Komm ins Licht und umarme mich!

Ein Liebesbrief
Du stehst im Halbdunkel am Ende des leeren Raumes. Jedes Mal, wenn ich an der Tür vorbeigehe, rufst du nach mir. Ich drehe mich um und sehe dich, ruhig und beharrlich stehst du da. Die anderen aber verhalten sich so, als ob dort niemand wäre. Ich wünsche mir, dass du nur ein einziges Mal ins Licht trittst und mich umarmst, damit alle sehen, dass ich nicht lüge.
In diesen Tagen haben sich Dosis und Farben meiner Tabletten geändert. Zwei neue Farben sind zu der gewohnten Reihe hinzugekommen: ein blasses Rosa, wie ein im Körper verbliebenes Fieber, und ein Himmelblau, ohne jede Spur von Himmel. Nachts lege ich sie mir unter die Zunge. Ihre Bitterkeit breitet sich in meinem Mund aus. Dann presse ich die Finger auf meine Augen, damit der Schlaf mir nicht entkommt, doch die Worte strömen über meine Lippen und plötzlich erhebt sich meine Stimme, löst sich von mir und ich finde mich schreiend wieder.
Das kalte Metallbett beißt meine Füße. Die Pflegekräfte stürmen hektisch herein, ihre Hände riechen nach Desinfektionsmittel. Ich lächle ängstlich, ich wünsche mir, dass mich jemand in den Arm nimmt, doch das Bett hält meine Handgelenke mit seinem metallenen Mund fest und lässt mich nicht los. Dann wird mein Körper taub, mir bleibt die Luft weg, Tränen rinnen aus meinen müden Augenwinkeln und die Welt verschwimmt im Nebel. Die Decke senkt sich langsam und unaufhaltsam, bis nahe an meinen Mund. Ein Berg lastet auf meiner Brust mit Tälern voller Aasgeier und Leichen, der Gestank brennt in meiner Nase. Eine der Pflegerinnen kommt näher, ganz freundlich …
Ein kurzer Stich, eine Nadel in meiner Vene und ganz langsam wird der Berg von meiner Brust gehoben. Der Berg fällt zusammen, doch die Aasgeier bleiben. In der Mulde meines Schlüsselbeins bauen sie ein Nest. Im Zittern meines Halses und meiner Arme vermehrt sich etwas. Etwas Lebendiges, das Eier legt und Küken ausbrütet. Die Decke kriecht wieder nach oben. Die Tränen fließen. Meine Hände umklammern das Metallbett, als wäre es das Einzige, was mich noch stützt.
Du aber bist noch immer dort. Im Halbdunkel am Ende des Raumes. Bevor du meinen Namen rufst, tritt einmal ein in mein Weinen und nimm mich in den Arm. Komm und sieh dir diese Frau an … - diese schlaflose Frau mit den würdevollen blauen Flecken auf ihren Oberschenkeln, ihrer Brust und ihren Armen, die sich manchmal vorstellt, dass die Welt möglicherweise freundlicher zu ihr wäre, wenn ihre Haare golden wären.
Lass mich von der Sehnsucht nach den Bäumen erzählen, von der Sehnsucht nach dem Duft des Frühlings, von der Sehnsucht, in der Schlange vor der Bäckerei zu stehen, heiße Milch zu trinken und Dattelkerne auszuspucken. Von einer Frau, die einst ein verspieltes Kaninchen war und nun wie das letzte wilde Tier seiner Art in Fesseln und Ketten liegt, Fesseln und Ketten, die man nicht sehen kann, die sich aber mit jedem Augenblick fester zuziehen.

