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In der richtigen Farbe*

Tchenguita
© Pemba, Die Offenbarung der Natur, 100 x 120, Acryl und Collage auf Leinwand (2021)

 

Ich sehe mich im Spiegel und es ist wie ein Wiedererkennen aus anderen Leben; zugleich erkenne ich nichts von dem wieder, was ich bis vor Kurzem noch in diesem Leben war.

Meine Augen sind meine Augen, ich sehe mich, es sind aber nicht mehr die Augen, mit denen ich auf die Welt kam.

Um ehrlich zu sein, hasste ich diese Augen. Viel zu gewöhnliche braune Augen; wer will schon Augen haben, die wie die aller anderen aussehen? Es waren nicht meine. Meine befanden sich in mir, als weigerten sie sich aufzugehen. Manchmal schloss ich sie mit aller Kraft, wie um sie zu zwingen, sich zu verändern.

Ich spürte ein Stechen, wenn ich im Fernsehen, in Zeitschriften, auf Instagram Frauen mit blauen Augen sah. Es war, als hätten sie mir gestohlen, was ich selbst immer war. Was ich hätte sein sollen und nicht, was meine Eltern zur Welt gebracht hatten.

Ich fragte mich ständig, warum ich so geboren wurde. Ich hasste sie dafür, dass sich mich so geboren hatten. Das war nicht ich. Diese Ansammlung von Muskelmasse in Form eines Körpers. Es war nur ein anatomisches Skelett, das mich trug, nicht mein Körper. Es war nicht ich.

Nun diese tiefblauen Augen, mit denen meine Erlebnisse auf die Reise gehen als sei in mir das Meer. Das sind meine wirklichen Augen. Sie sind endlich verführerisch. Die Männer sehen mich an und werden nervös. Als ließe mein Blick allein sie zu Stein werden. Erstarrt und sprachlos. Das gibt mir Macht. Es gefällt mir.

Letztens drehte Ndala sich ungläubig zu mir um und gestand:

„Ich muss mich jeden Tag neu an dieses Du gewöhnen, das mir beim Aufwachen begegnet. Du bist es und du bist es nicht. Ich muss mich wohl damit arrangieren.“

Ich weiß, dass es schwer ist für ihn. Als wir uns kennengelernt haben, war ich noch eine andere. Ich hasste alles an mir, trotzdem hat er sich in mich verliebt. Ich glaube fest daran, dass er sich in das verliebt hat, was ich war. Nicht in das, was er sah. Denn das war ich nicht.

Jetzt bin ich es. Ich fasse mir ins Gesicht und ertaste eine feine Nase. Klein und stupsig, wie ich es mir immer gewünscht habe. Nicht mehr diese riesigen Nasenlöcher. Nicht mehr diese kartoffelförmige Spitze, für die ich mich schämte. Mein Gott, wie konnte ich nur so auf die Welt kommen? Nun habe ich eine schmale, gerade Nase mit der genau richtigen Breite. Ich habe die perfekte Nase! Was macht es schon, wenn sie manchmal läuft? Was macht es schon, dass es immer so aussieht, als sei ich erkältet? Besser erkältet als mit dieser viel zu afrikanischen Nase, wie ich sie früher hatte.

Schade, dass die Kinder, die aus meinem Leib kommen werden, nicht so sein werden wie ich. Ich hätte gern solche Kinder, aber so, wie ich war, konnte ich keinen Mann erobern, wie es mir jetzt möglich ist.

Was ich jetzt aber am meisten liebe, ist mein goldenes Haar. So seidig, so lang. Ich kann es bürsten und komme mir dabei vor wie eine wahrhaftige Königin. Ich habe mir sogar einen Schlafzimmerspiegel gekauft mit Lichtern und einer Stellfläche für alles, was man zum Schminken braucht. Ich bin Glätteisen und TCB los. Mein früheres Haar sah eher aus wie ein Haufen Schrauben, kraus, schlecht und trocken. Es ließ sich nicht einmal ordentlich glätten. Deswegen kam ich nie ohne Mittelchen aus. Oder Perücken. Ich hasste die Regenzeit. Mit Tüten auf dem Kopf herumlaufen, damit die Haare nicht nass und wieder schlecht werden.

Früher kämmte ich sie. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man kämmt oder bürstet. Der Kamm ist wie eine Kriegswaffe gegen das Gewirr dieser Haare. Die Bürste ist ein Schönheitsprodukt. Sie liebkost das Haar und unterstreicht seine Schönheit. Ich liebe mein neues Haar. Es steht für Weiblichkeit und für Schönheit. Es ist mir egal, dass es nicht mit mir geboren wurde. Jetzt habe ich es.

Was ich aber tatsächlich hasste, war diese Farbe. Wie Teer, so schwarz, dass sie vom blauen Dunkel der Nacht kaum zu unterscheiden war.

Meine Eltern liebten die Farbe. Sagten, ich sei wie die Geschichten, die man sich im Mondschein erzählt. Behaglich sei meine Farbe, ein Schwarz mit Nuancen von Blau, je nach Licht. Meine Mutter liebte mein Lächeln, mein dunkles Zahnfleisch sei ein so schöner Kontrast zu meinen weißen Zähnen. Zwei deutliche Farben, so unterschiedlich. Die sich nicht vermischten und doch verstörende Schönheit ausstrahlen würden.

Ich dagegen mochte das gar nicht. Schön oder nicht, es war nicht meins, nicht mein Körper, sondern der einer anderen. Ich war weiß. Gefangen in einem schwarzen Körper. Mit nichts davon identifizierte ich mich: nicht mit meinem Körper, nicht mit der Kultur.

Ich glaube nicht, dass meine Vorfahren schwarz waren, Ahnen, wie sie es nennen. Ich habe nichts gegen Schwarze. Ich gehöre nur nicht dazu. Mein Blut ist weiß, und so fühle ich mich.

Deswegen fasste ich mir ein Herz, um zu meiner wirklichen Farbe zu kommen. Als ich noch arm war, kaufte ich Cremes, um meine Haut aufzuhellen, aber damit war ich nie zufrieden, sie machten mich eher orange, und die Innenseite der Fingergelenke war immer noch schwarz. Ich verfolgte aufmerksam, was es Neues an Cremes gab, um die Haut aufzuhellen.

Einmal blieb ich Cousin Kassongo 500.000 Kwanza schuldig, wobei ich damals gerade einmal 50.000 verdiente in einer Boutique, die nichts von einer Boutique hatte, sondern eher ein Klamottengeschäft war, deren Besitzerin auf dem Markt und bei den Kongolesen einkaufte, die Sachen wusch, bügelte und dann behauptete, sie kämen aus dem Ausland; ich glaube, so etwas gibt es heute noch.

Als ich Ndala kennenlernte, hatte ich längst keine Hoffnung mehr, nie würde ich meine wahre Haut haben, meine eigentliche Farbe. Ich fühlte mich so erdrückt wie eine, die unter Klaustrophobie leidet in einem winzigen Zimmer, und mein Zimmer war diese Haut, die mir die Luft zum Atmen nahm. Das war die Zeit, in der ich es vermied, mich im Spiegel anzusehen. Ich stellte mich mir lieber vor, malte mir lieber aus, wie ich war, als mich mit der Wirklichkeit zu konfrontieren.

Zum Glück war Ndala reich und mochte das Mädchen, das ich damals war. Mit meinen kaum mehr als zwanzig Jahren. Er war ein Geschenk für mich. Derjenige, der mich mir zurückgeben sollte. Anfangs war es schwierig, ihn zu überzeugen, aber er liebte mich und hat für mich immer alles getan.

Ich wollte nicht nach Brasilien. Ja, dort ist die Schönheitsindustrie ganz vorn, aber die USA sind die USA und die Reality-Shows über plastische Chirurgie waren damals, als ich noch nicht war, was ich heute bin, meine Lieblingssendungen. Wir gingen nach Los Angeles. Es war schwierig, die Ärzte dazu zu bringen, meine Haut auszutauschen. Viele hielten es für einen Wahnsinn. Andere fanden es unethisch. Meine Hoffnung schwand: Wenn es nicht einmal in der Ersten Welt möglich war, wo dann?

Bis dann endlich jemand, der genauso verwegen war wie ich, die Herausforderung annahm, mich weiß zu machen: Dr. Youssef! Er sah mich und erklärte mir im Vertrauen, meine Haut sei sehr mitgenommen vom jahrelangen Gebrauch all der Bleichcremes ohne ärztliche Aufsicht.

Ein chemisches Peeling könne sie wieder in Ordnung bringen, doch die Prozedur sei langwierig, da ich ja nicht nur eine hellere Haut wollte, sondern eine neue Haut. Ich wollte nicht nur eine hellere Schwarze sein. Ich wollte weiß sein.

Ich habe mich immer als Weiße gesehen. Die Leute wundern sich darüber. Wer mich früher kannte, tut sich schwer damit, es zu glauben. Aber es macht mir nichts aus. Man hat das Recht, zu sein, wer man sein will.

Ich ließ nach und nach mit jeder Behandlung mehr Melanin entfernen. Es war sehr schmerzhaft, aber wer schön sein will, muss leiden. Und ich wollte meinen Körper zurück. Den Körper, der mir bei meiner Geburt verweigert wurde.

Ja, heute muss ich mit manchem vorsichtig sein. Ich darf mich nicht der Sonne aussetzen, meine Haut ist ja vollständig ungeschützt. Aber dafür habe ich Geld, jeder Raum meiner Wohnung ist klimatisiert, das perfekte Ambiente zum Schutz meiner Haut.

Ich gebe zu, manchmal sehne ich mich nach der Liebkosung der Sonne im Sommer. Aber es gibt nichts Schlimmeres, als sich nicht als sich selbst zu empfinden. Im falschen Körper zu sein, das wird niemand verstehen, weil niemand all diese Jahre gelebt hat wie ich.

Auch meine Lippen habe ich verkleinern lassen, sie waren zu groß für mein Gesicht, ließen mich grob wirken, waren viel zu auffällig, sahen aus, wie ein Haufen Fleisch, das man in mein Gesicht geklatscht hatte. Gott muss es eilig gehabt haben. Er hatte wohl zu viel zu tun an dem Tag, als er mich schuf, und hat sich deswegen beeilt.

Nur den Hintern habe ich so gelassen, es gibt doch nichts Aufregenderes als eine Weiße mit dem Po einer Schwarzen, der war das einzig Gute an dem, was ich früher meinen Körper genannt habe.

Ich habe meine Brustwarzen ändern lassen, ich wollte sie rosa . Nun sind sie so hell wie meine rosige Vagina – beides erinnert ans Paradies. Ich liebe es, mit Ndala zu schlafen und mich dabei im Spiegel zu betrachten, um das Meisterwerk zu bewundern, zu dem ich geworden bin. Es gibt nichts Aufregenderes als eine rosafarbene Vagina. Die Männer lieben es. Nur Ndala anscheinend nicht. Ich verstehe ihn nicht, meinen Mann.

Einmal sah er mich an und sagte: „Mbaquinha, ich fühle mich nicht mehr wohl damit, dich zu berühren. Es ist, als berührte ich ein Kind. Du bist so zerbrechlich. So haarlos. Du weißt, bei uns liebt man behaarte Frauen.“

Ich unterbrach in sofort, denn wenn es eines gibt, das ich nie wieder wollte, dann ist es, Mbaquinha genannt zu werden. Der Name widert mich an. Ich heiße jetzt Ester. Das ist der Name, mit dem man mich anreden soll. Wenn mich irgendwelche Verwandten hartnäckig Mbako nennen oder Mbaquinha, reagiere ich gar nicht.

Dieser Mann klammert sich arg an all das mit den Traditionen und Ethnien. Man möchte nicht glauben, dass er reich ist. Ich bin doch auch keine Ganguela mehr, war es eigentlich nie. Als wir auf Hochzeitsreise in Paris waren, fühlte ich mich wie zu Hause. Meine Vorfahren kommen von dort, da bin ich mir sicher. Sie sind intellektuell überlegen, Aufklärer! Dass Luanda und Paris exakt gleich riechen, darüber sah ich hinweg. Ich weiß einfach, dass Luanda viel mehr nach Urin stinkt als Paris. Die Leute hier sind Schweine. Es sind Wilde, die Dumpfheit liegt ihnen im Blut. Dort ist es etwas anderes. Es gibt überall Pissoirs. Eine andere Welt.

Heute bereite ich mich auf die nächste Reise vor, nach Los Angeles zu einer Nachbehandlung. In letzter Zeit habe ich auf der Haut seltsame Flecken, regelrecht Warzen. Eigenartig, aber es wird nichts Schlimmes sein. Nichts, was Dr. Youssef nicht in den Griff bekommt. Ndalito nehme ich auf solche Reisen immer gern mit. Ich liebe ihn trotz unserer Unterschiedlichkeit. Er hat mich gerettet und sich wie ein Vater um mich gekümmert, wie ein Freund, ein Gefährte. Der Flug geht um 18 Uhr. Mit einer Zwischenlandung in Dubai, wo ich mir bei der Gelegenheit gleich ein neues MacBook kaufen werde. Kleider kaufe ich natürlich lieber in Paris.

 

 

* Dieser Text ist eine Satire auf Komplexe bezüglich der Hautfarbe und möchte sich keineswegs über andere Erfahrungen nichtbinärer oder sexueller Identität lustig machen (Anmerkung der Autorin).

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