Geburtstagsstück

Wie leicht werden einem hier
die Lügen zur Gewohnheit
Dich zu sehen
dich wiederzufinden
musst du ganz nah vor den Spiegel
Wie augenfällig sie dann sind
und wie verarmt und ausgehungert dein Lachen
In langer Nacht hat es sich verkühlt
In deinem Zimmer suchst du Zuflucht
Nicht einen Teppich hast du von deinem Vater geerbt
seine alten Blumen zu betrachten
zwischen seinen Fasern
in der Geschichte zu blättern
So schaust du bloß rissige Wände an
und draußen den kalten Winter
Ach, alle Unreinschriften deiner Gedichte
könnten den schneidenden Wind nicht abschirmen
Wie viele Sonnen lassen sich in einem Winter erbetteln?
Bist du einmal hier
gewöhnst du dich ans Lügen
Als Kind verstand ich die Sprichwörter nicht
aber ich fühlte, ich hätte
„mir die Wangen rosig zu schlagen“
wenn meine Eltern stritten
Durch die Lüge jedoch weiß ich
Erröten entblößt Wahrheit
Besessen habe ich nie etwas
Der Geist immer hungrig, durstig die Augen
Ich sprach mit niemandem darüber
Verbarg meine Armut
hinter gefletschten Zähnen
Mein Bruder war traumsüchtig
Ich wickelte mich in seine Wolldecke
in meinen verfrorenen Gedanken
einen Knoten aufzutauen
War einmal etwas Wärme darin
wagte ich zu fragen:
Warum lügt Hafez uns an?
„Dein verlorener Joseph, er wird zurückkehren in das gelobte …“ – geliebte Land
Auch dieses Jahr zelebriere ich
einen Irgendundzwanzigsten
mit meinen augenfälligen Lügen
Sie sind vielleicht das einzige Erbe dieses Landstrichs
Hofft mit mir
dass unsere Zeiten keine Aischa kennen
Aischa, die jede Nacht Jungfrau war
Aber, meine glücklichen Leser,
macht eure Nächte mit meinen Worten zum Tag!
Meine Worte
sind ewige Jungfrauen …

