Weiter Schreiben -
Der Newsletter

So vielstimmig ist die Gegenwartsliteratur.
Abonnieren Sie unseren Weiter Schreiben-Newsletter, und wir schicken Ihnen
die neuesten Texte unserer Autor*innen.

Newsletter abonnieren
Nein danke
Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
Logo Weiter Schreiben
Menu
(W)Ortwechseln > Abdalrahman Alqalaq & Katerina Poladjan > Reise in die Welt eines ununterbrochenen Schauderns - Brief 8

Reise in die Welt eines ununterbrochenen Schauderns – Brief 8

Katerina Poladjan an Abdalrahman Alqalaq, 22. April 2020

Bild einer Leninstatue in Hintersibirien. © Henning Fritsch
Lenin in Hintersibirien © Henning Fritsch

Lieber Abdalrahman,

dann singst Du mit den Bäumen und für die Bäume.

Wenn ich ehrlich bin: Ich singe nicht gern. Das mag daran liegen, dass ich in meiner Kindheit wenig gesungen habe. Meine Mutter hat mir nicht vorgesungen, weil sie selbst nur flüsternd singt, fast tonlos. Später habe ich laut und falsch gesungen und all die unschönen Töne liegen bis heute schräg in mir. In meiner Schulzeit habe ich ein katholisches Internat besucht. Zweimal in der Woche probte ein Chor. Die Teilnahme war für alle Schülerinnen verbindlich. In diesem Klangkörper habe ich mich aufgehoben gefühlt und manchmal wurde die Stimme meiner Nachbarin zu meiner.

Beginnt jemand einfach so zu singen, frei und klar, erstarre ich vor Ehrfurcht. Es imponiert mir ungemein. Das einzige Lied, das ich gut singen kann, ist das Lied „Reality“, gesungen von Richard Sanderson, aus dem Film „La Boum“. Warum auch immer ich mir dieses Lied gemerkt habe und warum auch immer es passabel klingt, wenn ich es singe. Es ist kein schönes Lied. Nur ein Wink in eine ferne Zeit. Wenn ich an diese Zeit denke – ich war um die vierzehn Jahre alt –, reise ich in die Welt eines ununterbrochenen Schauderns in alle Richtungen.

Bald sollen wir uns eigentlich in Hildesheim treffen. Ich fürchte, das Treffen wird nicht stattfinden, wie fast alles zurzeit nicht stattfindet. Wie werden wir uns an den 22. April 2020 erinnern? Übrigens der Geburtstag von W. I. Lenin – heute vor 150 Jahren. Als Kind habe ich ihn einige Male in seinem Mausoleum besucht. Opa Lenin wurde er genannt. Sein Bild hing nahezu lebensgroß in meinem Kindergarten. „Opa Lenin sieht dich und er hört dich, und wenn du nicht artig bist, rufe ich Opa Lenin an“, wurde uns gesagt. Heute kann man darüber lachen, das ist gut.

Gerade läuft ein außerordentlich dicker Kater an meinem Fenster vorbei. Die Katzen wandern durch unsere Briefe. Außerdem explodiert der Frühling.

Ich freue mich auf Deine Nachricht.

Katerina

 

Autor*innen

Datenschutzerklärung