan, den Umschlag an mich selbst adressiert in einer Schrift, von der ich mir vorstelle, es könne deine sein. Ich habe eine Briefmarke in die obere rechte Ecke gezeichnet, auf der ein Eselchen zu sehen ist und eine Pinie. Ich habe den Umschlag mit einem blauen Luftpostaufkleber versehen und einen Tag lang in meiner Manteltasche mit mir herumgetragen, bis er ein wenig zerknittert, staubig, weitgereist und sprichwörtlich mitgenommen ausgesehen hat, dann habe ich ihn in meinen Briefkasten gelegt und gewartet.
Achtzehn Tage lang?
Zwanzig.
Wie lange dauert Post aus Afghanistan. Es hat geregnet, geschneit, geregnet und geschneit, der Wind hat die letzten Blätter von den Bäumen geholt. Die Sonne hat geschienen. Der Mond hat ab-, dann wieder zugenommen. In meinem Briefkasten lag eines Tages Post aus Herat. Du hast geschrieben! Ich habe deinen Brief mit ins Haus genommen, mich an meinen Schreibtisch gesetzt, ihn geöffnet und gelesen.
Liebe Zaheda.
Du hast geträumt, ich wäre in Herat gewesen. Du hast mir einen grauen, knielangen Mantel zugeschrieben, eine staubige Mütze und einen ausgreifenden Schritt, du hast mir Mut zugeschrieben, du hast mich in die Zitadelle hinein und bis auf den Festungswall gehen lassen, ich sehe eine Judith, die ich sein könnte, in deiner Welt. Natürlich träume ich, du wärest hier. Ich sehe dich in der Mitte meines Zimmers stehen, groß und aufrecht, ein Schilfrohr wie eine Feder in der rechten, ein Tintenfass in der linken Hand, du tauchst das Schilfrohr in die Tinte und schreibst in die Luft hinein, als wäre die Luft Papier. Alles, was du schreibst, kann ich sehen. Schwebende Zitadellen, Minarette, Basare, Azur und Kupfer, Silber und Türkis, ich kann hören, was du schreibst, ich höre den Ruf des Mannes mit dem Esel, ich höre den Muezzin. Mein stilles leeres Zimmer ist nicht mehr still noch leer. Es sind kleine Panzer in diesem Zimmer, kleine Männer in Sandalen, mit geschulterten Waffen. Wie klein sie sind. Ich habe deinen Brief gelesen und ich habe verstanden, dass diese Männer Riesen sind, aber indem du sie schreibst, verwandeln sie sich, sie werden winzig. Ihre Umarmungen sind vergeblich. Sie krabbeln davon. Sie zerfallen.
Weißt du, dass du sie verwandelst?
Ich habe mein Tagebuch aus dem Jahr 2021 gesucht und gefunden. Am 21. August 2021 war Neumond, ein Samstag, an dem die Sonne um 8:18 auf- und um 20:30 wieder untergegangen ist. Offenbar ein kalter Sommer, ich habe Regen und Sturm notiert und Licht wie unter Wasser. Im Sommer gehe ich jeden Tag schwimmen. Auch an diesem 21. August bin ich schwimmen gegangen, ich bin aufs Rad gestiegen und ans Meer gefahren, zwei Kilometer, an den Feldern entlang, durch das Dorf hindurch, über den Deich hinweg bis zum Hafen. Im Hafen gibt es ein Becken, das in meiner Kindheit eine bewachte Badestelle gewesen, heute verlassen ist. Es gehen nur noch wenige Leute dort baden, meist Einheimische, früher gab es ein Sprungbrett und einen Steg, von dem aus man ins Wasser springen konnte; das Sprungbrett ist verrottet, der Steg verschwunden, jemand hat als Ersatz eine abgesägte Aluminiumleiter an die Kaimauer gekettet, deren Sprossen glitschig sind, voller Tang und Seepocken. Am 21. August 2021 schreibe ich Das Provisorium dieser Aluleiter ist deprimierend. Ich schreibe Aber wenn ich im Wasser bin, bin ich dankbar und ohne eine Frage.
Ich notiere auch ein gewisses Unglück. Warten auf Entscheidungen von anderen. Unruhe. In diesem Sommer 2021 bin ich offenbar sehr mit mir selbst beschäftigt. Es gibt nichts, was mich davon abhalten würde, mich mit mir selbst zu beschäftigen.
Liebe Zaheda. Du fragst mich, ob die Unglücksjahre ein Ende haben werden, ob es eine Tür gibt, die sich der Hoffnung öffnen wird. Ich möchte dir schreiben, dass die Unglücksjahre ein Ende haben und dass sich nicht nur Türen, sondern Tore öffnen werden. Aber das schreibe ich, weil ich es glauben will, nicht, weil ich es weiß. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse – mein verregneter Sommertag, dein Tag im August, an dem deine Stadt überwältigt und eingenommen, an dem du mit deiner Stadt und deinem ganzen Land zusammen gefangen genommen worden bist – die Gleichzeitigkeit der Ereignisse ist nicht zu verstehen. Du hast am Fenster gestanden und auf deine Straße hinunter gesehen mit einem, wie du schreibst, zitternden Herzen, mit kraftlosen Beinen. Ich habe eine abgesägte Leiter deprimierend gefunden, bin sie hinabgeklettert und in kaltes, brackiges Wasser getaucht, ich bin geschwommen, das Wasser hat mich getragen, ich bin anscheinend auf eine traurige Art glücklich gewesen. Was hat das zu bedeuten? Es hat entsetzlicherweise nicht das Geringste zu bedeuten, aber auf der Suche nach Antworten auf Fragen, die nicht zu beantworten sind, greifen wir nach allem, was sich zeigt, so machen wir das, oder. Ich habe diesen meinen Sommertag vergessen. Ich hatte ihn vergessen, aber weil du mir geschrieben hast, habe ich mein Tagebuch gesucht, gefunden, darin gelesen, diesen Tag wiedergefunden, der aus meinem Leben gefallen, verschwunden gewesen war. Du hast den 21. August 2021 bis heute nicht vergessen und wirst ihn nie vergessen. So schrecklich dieses Nichtvergessen ist – es bedeutet etwas, oder. Aber was. Was bedeutet das.
Meine liebe Zaheda. Ich schreibe dir und ich denke an dich am frühen Morgen im Dezember. Blaue Stunde, das Licht vor meinem Fenster ist blau, wenn die Sonne aufgegangen ist, wird es grau sein, alle Schattierungen von Grau über diesem Land, es ist kalt, dein Brief liegt auf meinem Schreibtisch, es ist beinahe zu einfach, aber es ist, wie es ist: dein Brief ist voller Farben und er ist warm. Bei aller Trauer – ich danke dir für deinen Brief.
Zaheda. Ich kann dich in dieser blauen Stunde so deutlich vor mir sehen, kein Traum, keine Vision. Da bist du und du stehst in einem Ozean aus Worten. Du hast mir auf dem Gebetsplatz in Herat eine kleine türkise Scherbe in die Tasche meines Mantels gesteckt, auf die ich achtgeben werde, bis wir uns wiedersehen können. Bis wir zusammen herumstehen können, wo wir wollen.
Die Unglücksjahre werden aufhören.
Deine Judith


