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(W)Ortwechseln > Abdalrahman Alqalaq & Katerina Poladjan > Die Erstarrung der Welt im Frost ist ihm ewige Sehnsucht geblieben - Brief 10

Die Erstarrung der Welt im Frost ist ihm ewige Sehnsucht geblieben – Brief 10

Katerina Poladjan an Abdalrahman Alqalaq, 06. Juni 2020

Gasse in Stadtteil Schatila, Beirut, mit einen Bild von Arafat © Katerian Poladjan
Gasse in Schatila © Katerina Poladjan

Lieber Abdalrahman,

vor zwei Jahren bin ich im Libanon gewesen. Es war eine Recherchereise zu einem Romanprojekt. Am Morgen des 11. November besuchten wir das Nationalmuseum in Beirut und bewunderten frühgeschichtliche Zeugnisse von Griechen, Römern, Byzantinern und Ottomanen. Für den Nachmittag waren wir mit Patricia verabredet, einer ortsansässigen Journalistin, die uns in das palästinensische Flüchtlingslager Schatila führen wollte.

Schatila ist ein eigenes Stadtviertel mitten im schillernden Beirut, in das sich die meisten Libanesen nicht hineinwagten, so warnte man uns; ein Ort, an dem eigene Gesetze herrschten, Schauplatz eines der furchtbarsten Massaker des Bürgerkriegs, eine Insel des Traumas in einem traumatisierten Land, die man keinesfalls ohne ortskundige Begleitung betreten sollte.

Patricia stellte das Auto im Schatten des Camille-Chamoun-Stadions ab, über dem sich dunkle Wolken ballten, zu Fuß durchquerten wir vermüllte Brachen und einige Hinterhöfe, dann erreichten wir eine belebte Straße mit Marktständen und kleinen Geschäften. Dass der 11. November der Todestag von Jassir Arafat ist, wussten wir nicht, und auch Patricia schien überrascht, als sich die Straße plötzlich mit Schwerbewaffneten füllte, die militärische Marschmusik, die aus mannshohen Lautsprechern auf einem Kleinlaster schepperten, ins Innere des Lagers zogen. Kinder, Alte, Junge sangen, brüllten, marschierten, tanzten und trommelten. Als der größte Teil des Demonstrationszugs vorüber war, schlossen wir uns von Neugier getrieben den Nachzüglern an. An einer Straßenecke sprach ein Veteran wichtiger Kämpfe ins hingehaltene Mikrofon, an seiner Seite posierte ein Junge mit einem fürchterlichen Gewehr, das ihm während des Interviews einmal aus den unruhigen Teenagerhänden glitt und krachend zu Boden fiel.

Der Umzug verlor sich in den Gassen, die Wolken brachen und tränkten alles mit schweren Tropfen: die Fahnen und Transparente mit dem Konterfei von Jassir Arafat, die improvisierten Markisen aus Planen und Pappe, das unendliche Gewirr von Stromleitungen zwischen den Häusern, den schlammigen Boden und den verrottenden Müll. Der Regenguss reinigte nichts, er brachte den Schmutz zum Brodeln und Dampfen. Unter unseren Regenschirmen wateten wir hindurch und betrachteten das Elend der anderen, gerieten in eine Gasse, kaum breit genug für ein Moped, und flüchteten in eine Kaffeebar. Es war ein karger Raum mit zwei Tischen und einer Kaffeemaschine, an der Rückwand ein Regal mit Zigaretten und Milchpäckchen. Ein riesiger bärtiger Mann servierte Espresso in winzigen Pappbechern. Er fragte nicht, was wir hier wollten, aber er fragte nach unseren Namen. Als ich meinen nannte, fragte er mich, ob ich Russin sei, nicht nur wegen des Namens, sondern auch so, wie ich aussähe. Ich sagte, ja, irgendwie bin ich auch Russin.

Bis dahin hatten wir Englisch gesprochen, aber nun wechselte er ins Russische und erzählte, er habe in Kasachstan gelebt, das sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen. Und mit dem Wechsel in die andere Sprache veränderte sich sein ganzer Körper, seine Stimme wechselte das Timbre, und mit den weichen russischen Vokalen wurden auch seine Gesten weich. Was seinen Aufenthalt in Kasachstan so besonders gemacht habe, wollte ich wissen. Der Schnee, sagte er, und ich bemerkte, wie die Umstehenden kaum begreifend beobachteten, wie wir mit dem anderen Sprachraum auch eine ferne Klimazone betreten hatten, in die sie uns nicht folgen konnten. Walid erzählte von der Weite, von der Einsamkeit und wieder vom Schnee, von einer beruhigenden Decke über allem; die Erstarrung der Welt im Frost sei ihm eine Wohltat gewesen und ewige Sehnsucht geblieben.

Von diesem Erlebnis, lieber Abdalrahman, habe ich bisher gar nicht oder selten berichtet. Ich glaube, ich fürchtete und fürchte mich vor meiner Rolle beim Erzählen. Erzähle ich nicht einfach von eigenen Eindrücken, also von mir selbst? Aber wer bin ich, wenn ich von Armut, Ungerechtigkeit und zufälligen Verbindungen erzähle? Bin ich die privilegierte weiße Westeuropäerin, bin ich Russin, Armenierin, Frau, neugieriges Kind und/oder eine verblendete Intellektuelle, die sich über Militarismus und Gewaltkultur erhebt und sie missbilligt? Wer spricht und für wen? Wo beginnt das Sprechen für die anderen? Wo kann ich überhaupt sprechen, ohne jemals die unendlich komplizierten Zusammenhänge in der Welt durchdrungen und verstanden zu haben? Nirgendwo und niemals? Irgendwie bestehen wir aus Linien von höchst unterschiedlicher Beschaffenheit.

Auch in Berlin regnet es heute in Strömen und es ist wunderbar, im Bett zu liegen und dem Regen zu lauschen. Ich bin sehr früh aufgewacht, bin aufgestanden, habe mir Kaffee gemacht und mich wieder ins Bett gelegt. Ich tue nichts außer nichts. Oft verhaken sich meine Gedanken, dann muss ich ganz schnell aufstehen, aber heute liege ich da, lausche und lasse Zeit verstreichen. Darf ich das?

Liebe Grüße, Deine Katerina

 

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