Sie sind einander noch nicht begegnet, doch schon verbunden – durch die Poesie und ihre Leidenschaft, Poesie politisch zu denken.

Die Poesie muss Halt geben

Joachim Sartorius an Osama Al-Dhari

Berlin, den 14. Mai 2020

Lieber Osama,

auf unsere gemeinsame Lesung in Berlin hatte ich mich sehr gefreut. Nun ist sie wegen Corona verschoben worden. Es ist deshalb eine gute Idee, mit einem Briefwechsel zu beginnen, auch wenn es schwierig ist, jemandem zu schreiben, den man so gut wie gar nicht oder nur sehr mittelbar und unvollkommen kennt. In Deiner Heimat, dem Jemen, war ich nur ein einziges Mal, im Februar 2000, als noch ein prekärer Frieden herrschte.

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Jeden Tag weinte ich auf dem Platz der Revolution

Osama Al-Dhari an Joachim Sartorius

Aus dem Arabischen von Jessica Siepelmeyer

Donnerstag, den 28.5.2020

Heinrich-Böll-Haus, Langenbroich

Lieber Joachim Sartorius,

ich habe Deinen Brief erhalten, in dem Du Enttäuschung über die verschobene Lesung in Berlin äußerst, auf die auch ich sehr gespannt war. Außerdem sprichst Du von der Schwierigkeit, einer unbekannten Person zu schreiben. Aber von Briefen einmal abgesehen, ist das, was wir schreiben, ja immer an Menschen gerichtet, die wir nicht kennen.

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Gedichte sind Behältnisse für Erinnerungen. Manche sind auch Erste-Hilfe-Kästen

 

Berlin, den 29. Juni 2020

Lieber Osama,

vielen Dank für Deinen ausführlichen Brief. Du schneidest darin viele Themen an, die mich sehr berühren. Vor allem was Du zu Identität/Diversität geschrieben hast und auch zu dem Begriff ‚Heimat’, der ja selbst viel mit Identität zu tun hat. Auch für mich ist es nicht die Geographie, sind es Menschen, die die Heimat ausmachen, und die Sprache, in der man zu Hause ist. Vielleicht können wir darüber – und auch über die gescheiterte Revolution im Jemen in 2011 – sprechen, wenn wir uns im späten Herbst in Berlin treffen. Inshallah!

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Wir betäuben uns mit Metaphern und Fantasie

Aus dem Arabischen von Jessica Siepelmeyer

Langenbroich, 22.07.2020

Lieber Joachim,

ich habe mich sehr über Deinen zweiten Brief gefreut und bin auf unser Treffen im Herbst besonders gespannt.

Meinen Brief möchte ich gerne mit einem Zitat aus „Reflections on Exile“ beginnen. „Exil“, so schreibt Edward Said, „ist ein Zustand des absoluten Verlusts.“ An anderer Stelle heißt es in dem Aufsatz: „Heimat ist im tieferen Sinne das, von dem ich ausgeschlossen bin.“

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