Reber Yousef und Deniz Utlu beschäftigen sich beide mit Erinnerungsgeographien in ihren Texten.

Die ersten Augenblicke der Morgendämmerung, als wir die Felder durchquerten

 

Rheine, 29. 10. 2023

Lieber Deniz Utlu,

annähernd eine Stunde ist vergangen; nein, mehr, vielleicht … nein, ich vermute fast zwei Stunden, vielleicht noch mehr, und ich bin unschlüssig, was ich Dir schreiben soll. Man hat mich gebeten, Dir einen Brief zu schreiben. Zuerst wollte ich mich davor drücken, ich habe sie nicht belogen, ich habe mich aber gefragt: Was soll ich Dir denn schreiben? Einige wenige Tage, in denen ich in dieser Angst lebe, haben mein Leben auf den Kopf gestellt. Aber gibt es da wirklich etwas, das Angst macht?

Das war vor ein paar Wochen. Auf dem Weg zur Arbeit dachte ich immer wieder: Was soll ich Dir nur schreiben? Im Zug wurde meine Stimme immer drängender. Ich stellte mir vor, mein Nachbar, der neben mir saß oder stand, könne hören, was da in meinem Inneren widerhallte. Erst wenn ich die Arbeit aufnahm, verschwand diese verborgene Stimme aus meinem Herzen und ich versuchte, so gut es ging, der Arbeit gegenüber loyal zu sein. Ich will meinen Job nicht verlieren. Aber gibt es auf dieser Welt wirklich etwas, das man als Verlust bezeichnen kann?

Auf dem Nachhauseweg wiederholte sich der Rhythmus meiner inneren Stimme und wurde immer aufgeregter, sie machte Sprünge in meinem Herzen wie eine Schafherde, die gerade aus dem Stall geholt wurde und mit Hilfe des Hirtenstocks in den ersten Augenblicken der Morgendämmerung auf die Wiese getrieben wird. In fast allen meinen Büchern verwende ich gnadenlos diesen Ausdruck: die ersten Augenblicke der Morgendämmerung. Wird die Übersetzung Dir vermitteln können, was im Arabischen mitschwingt? Ach, würdest Du doch diese Sprache jetzt beherrschen! Hast Du die Schafe in den ersten Augenblicken der Morgendämmerung gesehen? Sehen sie wirklich aus, als gingen sie zur Arbeit? Sind sie ihrer Arbeit gegenüber loyal?

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Alles, was es zu sagen gilt, und das Sagbare liegen auf dem Weg von mir zu dir

 

Berlin, 28. November 2023

Lieber Reber Yousef,

du beginnst deinen Brief formell, indem du meinen ganzen Namen ansprichst und nicht allein den Vornamen nennst. Ich finde das ehrlich, denn wir kennen uns nicht, deshalb folge ich deinem Beispiel, schlage aber vor, dass wir ab jetzt, ab unserer ersten Begegnung Reber und Deniz sind. Wir sind nicht zusammengekommen, man hat uns zusammengebracht. Ich kenne einen winzigen Auszug aus deinem Roman „Die Tuberkulose-Frauen“ und habe einen Brief von dir erhalten, der für mich übersetzt wurde. Du hingegen weißt von mir noch gar nichts. Nun beginne ich diesen Brief und stelle mir vor, dass ich ihn dir morgen bei unserer ersten Begegnung vorlese, vor einem Publikum, denn auch unser erstes Aufeinandertreffen ist formell, es ist Teil einer öffentlichen Lesung. Ist es nicht bezeichnend, dass diese Worte nur dir gelten, du aber der Einzige im Raum bist, der sie nicht ganz verstehen kann?

Etwas verstehst du wohl doch, einige Worte und Sätze, jemand flüstert dir vielleicht eine Übersetzung ins Ohr, du siehst meine Haltung, hörst meine Stimme, spürst die Reaktion der Zuhörenden – ich schicke etwas los, das dich erreichen soll, du hingegen empfängst ein anderes, und ich schätze genauso funktioniert Schreiben: Alles, was es zu sagen gilt, und das Sagbare liegen auf dem Weg von mir zu dir. Auf einem Feld, das wir durchqueren in den ersten Augenblicken der Morgendämmerung, vielleicht übernächtigt und der Fähigkeit beraubt, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden, vielleicht eben erst unruhig aufgewacht. Die Schafe sehen nicht so aus, als würden sie zur Arbeit gehen, sie haben alle Zeit der Welt.

„Die ersten Augenblicke der Morgendämmerung, als wir die Felder durchquerten“ – diesen Titel hast du deinem Brief an mich gegeben, ohne zu wissen, vermute ich, dass der zweite Roman, den ich geschrieben habe, den Titel trägt: „Gegen Morgen“. Denn ja, auch ich kenne die Schlaflosigkeit gut. Du schreibst, du bist schlaflos aus Angst um deinen Vater, für den eine Fahrt aus Hasaka nach Damaskus, notwendig für eine Operation am Auge, derart gefährlich sein kann – ich frage mich, wie lange habt ihr euch nicht mehr gesehen? Meine Schlaflosigkeit habe ich von meinem Vater geerbt, wachte er doch stets gegen vier in der Früh auf, weshalb ich die ersten Augenblicke der Morgendämmerung mit dem Geruch von Kaffee verbinde und dem gurrenden Geräusch der Filtermaschine und einem Menschen, allein in einem Raum.

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