Getrocknete Träne – Brief 1
Tamanna Easar an Yael Inokai, London, 19. Juni 2025
Übersetzung: Bianca Gackstatter aus dem Persischen

Liebe Yael,
erstmal wünsche ich dir Glück und Gesundheit! Und nun vertraue ich dir die getrocknete Träne an. „Getrocknete Träne“ ist der Name, den ich für diesen Brief ausgewählt habe, da auf diese Weise – so zumindest meine Meinung – der Brief eine Seele erhält und nicht mehr nur ein bloßes Kommunikationsmittel zwischen dir und mir ist. Die Tradition, nicht erkannt und gesehen zu werden, unsichtbar zu sein, sollte in dieser schönen und zugleich grausamen Welt gebrochen werden, auch wenn das Wort nur von einem stummen Blatt Papier stammt, auf dessen weißer Brust wir die Worte füreinander anordnen. Ich wünsche mir sehr, dass die Worte, die ich mit der Tinte meines Stifts auf dieses Blatt Papier schreibe, dich erreichen, damit du sie berühren, an ihnen riechen und sie lesen, die Vertiefung der Worte auf dem Blatt spüren kannst, die für mich mit dem Abgrund des Schicksals aller Heimatlosen vergleichbar ist, auch derer, die im eigenen Land heimatlos sind. Und dass du den Duft der Mittagssonne, die still und sanft die Seite meines Heftes küsst und ihr Wärme schenkt, riechen kannst. Vielleicht kannst du dann beim Lesen mein Schweigen zwischen den Worten und Zeilen besser hören. Das ist die Stimme von Millionen afghanischer Frauen, Männer und Kinder, die in ihrem eigenen Heimatland und in ihrem Inneren ins Exil getrieben wurden. Es ist ein Schweigen, das ich in diesen ein, zwei Briefen leider gar nicht vollständig beschreiben kann.
Während ich dir schreibe, sitze ich im Zug auf dem Weg vom Flughafen nach Hause. Der Plan war, dass ich nach fast vier Jahren, die ich nun in London bin, von England aus in den Iran fliege, um meine Eltern zu treffen. Ich durfte die Reise aber nicht antreten. Ich durfte nicht in der Wärme ihrer Umarmung aufgehen und nicht den Duft ihrer Haare und Hände in mich aufsaugen. Die Fluggesellschaft ließ mich nicht reisen, weil sie mein Visum nicht akzeptierte, obwohl seine Gültigkeit von der Botschaft bestätigt war. Während der ganzen zwei, drei Stunden am Flughafen flatterte ich wie ein verzweifelter kleiner Vogel im Käfig herum. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als unglücklich nach Hause zurückzukehren.
Ich werfe mein Reisegepäck, das voller Geschenke und Zeichen der Liebe, Trennung und Sehnsucht für die Familie ist, von einer Schulter auf die andere, um besser schreiben zu können. Angesichts dieser furchtbaren Situation fühle ich vor lauter Fassungslosigkeit gar nichts mehr. Ich könnte den Himmel zerreißen vor lauter Schmerz, Wut, Verzweiflung und dem quälenden Gefühl der Heimatlosigkeit, und die Erde mit dem Himmel verknoten. Ich ringe darum, ruhig zu wirken, aber in meinen Adern kocht es. Ich kann die Bewegung selbst der kleinsten Äderchen in meinem Körper spüren. Mein Kopf gibt keine Ruhe mehr. Es fühlt sich an, als wäre er voller Würmer, die mein Gehirn aussaugen. Doch es gibt etwas, das den Sturm in mir bändigt: die Akzeptanz. Eine schmerzhafte und unfreiwillige Akzeptanz. In diesem Moment wünschte ich, weinen zu können. Doch wo sind die Tränen? Es ist, als hätte ich im Exil bei all der unfreiwilligen Akzeptanz das Weinen verlernt.
Weißt du, liebe Yael, wenn ein Mensch verlernt zu weinen, gleicht er einem Strauch inmitten der Wüste, dem es egal ist, ob der Regen seine Wangen berührt oder nicht, und der allmählich eins wird mit dem Staub und den Rissen der Wüste. Er kennt die Stille voller Schreie der Nächte und der Tage. Er kennt das Heulen der Winde und der Stürme und weiß, wie man darin standhaft bleibt. Horch! Er wird eins mit der Wüste – einer Wüste, die einst vielleicht das Bett eines Flusses oder eines Meeres gewesen ist. Er ahnt nicht, dass das Ungeheuer sofort das Wasser des Lebens aus seinen Adern trinkt, die dadurch ganz leer und rissig werden, bis er schließlich selbst zur Wüste wird. So ergeht es auch den Menschen: Ab einer bestimmten Stelle finden sie sich inmitten eines Niemandslands wieder und bemerken, dass sie sich verändert haben – unwiederbringlich verändert haben.
Ich lehne mich an die Zugtür. Zu meiner Rechten stehen hübsche Frauen mit Weingläsern in ihren Händen. Es ist das erste Mal, dass ich eine solche Szene miterlebe. Ich mag das Lachen, das Selbstvertrauen, die Unbeschwertheit und den Mut dieser Frauen. Ihr lautes Lachen passt so gar nicht zu meiner aufgewühlten Verfassung, trotzdem fällt mein Blick mehrere Male auf diese schöne Szene und ich beobachte sie neugierig. Es kostet sie Mühe, bei den Bewegungen des Zugs auf ihren hochhackigen Schuhen das Gleichgewicht zu halten und den Wein in ihren Gläsern nicht zu verschütten. Ich kenne diesen Kampf aus einem anderen Blickwinkel. Ich habe die Frauen Afghanistans gesehen und sehe sie immer noch. Frauen, die nicht den Wein im Gleichgewicht zu halten versuchen, sondern das Gleichgewicht zwischen dem Tod und dem Leben – in ihren Händen, ihren Augen, ihren Herzen, ihren verletzten und stumpfen Blicken.
Ich bin begierig, zu lernen und zu schreiben, und ich bin neugierig, etwas über dich zu erfahren, liebe Yael! Warum verändern sich die Definition, die Bedeutung und die Interpretation aller Worte und Begriffe, sobald wir eine Grenze überschreiten – ob geistiger oder physischer Natur? Zum Beispiel von Begriffen wie Freiheit, Frieden, Krieg, Reichtum, Gerechtigkeit, Wissenschaft, Leben, Mensch, Menschlichkeit, Menschheit, dem Guten, dem Schlechten und dem Bösen – und schließlich dem Tod. Hier im Westen entsprechen diese Begriffe in keiner Weise dem, wie ich sie im Osten kennengelernt und erlebt habe. Warum all diese Unterschiede? Warum all diese Distanz? Warum all diese Dualität? Warum all dieses Auseinandergerissensein? Warum all diese Gefühllosigkeit? Wo stehen wir Menschen in diesem Leben? Wo befinden wir uns in diesem Dasein, dass wir einander nicht sehen und nicht hören? Was ist dieses Blau in unserer Ferne? Wo ist unser Horizont?
Liebe Yael, zwei Tage sind inzwischen vergangen. Zwei Tage, an denen ich in keiner guten Verfassung war. Meinen Eltern ging und geht es ebenfalls nicht gut. Per Videocall rufen sie mich an und versuchen mich aufzuheitern, doch der Himmel in ihren Augen spendet keinen Trost. Mich plagt das schlechte Gewissen, denn als Tochter ist es meine Pflicht, die Herzen dieser betagten und leidgeprüften Menschen glücklich zu machen, anstatt ihnen Kummer zu bereiten. Aber ich kann nichts tun. Ich schreibe dir das, um zu schildern – sofern es mir gelingt –, wie schwer das Leben im Exil und in der Heimatlosigkeit ist. Was ist Heimat überhaupt? Wo ist sie? Wenn ich die Frage für mich selbst beantworte, komme ich trotz meines Kosmopolitismus, aber vielleicht wie viele Menschen, die im Krieg geboren und aufgewachsen sind, zu folgendem Schluss: Heimat ist für mich der Flecken Erde, auf dem ich geboren bin. Heimat bedeutet für mich den Herzschlag meiner Eltern und ihre warme Umarmung. Meine Heimat ist Afghanistan, wo ich mehr als zwanzig Jahre herangereift bin und in dessen Schoß ich die Welt und die relative Freiheit kennengelernt habe. Heimat ist für mich jene kleine, schlammige Gasse in Parwan, einer Provinz in Zentralafghanistan, in der ein wunderschönes Granatapfelbäumchen seinen Kopf über die Schultern einer Lehmmauer hängt und im Herbst rubinrote Kerne aus seiner geöffneten Brust in die Gesichter der Vorbeigehenden streut.
Aber, oh weh! Selbst diese Symbole und Szenen haben inzwischen ihre Farbe und ihre Bedeutung verändert. Erst vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass ein junges Mädchen das Gleichgewicht zwischen dem Tod und dem Leben verloren und sich an einem Granatapfelbaum in ihrem Hof erhängt hat, um der Zwangsverheiratung mit einem Talibankämpfer zu entgehen. Denn wenn sie das nicht getan und sich der Verheiratung widersetzt hätte, hätten die Taliban ihren Vater und ihren Bruder mitgenommen. Hätte sie der Verheiratung zugestimmt, wäre sie in ein weißes Hochzeitskleid gleich einem Leichentuch gesteckt worden und anstatt wie angeblich jedes Mädchen nach der Hochzeit in das sogenannte „Haus des Glücks“ zu ziehen, wäre sie lebendig begraben worden. So ist der Granatapfelbaum für mich nicht länger nur ein Symbol der Heimat, sondern wandelte sich zu einem Symbol für Blutvergießen, Ungleichheit, Frauenfeindlichkeit, für das Patriarchat und die Unterdrückung durch die Taliban.
Liebe Yael, inzwischen sind weitere acht Tage vergangen. Vor drei Tagen bin ich aus dem Iran zurückgekehrt. Nachdem das mit meinem Flug nicht geklappt hatte, schlug ich wie Wasser gegen Steine, Berge und Felsen, um nicht stillzustehen und trübe zu werden, um weiterzufließen und mich nicht zu ergeben. Am Ende schwamm ich nicht mit dem Strom, sondern wurde selbst zum Strom. So kam es, dass diese glückselige Vereinigung, die in den letzten Jahren jeden Moment wie ein Traum in meinem Kopf und meinem Herzen und mir eine stete Quelle der Hoffnung und Ermutigung war, an einem wunderschönen Morgen mit der Sonne als Zeugin Realität wurde. Wie habe ich diese süße Vereinigung ausgekostet! Ich habe die Liebe ausgekostet – eine so heilige und reine Liebe. Die Liebe der Eltern, deren ganzes Wesen mit ihren Kindern verbunden ist, denen jeder Atemzug gilt. Dabei wurde mir klar, dass die Welt trotz all ihrer Hässlichkeit doch auch schön ist. Vielleicht bedeutet Leben, den ganzen Schmerz, die Schönheit und den Kampf zu durchleben.
Ich freue mich schon auf deinen Brief und schicke dir aus der Ferne meine schwesterlichen Grüße!
Auf die Gleichheit und Gerechtigkeit,
Tamanna, eine Frau im Exil
Dieser Brief entstand im Projekt „Untold Narratives – Weiter Schreiben. Briefwechsel mit afghanischen Autorinnen“, eine Kooperation der KfW Stiftung, Untold Narratives CIC und Weiter Schreiben.


