Eine andere Berührung

Gedicht anhören, vorgelesen von Melika Foroutan:
Es dauerte nicht lang, bis ich begann,
diese Einsamkeit zu verstehen,
bis ich begann, mich an die Betrunkenen zu gewöhnen,
die an Bahnhöfen leben und einen seltsamen Tod sterben.
Seit Monaten sehe ich selten ein anderes Gesicht,
aber neue Rezepte habe ich gelernt.
Ist das Kochen für jemanden, den man gernhat,
nicht auch so etwas wie ein Gedicht?
Möchte ich mich ausdrücken, so gelingt es mir
manch einmal mit einem Lächeln,
manch einmal mit einer bloßen Geste,
als spräche ich zu den Augen eines Kindes.
Auch das gemeinsame Schauen eines Films
kann zu einer intimen Zeremonie werden,
gleich der Dichtung …
Und dem Erlebnis der Dichtung
kommen auch die großartigen Momente gleich,
in denen ich denke, dass mein Bauch ein Ballon ist,
der sich aufbläst und gleich platzen könnte.
Nun, letztlich trage ich doch etwas Lustiges in mir,
frei von Angst und Schmerz.
Ich erlange derzeit mein Recht zurück,
aufzustehen, wann ich möchte,
zu lesen, was mir gefällt,
mich auffällig zu kleiden,
sollte es anderen auch ein Dorn im Auge sein,
ohne Erklärung zu weinen,
mein Recht,
beim Dichten die Zeit zu vergessen,
merkwürdige Bilder kommen und gehen zu lassen.
Das Gedicht, das mich festhält seit Jahren.
Das Gedicht, das mich erlöst,
wenn das Leben mir übel zusetzt.
Das Gedicht, das im Bauch zu tanzen beginnt
und sich in der Kehle verfängt.
Das Gedicht, das mir zur Freundin wird,
die Langgeliebten mir ersetzt
und die Familie,
die in einem Land voller Dunkelheit wohnt.
Das Gedicht, das über mein Herz streicht
wie die Hand meiner Mutter
und das ins Freie fliegt, so,
als wollte es nie wiederkehren.

