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Untold Narratives – Weiter Schreiben > Judith Hermann & Zaheda > Eschtani – wie geht es dir – Brief 1

Eschtani – wie geht es dir – Brief 1

Judith Hermann an Zaheda, 25. August 2025

© Judith Hermann

Liebe Zaheda,
wenn ich mich heute zu Fuß auf den Weg zu dir machen, wenn ich aus dem Haus gehen würde in einem Mantel, mit einer Mütze, einer Flasche Wasser, einem Notizbuch und einem Stift – dann käme ich im Herbst in Herat an. Ich bräuchte fünfzig Tage, dann wäre ich bei dir – würde ich so gehen, wie wir in Träumen gehen, ohne Schlaf, ohne Nahrung, ohne eine Pause. Ich würde gen Süden und gen Osten gehen. Über die Oder, durch Polen, die Ukraine, durch Russland hindurch, am Saum des Kaspischen Meers entlang, durch Turkmenistan, Usbekistan, über Berge, Täler und Flüsse hinweg – dann stünde ich vor deiner Tür. Ende Oktober. Es ist unnötig und traurig zu schreiben, dass ich in der Wirklichkeit alle diese Länder in diesen Zeiten nicht durchqueren kann.

Zaheda. Ist es kalt in Herat im Oktober?  Gibt es einen Herbst in Herat.

Liebe Zaheda.
Eschtani – wie geht es dir.
Ich war noch niemals in Herat, noch nie in Afghanistan. Ich falle mit der Tür ins Haus, ich schreibe einen Brief ins Nichts, einen Brief auf einem leeren weißen Blatt Papier in einen leeren weißen hellen Raum hinein. In Herat ist es, so viel weiß ich, jetzt Abend und es ist sehr heiß, fast vierzig Grad, windig und dunkel, und du und ich sehen heute Nacht denselben Mond. Hier ist es Nachmittag. Früher Abend, auch windig, aber kühl und noch hell, in drei Stunden wird es dämmern, dann geht der Mond über dem Feldrand auf.
Du hast mich gefragt, wie ich die Geschichte „Sonja“ geschrieben habe. Ich muss dir sagen, dass ich mich daran nicht erinnern kann. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich war jung, als ich diese Geschichte geschrieben habe, und sicher war ich unglücklich verliebt. Ich habe versucht – daran erinnere ich mich –, die Geschichte aus der Sicht von Sonja zu schreiben, es ist aber aus ihrer Sicht eine gewöhnliche Geschichte gewesen, ein alltägliches Unglück, nicht wichtig und nicht wirklich schön. Ich habe die Geschichte beiseitegelegt (es war keine Geschichte). Später noch einmal von vorne angefangen – und aus der Sicht eines Mannes erzählt. Ich nehme an, das ist der springende Punkt gewesen. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt. Ich schrieb in Wewelsfleth, einem kleinen Dorf an einem großen Fluss im Norden Deutschlands, und im Winter, das war ein Writer-in-Residence-Haus, in dem ich sehr einsam und sehr glücklich gewesen bin. Ich schrieb vormittags, ich ging am Nachmittag am Fluss lang, bis es dunkel wurde. Januar, Februar. Der Fluss fror zu. Eine weite weiße Fläche blasses Eis, auf dem Gänse landeten. Es ist wirklich lange her. Ich glaube, es war wichtig, dass ich gar nicht wusste, dass ich eine Geschichte schreibe. Ich wusste nicht, dass aus dieser und anderen Geschichten ein Buch werden würde. Ich dachte über mich nach, über meine Vorstellungen vom Leben, über Erwartungen und Enttäuschungen. Es war ausgesprochen tröstlich, zu schreiben. Hätte ich gewusst, dass die Erzählung „Sonja“ später in einem Buch stehen, dass sie gelesen werden, dass es andere Menschen geben würde, die sich von Sonja ein Bild, eine Vorstellung machen würden, dann hätte ich Angst gehabt. Und wenn ich Angst gehabt hätte, wäre es eine andere Geschichte geworden.
So ist das, oder?
Liebe Zaheda, wenn ich dich besuchen käme, wo würden wir sitzen. Was würden wir trinken, was würden wir essen? Ich stelle mir vor, dass wir in einem Garten sitzen, Tee trinken, Baklava und süße Datteln essen würden. Ich weiß nichts. Kämest du, umgekehrt, mich besuchen, tränken wir schwarzen Tee mit Zucker und mit Sahne. Wir äßen ein kleines Stück Butterkuchen dazu, ein Brot mit Brombeermarmelade. Wir würden spazieren gehen. Vielleicht würden wir schwimmen gehen, zumindest würden wir mit den Füßen ins Wasser gehen. Das Meer hier ist kalt; weil es salzig ist, trägt es. Ich gehe jeden Tag ins Wasser. Seit einiger Zeit schwimme ich nicht mehr so viel, ich liege auf dem Rücken im Wasser und lasse mich treiben. Mir kommen viele Dinge schwer vor zurzeit. Es fühlt sich manchmal so an, als würde das Meer mir für einen kurzen Moment das Schwere abnehmen.
Ich würde gerne wissen, wie dein Tag aussieht. Wann stehst du auf, wie verbringst du den Morgen, was siehst du, wenn du aus dem Fenster schaust, was siehst du, wenn du vor die Tür trittst.
Was hörst du, wenn du die Augen schließt?
Wohnst du zu ebener Erde? Oder in einem Haus mit vielen Stockwerken. (Ich habe mir Herat im Internet angesehen, es ist eine so große, eine riesige Stadt.) Bist du oft allein. Bist du viel unter Menschen. Wünschst du dir mehr Menschen um dich herum, oder bist du gern allein? Bist du zu wenig allein. Liest du viele Bücher. Und wenn ja – was liest du? Liest du am Morgen, am Abend oder auch am Tag. Leben deine Eltern noch. Hast du ein Kind, hast du viele Kinder. Schläfst du gut; träumst du, wenn du schläfst? Kannst du dich an deine Träume erinnern.
Ich habe ein Kind. Meine Eltern leben noch. Ich wohne mit meinem Mann in einem Haus, das am Rand eines Feldes steht. Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich eine Wiese, einen Acker, auf dem Kartoffeln angebaut werden, ich sehe den Deich, auf dem die Schafe grasen. Hinter dem Deich ist das Meer. Ich kann es nicht sehen, aber ich höre die Vögel, die am Meer sind. Gänse, Brachvögel, Seeschwalben. Es ist sehr schön, dass ich diese Vögel hören kann.
Mein Schreibtisch steht am Fenster. Der Raum, in dem der Schreibtisch steht, ist leer. Ich erinnere mich nicht daran, wie es war, die Erzählung „Sonja“ zu schreiben, aber ich erinnere mich an den Tisch, an dem ich sie geschrieben habe. Er stand auch am Fenster – vielleicht also eine Prägung – und der Blick ging auf einen Garten und eine Kirche hinaus. Ich erinnere mich gerne an Tische, an denen ich geschrieben habe. Tische in Küchen. In Hotelzimmern. In fremden Häusern. An was für einem Tisch liest und arbeitest du? Ist es ein Tisch aus Holz? Ein neuer Tisch oder ein alter, mit einer Geschichte, einer Vorvorbesitzerin, mit Spuren.
Hast du das Gefühl, das Leben geht schnell?

Liebe Zaheda – bis bald. Judith

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