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Handlanger

Soroush Mozaffar Moghadam
© Ali Rahimi: From the collection of a quiet place, 44 × 29 cm, mixed media on Cardboard (2022)
© Ali Rahimi: From the collection of a quiet place, 44 × 29 cm, mixed media on Cardboard (2022)

(Der Krieg verdirbt die Seele des Menschen)

Jemand kauerte auf dem Hügel von Sandsäcken. Seine khakifarbene Uniform ließ einen zweifeln, ob er nicht vielleicht in Wirklichkeit ein Sandsack war. Ich zögerte nicht und stieß mit dem Bajonett zu, ihm in die Seite.

Mir war nicht klar, ob Blut herausfloss oder ob Wellen von Sandkörnern auf die Erde rieselten. Vielleicht hatte sich mein Gegenüber auch, solange er mich sehen konnte, hinunter in die Furt gewälzt und war geflohen.

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und stützte mich an die Wand des Unterstandes. Es war, als ob die Arschlöcher eingeschlafen wären. Seit einer Weile war von dem Getöse der Granaten und dem Husten der Gewehre nichts zu hören. Nicht mal im tiefsten Winter ließen sie locker. Das haben sie in den letzten fünf, sechs Jahren immer so gemacht. Plötzlich greifen sie an. Ehe du dich versiehst, kommt unverhofft eine Granate angeflogen und explodiert direkt vor deinen Augen. Es ist reines Glück, dass ich noch am Leben bin. Mehrere Kameraden haben schon das Zeitliche gesegnet. Einige von den Jungs hat es so erwischt, dass man nicht einmal die Reste ihrer Leichen gefunden hat.

Der Schatten der Wolke war vorübergezogen, und nun war der Mond nackt zu sehen. Massiv, fleckig und aufdringlich. Ganz ähnlich wie das zermalmte Gesicht jenes irakischen Soldaten, der in die Furt gefallen war. Ich lugte hinter dem Sandsack hervor. Es war wieder zu sehen, und es war dabei, Überreste vom Fleisch der Leiche des irakischen Soldaten zu fressen.

Es war ein gieriges Tier. Außer, dass es hungrig war, ließ sich nichts von ihm sagen. Von diesen Viechern gibt es hier eine ganze Menge. Sie haben so viel Fleisch von den Leichen gefressen, dass sie richtig dick und fett geworden sind. Eins von ihnen ist so groß wie ein afghanischer Ziegenbock. Es ist schwarz und stachlig. Es hat eine spitze, blutige Schnauze und kleine, rote Augen.

Ich kam auf die Idee, es zu zähmen, um mir die Langeweile zu vertreiben. In den ersten Tagen ist das Tier vor mir geflohen. Ich habe mit Stücken von trockenem Brot angefangen. Später habe ich ihm sehnige und fette Fleischstücke sowie Knochen hingeworfen. Es schnüffelte und jaulte.

Eines Nachts hatte ich am Fuß des Erdwalls gesessen. Ich hörte ein Geräusch und spürte, dass sich etwas bewegte. Schnell entsicherte ich mein G 3 und brachte mich in Stellung. Ich dachte, es sei ein irakischer Spähtrupp, der in der Nacht gekommen wäre, um mich einzukassieren. Aber solange ich auch wartete, es kam niemand. Ich beobachtete meine Umgebung. Dann sah ich, dass zwei rote, funkelnde Augen aus dem Graben unter dem Schutzwall mich anstarrten. Nach einer Weile erschien die Schnauze und danach der zottige, stachelbewehrte Körper. Es war ein Stachelschwein. Endlich fiel bei mir der Groschen. Es hatte Hunger. Ich rieb meine Handflächen wie Schmirgelpapier aneinander. Es war eiskalt. Ich murmelte: „Du bist gekommen, um zu sehen, ob ich schon schlapp gemacht habe, nicht wahr? Na, mein Lieber, ich bin ein echt zäher Typ, bei mir gibt’s nichts zu holen, Brüderchen. Such lieber nach den Leichen des Feindes!“ Es grunzte und knurrte. Ich hatte noch ein Stück altes Brot von der Nacht davor in der Tasche. Ich warf es ihm zu. Es zischte und stürzte sich auf das Brot. Da hatte ich einen Einfall.

Von dem Moment an kam es jede Nacht in meinen Unterstand, einen kleinen behelfsmäßigen Notunterstand. Wie ein Dämon ohne Hörner und Schwanz sah es aus. Einen halben Meter von mir entfernt rollte es sich zusammen und beobachtete mit seinen roten, durchdringenden Augen, was ich tat oder unterließ. Als ob es zum Tross des Todes gehörte. Manchmal kroch ich aus meinem Unterstand hinaus und brachte ihm Knochen und Brotbrocken, bisweilen – aber das muss unter uns bleiben – schnitt ich mit dem Messer Fleischstücke aus der Leiche eines toten Soldaten und warf sie ihm hin. Ich habe es richtiggehend dressiert.

Schließlich war es Zeit, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Ich ließ es absichtlich hungrig werden wie einen Hund. Dann wartete ich ab, dass es käme. Ich zeigte ihm sein Fressen, um seinen Appetit anzuregen. Dann warf ich die Nahrung, während ich gestikulierte und laute Rufe ausstieß, ein bis zwei Meter weiter. Das Stachelschwein wurde wütend und sprang auf das Fressen zu. Wenn ich nicht aufpasste, würde es vielleicht sogar mich selbst in Stücke reißen.

Nach und nach lernte es. Ich zeigte mit der Hand irgendwohin, daraufhin sprang es los und wurde wild. Mit seiner schwarzen, schmalen Schnauze und der Reihe scharfer, weißer Zähne sah es furchterregend aus. Wenn ich mich ihm zuwandte und etwas sagte, röchelte und stöhnte es. Das sollte heißen: „Ich verstehe dich.“ Bei Dunkelheit waren wir, das Stachelschwein und ich, in dem behelfsmäßigen Notunterstand allein. Wenn es nachts einmal nicht kam, war mir klar, dass ihm der Geruch frischer Leichen in die Nase gestiegen war und es dorthin gegangen war, um dieses Festmahl zu genießen. Unser Leid und das der Iraker waren für das Tier ein Freudenfest. Es war ihm egal, welche Seite angegriffen, Verluste erlitten oder sich zurückgezogen hatte. Ob es Saddam Husseins Leute von der Baath-Partei waren oder die fanatischen Anhänger Chomeinis, machte für es keinen Unterschied. Nur seine Augen sagten mir: „Die Iraker sind dicker, die haben mehr Fleisch und fettere Ärsche!“ Unsere Soldaten waren ja bloß ein Bündel trockener Knochen und eine Handvoll zerzauster Bartbüschel.

Ich sagte dem Stachelschwein immer wieder: „Du bist doch auch nur ein Trottel, der hier aufgetaucht ist, Bruderherz! Du bist mal hier, mal drüben. Hoffentlich bist du kein Doppelagent!“ Es knurrte und bleckte die Zähne. Als ob es lachte und sich über mich lustig machte.

Ich wurde wieder einmal vom Bataillonskommandeur ins Gebet genommen. Er sagte, ich sei auf dem Posten eingeschlafen. Jemand habe es gesehen und gemeldet. Ich kümmerte mich einen Dreck darum. Ich war nicht mehr der naive, unerfahrene Kerl vom Anfang des Krieges. Es war mir schnurzpiepe, ob ich Arrest bekam oder eine Belobigung.

Ich hatte gerade erst den Einberufungsbefehl an die Front erhalten, da war eine Kanonenkugel pfeifend herangesaust und ins Dach des Hauses und meines Lebens eingeschlagen. Meine Frau, meine neugeborene Tochter, mein Vater und meine Mutter, sie alle gingen in Rauch auf und stiegen zum Himmel empor.

Es ist kaum zu glauben, was mir passiert ist! Einige Augenblicke vor der Explosion war ich zu dem Brunnen nahe bei unserm Haus gegangen, um Wasser zu holen. Als ich zurückkam, sah ich, dass alles zu Asche geworden war. So als ob der erste Tag der Schöpfung sich noch nicht ereignet hätte …

Ich erinnere mich noch an die Zeit der Sturmangriffe, damals sah ich die Leiche eines irakischen Soldaten, die in einen Kanal gefallen war. Im Augenblick des Todes hatte er seine Hand fest an die Brust gedrückt. Ich wurde neugierig. In der Brusttasche des Soldaten fand ich den Schnappschuss einer üppigen Frau mit zwei Zwillingstöchtern. Die Kinder hatten schöne, unschuldig dreinblickende Augen. Sein Gesicht war so verzerrt, als ob er den Todesengel selbst erblickt hätte. Ich hielt es nicht mehr aus. Ich steckte ihm das Foto in die Brusttasche, entsicherte mein Gewehr, richtete den Lauf auf sein Gesicht und drückte ein paarmal ab!

Dann drehte ich die Leiche mit der Stiefelspitze auf den Bauch. Sein Gesicht hatte ausgesehen wie der greise Vollmond in den Nächten, in denen wir Sturmangriffe unternahmen. Jetzt muss ich jedes Mal, wenn ich den vollen Mond am Himmel sehe, an diesen jungen Soldaten denken. Er hieß Ahmad Baschir oder Ahmad Nazir. Das sah ich ihm an. Sein Gesicht schrie förmlich: „Dies ist Ahmad Nazir …“

Das Tier schnüffelte ungerührt nach Minen. Vor unserm Schützengraben lag ein breiter verminter Streifen Erde. Wenn man auf die falsche Stelle trat, wurde man ins Jenseits befördert. Das Stachelschwein ging in das verminte Gelände und schnupperte. Dann schob es langsam die Erde beiseite und schließlich kam die ganze Mine wie eine frische Mohrrübe in der Erde zum Vorschein. Und dann entschärfte ich sie. Der Teufelskerl hatte so viele Minen gesehen, dass er gelernt hatte, richtig mit ihnen umzugehen.

Als ich eines Nachts vor lauter Müdigkeit in meinem Unterstand eingenickt war, suchte es mich auf. Es rollte sich ein und starrte mir in die Augen. Wie von einer Feder getrieben sprang ich auf und wurde hellwach. Niemand hatte Verdacht geschöpft. So konnte ich mir in aller Ruhe den Befehlshaber vornehmen. Ich stand auf und schnalzte mit der Zunge, um das Tier anzulocken. Es grunzte und lauschte mir aufmerksam. Es trottete hinter mir her. Wir kamen zum Unterstand des Kommandeurs.

Ich sagte mir: „Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Du hast nichts getan. Dieser Kerl hat dich Jahre lang schlechter als einen Hund behandelt. Dieser Typ war es schließlich, der dich bei den Jungs vom Generalstab angeschwärzt hat und sich nach dem Tod des vorigen Befehlshabers ins gemachte Nest gesetzt hat. War es nicht ebendieser Frömmler mit dem Abdruck des Gebetssteins auf der Stirn, der all die Kindersoldaten bei diversen Sturmangriffen hat hochgehen lassen, der sie in den Tod geschickt hat? Wie hat er es nur so weit bringen können? Durch Schmeichelei sowie demonstrativ zur Schau gestellte Frömmigkeit und Gläubigkeit!“ Wieder einmal dachte ich: „Der vorige Kommandant hat während seines gesamten Dienstes nicht einmal Urlaub genommen. Aber dieser Typ nimmt sich alle zwei Monate vierzig Tage frei. Hat es meine Frau und Kinder, die in dem Krieg förmlich platt gemacht wurden, etwa nicht gegeben? Wer musste dran glauben: Meine Familie oder die von diesem falschen Wicht? Ich bin überzeugt, dass er seine Frau und seine Kinder an einem sicheren Ort in Teheran versteckt hat. Auch jetzt hat er dich angeschwärzt und will dich nun auf ein Himmelfahrtskommando schicken. Alles Schlimme, was ihm zustößt, geschieht ihm recht.“ Das sagte ich mir und fühlte, wie es in mir kochte.

Mehrere Nächte hintereinander hatte meine Aufgabe darin bestanden, die Umgebung der Schützengräben und Minenfelder abzusuchen. Das Stachelschwein kam immer mit mir. Ich legte Stücke von Knorpel und Knochen mit Absicht auf die Brust von Leichen, die noch nicht registriert worden waren. Dann stachelte ich das Tier an. Es sprang auf die Leichen zu. Es wurde ganz wild und zerfetzte ihre Leiber.

Unter den Kameraden lief ein Gerücht um, dass nachts Geister erschienen. Manche sagten auch, dass sie einen grüngekleideten Reiter auf einem riesigen, weißen Pferd gesehen hätten! Sie erzählten, dass dieser Ritter im grünen Gewand Schlüssel zu den Logen des Paradieses an der Front umlaufen ließe und an die jugendlichen Kämpfer verteilte.

Schon seit einer Weile hatte ich ohne Anlass Angst und war erschöpft. Ich sah jemanden in khakifarbener Kleidung auf den Sandsäcken hocken und das Glänzen seines Bajonetts, er starrte mir in die Augen. Als ich näherkam, verschwand er. Der Mond, der wie ein verschimmelter Käse aussah, stand starr und still am Himmel. Das Stachelschwein hatte zwei Nächte lang nichts gefressen. Schließlich kam es. Es röchelte und blieb wie angewurzelt vor mir stehen, als wollte es mir sagen: „Ich habe nichts gefunden.“ Der Schützengraben war leer und still. Ich griff nach einem Stück trockenem Knochen in meiner Tasche und hielt es ihm hin. Es rollte sich zusammen und winselte. Nun machte ich mich auf den Weg zum Unterstand des Befehlshabers. Ich bin überzeugt, dass der Herr Kommandeur vom siebten Himmel träumte.

Von weitem war das beklemmende Geräusch einer Klapperschlange zu hören. Das Stachelschwein folgte mir. Seine wilden Augen leuchteten. Als ob es mir sagen wollte: „Jetzt hat die Stunde für mein Attentat geschlagen.“ Lautlos und langsam öffnete ich die Tür des Unterstandes. Meine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Ich konnte deutlich hören, wie er schnarchte. Dann warf ich das Knochenstück – mit der Treffsicherheit eines geübten Dartwerfers – auf die Brust des schlafenden Mannes. Hurra, getroffen! Das Stachelschwein schoss wie ein Pfeil in die Unterkunft hinein und überfallartig zerbiss es ihm den Adamsapfel. Der Befehlshaber kam nicht einmal dazu, die Augen aufzuschlagen, um zu sehen, wer ihn umbrachte.

Ich rannte auf einem Umweg zurück zu meinem Unterstand und fiel bäuchlings auf den Boden. Es ging schon gegen Morgen. Seine Schnauze war blutbeschmiert und seine Augen hatten einen teuflischen Glanz. Satt und zufrieden glotzte es mich an. Sein Blick war wie der eines Mörders, der ins Fell eines Stachelschweins geschlüpft war.

Mehrmals habe ich meine Versetzung beantragt. Ich konnte dort unmöglich bleiben! Noch während des Hin und Her kam die Resolution 598·, und der Krieg ging zu Ende.

Wo sollte ich jetzt hin? Wartete denn außerhalb dieser Hölle jemand auf mich? Ich hatte nur mich selbst und die Kleider, die ich am Leib trug.

Seit der besagten Nacht meldete sich das Stachelschwein erstaunlicherweise nicht mehr bei mir. Als ob es nicht mehr existierte. Vielleicht hatte es begriffen, was ich mit ihm gemacht hatte. Ich wusste genau, dass es sich irgendwo in der Umgebung versteckt hielt und mich beobachtete. Die Zeit verging … und dann war es Mitte des Herbstes 1988. Es war Nieselregen gefallen und die Luft war feucht und frisch wie im Paradies, aus dem wir vertrieben worden sind. Ich suchte meine sieben Sachen zusammen. Ich musste mich von dem schützenden Graben, den Sandsäcken, den leeren Granatenhülsen, den versehrten Leichen und von der verbrannten Erde, von alledem verabschieden.

In der letzten Nacht an der Front beschloss ich, in meinem alten Unterstand zu übernachten. Ein nie gekanntes Gefühl zog mich an jenen Ort. Es war eine kalte Nacht. Bis gegen Morgen lag ich wach und ließ die vierzig Jahre meines unerfüllten Lebens vor mir Revue passieren.

Die Dämmerung brach an. Ich schulterte meinen Tornister und machte mich bereit abzurücken. Weit und breit war alles still. Es regte sich kein Lüftchen. Plötzlich sah ich einen Schatten und hörte ein Röcheln. Jemand kam zu dem Unterstand. Ich spitzte die Ohren und sagte mir: „Ich erwarte doch niemanden!“

Mein Gegenüber hatte khakifarbene Kleidung an. Als es näherkam, sah ich sein Gesicht. Ich stand da wie angewurzelt. Seine kleinen, roten Augen leuchteten in dem hellen Schatten seines Gesichts. Es sah grauenhaft aus, grauenhaft!

Es öffnete den Rachen und grinste mich höhnisch an. Zwei Reihen weißer, spitzer Zähne kamen zum Vorschein. Mit einer schnellen Bewegung warf es sein Gewehr auf den Boden. Dann stand es pfeilgerade mir gegenüber und rieb sich langsam die Hände. Ich fühlte ein Stechen in der Wirbelsäule. Da stand es leibhaftig. Ich schloss die Augen und wartete darauf, dass es sein Werk vollendete.

 

  • des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, mit der ein sofortiger Waffenstillstand zwischen Irak und Iran gefordert wurde

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