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Verschwörung

Ahmed Awny
© Thana Faroq
© Thana Faroq, Elsewhere, Briefly, analoge und digitale Fotografie, gescannt und digital zusammengesetzt (2026)

 

I

Ich erinnere mich noch gut an die erste Verschwörung mit Reem, vor allem, weil es die einzige gewesen ist, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Reem wartete am Eingangstor der Schule, um mich nach Hause zu bringen. Ich ging auf sie zu. Sie stand bei ihrer Klassenkameradin Sally, die immer zu sprechen aufhörte, sobald ich kam. „Das ist nur was für Große“, sagte sie dann.

Ich war hin und her gerissen und Reems und meine Verschwörung half mir in keiner Weise weiter. Sollte ich langsamer gehen und riskieren, dass mich einer von Reems Mitschülern erwischt und mir einen Schlag in den Nacken verpasst, so wie die Großen aus der Fünften die Kleinen aus der Dritten nun mal für gewöhnlich begrüßten? Oder sollte ich schneller gehen, obwohl in der Ferne schon das Polizeiauto zu sehen war, das Nadas Vater jeden Tag vorbeischickte, um sie abzuholen? Aber damit hätte ich riskiert, dass ich früher ankomme und sich die Katastrophe des Vortags wiederholt: Nada, die ich so gernhatte wie jeder in der Klasse, hätte dann gesehen, wie Reem mich auf dem Nachhauseweg an der Hand hält, so wie meine Mutter es ihr aufgetragen hatte.

Vermutlich entschied ich mich dafür, schnell zu gehen. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, dass mir an jenem Tag einer der Großen einen Schlag verpasst hätte, was ich grundsätzlich zu vermeiden versuchte. Indessen erinnere ich mich noch an meine Verwunderung darüber, dass Reem mich trotz der Verspätung nicht ausgeschimpft hatte. Zudem verwunderte es mich damals, dass ihre Freundin Sally erst zu sprechen aufhörte, als Reem ihr die Hand auf den Mund legte, um sie auf meine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Sie dachte dann kurz nach, bevor sie mich fragte:

„Willst du kein Eis?“

Eine einfache Antwort schien hier nicht auszureichen. Als Reem mir ihr Taschengeld in die Hand drückte, blieb ich wie angewurzelt stehen. Etwas ist hier faul, vermutete ich. Normalerweise sagte sie, ich solle vor dem Tor warten, bis sie das Eis vom Kiosk auf der anderen Straßenseite geholt hätte, oder versprach mir, was auch öfters vorkam, dass sie mir auf dem Weg ein Eis kaufen würde, nur um kurz darauf ihr Versprechen zu brechen, ohne dies jedoch mit irgendeiner Sache, die sie von mir gewollt habe, in Verbindung zu bringen. Geschickt nahm sie eine 50-Piaster-Münze aus ihrer Tasche und entließ mich zum ersten Mal in die Freiheit. Sie zeigte nach drüben zum Kiosk. Ich musste also die Straße überqueren.

„Beeil dich!“,

sagte sie und wandte sich wieder Sallys gewichtiger Rede zu. Ihr Tonfall wirkte gelassen. Ich glaubte noch nicht so recht an unsere Verschwörung und hatte Angst, dass sie mir nur wieder einen Streich spielen wollte. Ich stand am Bordstein und war im Begriff, die Straße zu überqueren, mich sorgsam umsehend, ob meine Mutter auch wirklich nicht in der Nähe war. Denn ansonsten hätte Reem vielleicht behauptet, dass ich ihre Hand losgelassen und die Straße ganz allein und gegen ihren Willen überquert habe. Ich war noch ganz beschäftigt mit meinen Sorgen, da fuhr das Polizeiauto vor, um Nada abzuholen. Jetzt musste Schluss sein mit Zweifeln. Mich packte ein Anflug des Mutes und ich überquerte, direkt vor ihren Augen, die Straße zum ersten Mal ohne Reem.

Beim Kiosk angekommen, fand ich heraus, dass ich für meinen Mut einen noch höheren Lohn erhalten sollte als das Lächeln, von dem ich mir vorstellte, dass Nada es mir aus dem Auto heraus zugeworfen hatte. Ich öffnete die Eispackung und fand ein Rubbellos. Schnell kratzte ich die Schutzschicht ab: Ich hatte eine Kamera gewonnen! Bevor ich auch nur den ersten Freudensprung hatte machen können, senkte sich bereits eine Hand auf meine Schulter. In der Erwartung, dass es die Hand eines der Großen wäre, sagte ich mir, dass ich mich nur langsam in dessen Richtung umdrehen würde, denn vielleicht sah Reem, was hier vor sich ging, würde die Straße überqueren und mir zu Hilfe kommen. Dass es Reems Hand war, merkte ich erst, als sie mir mit der anderen das Los schon entrissen hatte. Nicht ich, sondern sie sprang jetzt vor Freude.

„Wow, ich habe eine Kamera gewonnen!“,

verkündete sie ihrer Freundin Sally.

 

II

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann die Auseinandersetzungen mit Reem ihren Anfang genommen hatten. Es könnte sein, dass ich mit ihnen erst zur Welt kam.

Aus dem Flur schien das Licht direkt auf Reems Bett und hielt sie vom Schlafen ab. Ich hatte Angst, im Dunkel zu schlafen. Während des letzten Jahres unternahmen wir mehrere Versuche, die Zimmertür so anzulehnen, dass der Lichtschein zwar gedämmt, aber nicht ganz unterbrochen wird. Die Kassette, die wir selbst bespielten, gehörte keinem von uns beiden allein. Damit sie zuhörte, wie ich die anstehenden Fußballspiele kommentierte, musste ich als Gast in der Sendung „An der Straßenecke“[1] auftreten. Im Auto meines Vaters befanden sich zwei Kassetten mit Musik. Wir fragten ihn, wie lange die Fahrt dauern würde, und teilten die Zeit in zwei Hälften. Eine für mich und eine für sie. Ich entschied mich für Songs von Ali El-Haggar, sie sich für Songs von Latifa. Oder ich willigte ein, mit ihr „Autobus komplett[2] zu spielen. Im Gegenzug musste sie dann mit mir alle Nummernschilder der Autos notieren, an denen wir vorbeifuhren.

Da wir eigentlich ständig stritten, fällt es mir schwer anzugeben, wer von uns auf dem Nachhauseweg das Los mit dem Kameragewinn in der Hand hielt. Es steckte wohl zwischen unseren ineinandergreifenden Händen. Ich dachte daran, dass ich, sobald wir nach Hause kämen, meiner Mutter gegenüber auf mein Recht pochen würde, schließlich war ich es, der das Eis gekauft hatte. Zugleich wusste ich aber, dass Reem so lange wach bleiben würde, bis endlich auch mein Vater nach Hause gekommen wäre, um wiederum ihm sagen zu können, dass das Eis mit ihrem Taschengeld gekauft worden war. Ich war bereit, ihr damit zu drohen, dass ich sie verpetzen würde, weil sie mich die Straße allein hatte überqueren lassen. Allerdings stieg in mir sogleich die Sorge auf, dass sie sich rächen würde, indem sie mich in der Schule bei meinem Spitznamen Mido riefe.

Mein Pläneschmieden wurden von den Schmerzen in meiner Hand unterbrochen. So fest wie ich Reems Hand umfasste, wusste ich nicht mehr, wer von uns beiden die Schmerzen verursachte. Ich war mir auch nicht mehr sicher, ob das Los überhaupt noch zwischen unseren Händen steckte. Ich überlegte nicht mehr länger und befreite meine Hand aus der ihren.

 

III

In einer Straße, die ich nicht kannte, hörte ich aus der Ferne Reems Stimme:

„Hab keine Angst, Mido, ich bin bei dir!“

Ich ignorierte, dass sie mich schon wieder bei diesem Namen rief, und wandte mich ihr zu. Es war, als würde ich die Schranke durchschreiten, die die Welten voneinander trennt. Auf der einen Seite war die gefährliche Welt, die ohne Reem. Auf der anderen die sichere, die mit ihr.

In meiner Vorstellung, die mit Tränen vermengt ist, umarmt sie mich und sagt:

„Das tut mir leid!“

Ich dachte, dass der gefährliche Abschnitt des Weges in der Sekunde begann, in der ich und das Los ihrer Hand entwichen, und zu Ende ging, als sie mich eingeholt hatte. Dann verstand ich, dass er gerade erst begonnen hatte, denn während ich mich wieder so sehr ich konnte an Reems Hand klammerte, fing sie in einer angsteinflößenden Weise an zu lachen und zu springen. Unversehens fanden wir uns in Straßen wieder, von denen ich glaubte, dass auch Reem sie nicht kannte. Diese Straßen schienen neue Straßen hervorzubringen. Ich erinnere mich nicht mehr, wann genau mir klar wurde, dass wir nicht nach Hause zurückkehrten, sondern flohen. Vielleicht war es, als Reem noch einmal vor Begeisterung sprang und erneut zu mir sagte:

„Hab keine Angst, Mido, ich bin bei dir!“

Aber das machte mir erst recht Angst. Jede Straße brachte einen neuen Alptraum mit sich. Wir werden vor Hunger sterben, die Erde erkaltet. Die Verrückten, die sich in den Straßen tummeln, werden uns angreifen. Reem wird mich allein lassen. Ich darf sie nicht verärgern. Wie soll ich allein leben und wann werden Fotos von uns auf Kanal 3 erscheinen, in der Sendung, die von der Suche nach Vermissten handelt? Dieses Gehen schien nichts als sich selbst hervorzubringen.

Bis ich irgendwann unsere Schritte unterbrach, zu Boden sank und einen Schmerz im Bauch fühlte, als hätte ich tagelang nichts gegessen. Als ich ihr sagte, dass ich Hunger habe, stand sie noch immer, bewegte ihre Lippen und fragte mich enthusiastisch:

„Magst du Nudeln?“

Ich sagte ja. Und obwohl ich sie dann auf einen Nudelladen direkt an der Straßenecke unseres Hauses zeigen sah, mischten sich in mir noch immer Begeisterung und Furcht, so als wären wir tatsächlich gemeinsam entweder auf der Flucht oder verloren. Ich dachte, dass auch Reem diese Mischung von Gefühlen in sich tragen müsse, die unsere Imagination dazu bringt, über unseren Verstand hinweg zu springen. Wir hatten beide noch das Pfund in der Tasche, das wir für gewöhnlich auf dem Nachhauseweg ausgaben. Während wir auf den Nudelladen zugingen, heckte Reem dennoch einen Plan aus und flüsterte ihn mir zu: Wir passen den Zeitraum ab, in dem sich kein einziger Kunde im Laden befindet. Wenn es so weit ist, gehe ich in den Laden und frage den Verkäufer nach zwei Tellern von seinen besten Nudeln. Und wenn der Verkäufer sie auf den Glastisch vor sich stellt, schnappst du sie dir und rennst in Richtung Ausgang. Reem würde ihn natürlich ablenken, indem sie einen Ohnmachtsanfall vortäuschte, wie meine Tante ihn seit ihrer Scheidung jeden Tag bekam. Der Mann würde herbeieilen, um sie zu retten, und die Teller vergessen. Ich würde mich draußen vorm Laden verstecken und warten, ausgerüstet mit einem Backstein, den ich dem Mann ins Gesicht schleudern würde, sollte Reem mir nicht nach einer Minute gefolgt sein.

 

IV

Bis heute habe ich die Enttäuschung nicht vergessen, die mich erfüllte, als Reem gerade reingehen wollte und meine Mutter plötzlich vor dem Nudelladen erschien. Jedoch auch nicht den süßen Gedanken an eine erneute Flucht mit Reem, der mir damals durch den Kopf schwirrte. Er war wie eine Vorahnung, die mich während der Zeit unserer Bestrafung nicht losließ. Wir mussten ohne Spielzeug im Zimmer sitzen und warten, bis mein Vater von der Arbeit nach Hause kam.

Sie erlosch, als ich den Schlüsselbund meines Vaters klimpern hörte und die Haustür aufging. Ich sah Reem das Los mit dem Kameragewinn aus einem ihrer Socken ziehen und verstand, dass sie es mir auf dem Weg irgendwie geklaut haben musste. Bevor ich meinem Vater auch nur ein Wort hatte sagen können, um mein Anrecht auf die Kamera zu verteidigen, umarmte er mich schon, drückte mich an seine Brust und streichelte meine Wange. Dann sagte er diesen geheimnisvollen und magischen Satz:

„Mann, du weißt aber, wie man seine Schwester beschützt!“

Bis heute weiß ich nicht, wie mich dieser Satz dazu bringen konnte, zu verkünden, dass Reem eine Kamera gewonnen hatte, und zwar noch bevor sie meinem Vater das Los zeigte. Ich war von etwas, das man über mich sagte und von dem ich wusste, dass es nicht wahr ist, wie benommen. Als ich am nächsten Tag mit Reem auf dem Weg zur Schule war, suchte mich erneut die namenlose Angst heim, die Angst, vor der allein Reems Hand mich beschützen konnte. In diesem Moment nahm sie meine Hand.

[1] „An der Straßenecke“ war eine sehr populäre ägyptische Radiosendung, über Jahrzehnte moderiert von Amal Fahmy, in der mit Gästen von gewöhnlichen Bürger*innen bis hin zu Politiker*innen und internationalen Stars über verschiedenste Themen gesprochen wurde. [Anm. d. Übers.]

[2] „Autobus komplett“ ist ein Wörterratespiel. Alle Spielenden erhalten eine Liste mit Kategorien. Nachdem ein Buchstabe per Zufallsverfahren festgelegt wurde, müssen die Spieler*innen für jede Kategorie ein Wort finden, das mit diesem Buchstaben anfängt. [Anm. d. Übers.]

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